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Rezension: Kairo. Offene Stadt: Neue Bilder einer andauernden Revolution

Ebner, Florian / Wicke, Constanze (Hrsg.) (2013): Kairo. Offene Stadt: Neue Bilder einer andauernden Revolution. Leipzig: Spector Books, 230 Seiten, ISBN: 978-3-940064-70-7

Felix Koltermann (Link: www.fotografieundkonflikt.blogspot.com)
Universität Erfurt

Auch drei Jahre nach den Massenprotesten in Kairo, dem Sturz von Präsident Mubarak und dem Zusammenbruch seines Regimes steht der Tahrir-Platz als Symbol für den Protest der ägyptischen Bevölkerung und ihrer bis heute unvollendeten Revolution. Dies zeigt sich auch auf dem Buchmarkt, wo eine ganze Reihe von Publikationen zu finden sind, die aus künstlerischer, literarischer oder wissenschaftlicher Perspektive die Ereignisse auf und um den Platz sowie seine symbolischen Bedeutungen zum Ausgangspunkt nehmen. Dies ist auch das Thema des von Florian Ebner und Constanze Wicke herausgegebenen Bandes „Kairo. Offene Stadt“ der im Nachgang der gleichnamigen Ausstellung, die im Jahr 2013 im Museum Folkwang in Essen sowie an verschiedenen anderen Stationen in Deutschland zu sehen war, erschienen ist. Der Band ist konsequent dreisprachig in Arabisch, Deutsch und Englisch gehalten. Der Textteil (S. 35 – 80) und die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten werden zu Beginn und zum Ende des Buches von Bildergalerien gerahmt. Dort finden sich unter anderem historische Fotografien, Bilder aus Galerien des Online-Portals Flickr, lokaler Medienkollektive und Bürgerjournalisten sowie professioneller ägyptischer und internationaler Fotografen. Sofort ist man dank dieser Bilder inmitten des Geschehens. Eine inhaltliche Einordnung findet in drei längeren Texten der Herausgeber sowie des Dokumentarfilmers Philip Rizk und der ägyptischen Künstlerin Lara Baladi statt. Ergänzt werden diese eher wissenschaftlich-essayistischen Texte durch Interviews mit Aktivisten und eine Vorstellung verschiedener in Ägypten aktiver Medienkollektive (S. 141 – 208).

Mit ihrem Einleitungstext skizzieren die Herausgeber ihren Weg von einem ursprünglich rein empathischen Zugang zu den Ereignissen in Kairo zu einem empirischen Sammeln visueller Zeugnisse. Demnach waren sie von der Frage umgetrieben, ob „sich im Arabischen Frühling die demokratische Dimension, welche der digitalen Kultur eingeschrieben zu sein scheint“ (S. 47), konkretisiert. Die massenhafte Verbreitung visueller Zeugnisse auf Youtube, Flickr oder Facebook ermöglichte es ihnen, „eine Art typologischen Querschnitt durch die Bildproduktion der Revolution zu liefern“ (S. 48) und dem Vergleich und der Interpretation durch den Leser zur Verfügung zu stellen. Dabei sind sie, trotz einer kritischen Einordnung der Bildkultur des Web 2.0, optimistisch gegenüber deren sich in Ägypten konkretisierenden Potentials, Empathie erzeugen zu können und damit die „zu einem rhetorischen Muster verkommene(n) Kritik Sontags an der Fotografie“ (S. 51) zu revidieren.

Einen radikal anderen Zugang zum Thema wählt der in Ägypten lebende und arbeitende Dokumentarfilmer Philip Rizk. Er spricht in seinem in Form eines Briefs geschriebenen Text den Leser direkt an und fragt, welche Rolle dieser bei der Konstruktion der Bedeutung und der Einordnung der Ereignisse in Ägypten spielt und versucht die Logik des Betrachtens offenzulegen. Rizk warnt vor einer Überglorifizierung der Proteste und kritisiert die damit verbundene Reduzierung der Proteste auf eine internetaffine, gebildete Mittelschicht und damit den Teil der Bevölkerung, der dem westlichen Medienkonsumenten am nächsten steht und vertraut erscheint (S. 61). Während er in den Aufständen von 1968, als dem zentralen Referenzpunkt Europas für Widerstand und Aufruhr, eine organisierte und intellektuell begleitete Revolution sieht, bezeichnet er die Geschehnisse in Ägypten im Jahr 2011 als einen „Aufstand aus Unzufriedenheit mit der politischen Realität unter neokolonialen Bedingungen“ (S. 63). Damit trägt er dazu bei, das Projekt „Kairo. Offene Stadt“ als einen kritischen diskursiven Raum zu begreifen und positiv von revolutionärer Lobhudelei abzuheben.

In ihrem Essay „Wenn sehen heißt dazuzugehören: Die Bilder vom Tahrir-Platz“ setzt sich die ägyptische Künstlerin Lara Baladi mit dem Verhältnis visueller Konfliktdarstellung und den Ereignissen in Ägypten auseinander. Den Bürgerjournalismus, wie er sich bei den Bildern der Menschen vom Tahrir-Platz in Reinform zeigte, leitet Lara Baladi von 9/11 ab, als dem „erste(n) historische(n) Großereignis des einundzwanzigsten Jahrhunderts, das von hunderten Menschen mit Digitalkameras“ (S. 75) dokumentiert wurde. Durch die Digitalisierung der Fotografie und Social Media sieht sie einen Durchbruch in der Demokratisierung der Fotografie. Gleichzeitig zeige sich die Fotografie in der Revolution als radikal „politische Handlung“ (S. 77) und breche so mit der Bildkontrolle des Mubarak-Regimes. Trotzdem verneint sie nicht die mit der Bilderflut verbundenen Risiken und mahnt ihn Anlehnung an Villem Flussers Essay über die Fotografie: „Bilder werden in rasanter Geschwindigkeit verbreitet und anschließend mit fehlender Distanz gedeutet“ (S. 78).

Welche schier unermesslichen Möglichkeiten es bei der bildnerischen, hauptsächlich fotografisch und filmischen Auseinandersetzung mit der Revolution in Ägypten gibt, zeigen die im Band abgedruckten Arbeiten. Heba Farids Sammlung historischer Bilder zeigt anschaulich die Geschichte der Repression im Ägypten des 20. Jahrhunderts. Die Bilder der Fotojournalisten der privaten ägyptischen Tageszeitung Al-Shorouk dagegen nehmen den Betrachter mit in den Alltag der Revolution und des Protests. Noch zu Zeiten des Bilderverbots des Mubarak-Regimes fotografierte Eva Bertram Kontrolltürme im Großraum von Kairo aus dem Auto heraus und fasste sie in der Serie „High Seats“ zusammen. Denis Dailleux setzt in „Memories of a Revolution“ durch Porträts von Angehörigen der Märtyrer der Revolution den Toten des Aufstands ein visuelles Denkmal. Die aufgrund der Ausgangssperre nach dem Sturz Mubaraks menschenleeren Straßen in Downtown Kairo filmte der Künstler Kaya Behkalam und versah diese mit Audiokommentaren von Menschen die über ihre Ängste reden.

Aber nicht nur der fotografischen und künstlerischen Auseinandersetzung wird im Katalog Raum gegeben. Auch die mediale Darstellung der Ereignisse in Ägypten wird begleitet und dokumentiert. Einfach, aber sehr aussagekräftig ist die Gegenüberstellung der Titelseiten nationaler und internationaler Tageszeitungen zu bestimmten Ereignissen der Revolution an der sich die unterschiedlichen Bildkulturen der Presse exemplarisch zeigen. Von großer Nähe zu den Ereignissen zeugen die von Alex Nunns zwischen 2011 und 2013 gesammelten Twitternachrichten. Aneinander gereiht ermöglichen sie quasi eine Live-Nacherzählung der Ereignisse im Sekundentakt.

Die Herausgeber Florian Ebner und Constanze Wicke wurden bei dem Projekt immer wieder von der Aktualität der Ereignisse und aktuellen Entwicklungen in Ägypten überrollt. So stellt die eigentliche Publikation die Ereignisse bis Juni 2013 dar. Ein Einleger versammelt darüber hinaus noch einmal Material das vom Juli und August 2013 nach dem Sturz Mursis stammt und die zunehmende Polarisierung in der ägyptischen Gesellschaft darstellt. Auch dies ist angesichts der aktuellen politischen Situation schon wieder überholt. Aber so bleibt Projekten wie diesem nichts anderes als an einem bestimmten Punkt einen willkürlichen Schnitt zu setzen.

Wer die Ausstellung in Berlin, Braunschweig, Essen oder Hamburg gesehen hat, der weiß wie vielschichtig und angesichts der Fülle der Bilder zum Teil überfordernd schon die Präsentation an der Wand und im Raum war. Dies in einer linearen Abfolge in einem Buch umzusetzen, ist ungemein schwieriger. Filme und Videos verkommen zu Stills, der Sound und damit der emotionale Zugang fehlen. Trotz allem ist „Kairo. Offene Stadt“ ein wunderbares Dokument der Zeitgeschichte und ein fast unerschöpfliches Archiv für diejenigen, die das Buch zum Ausgangspunkt weiterer Recherchen sowohl zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit den revolutionären Umbrüchen in Ägypten als auch zur Recherche über die visuelle Kultur, die sich um diese herum entwickelt hat, nehmen wollen. „Kairo. Offene Stadt“ ist radikal politisch und nah dran an den Geschehnissen der Revolution, ohne dabei in Revolutionseuphorie zu verfallen. Dabei ist zu hoffen, dass der Leser beim Betrachten eine ähnliche Erkenntnis gewinnt wie Florian Ebner und Constanze Wicke, die darin besteht, dass „die Repräsentation nicht wichtiger ist als die Realität, dass die Bilder auch den Blick auf das verstellen können, worauf sie eigentlich verweisen“ (S. 47).

Review: The Greek Crisis in the Media: Stereotyping in the International Press

Tzogopoulos, George (2013): The Greek Crisis in the Media: Stereotyping in the International Press. Farnham: Ashgate. 207 pages. ISBN 978-1-4094-4871-6

Review by Foteini Kalantzi, University of Macedonia, Greece

George Tzogopoulos offers a thorough analysis of the international media coverage on the sovereign debt crisis, which with the passage of time proved to be much more than that – a crisis of trust. He has brought his skills as a seasoned journalist to this in-depth study leveraging his journalism experience combined with original research.

Academics and specialists will gain insight from the wide spread of issues analysed. They will more easily appreciate the more technical side of Tzogopoulos’ analysis through the language of ‘metastasis’ effects, the ‘pathogenies’ of Greek society, and ‘Poleconomics in Unreliability’.  However, the book is also highly recommended for the lay reader, which at an initial level is an excellent reference for the developments of the Greek crisis. A holistic and objective view of events is often difficult to discern amongst the mass of personal opinions and specific news stories which proliferate in the media. Here Tzogopoulos manages to offer a perfect balance of historical context, an overview of the crisis, and via the media analysis, a concise outline of causes and symptoms of problems afflicting Greece.

The book commences with a clear outline of his methods, chapters and goals. In Chapter 1 via his theoretical framework, Tzogopoulos discusses agenda-setting and offers a definition of framing according to the famous Entman definition. He suggests that this theory will be important for his qualitative analysis on the portrayal of the Greek saga by the international media. The task of analysing ‘the International Press’ is a daunting one and he has chosen a representative sample of ‘elite’ broadsheets, tabloids and financial papers from a selection of key countries, i.e. the UK, US, France, Germany, and Italy.

In Chapter 2, the writer begins by highlighting that default is not exactly new to Greek history, but weaved into the historical events of the past century or more. A background to the Greek political reality defined by themes such as ‘statism’ and ‘clientelism’ is offered. Tzogopoulos is quite open and balanced in his assessment on public life, the political system and governance. He provides a solid introductory background of pertinent Greek history since EEC accession in 1981 until the beginning of the crisis in 2009. The chaotic problems of Greek economy are mapped out, including the uncontrolled Greek deficit, lack of competitiveness, tax evasion, fiddling of numbers, corruption and transparency issues. The great puzzle throughout is the hanging question of how Greece managed to enter the Eurozone.

The book also focuses on the relationship between Greece and the EU. In chapter 3, Tzogopoulos discusses the dichotomy between difficult internal decisions on the one hand and the negative political climate on the other, the lack of consensus within the Greek political elites and the painful austerity measures, along with the enduring but discomforted Greek citizens. He educates the reader about the key features of the crisis such as the Memorandum of Understanding, the Medium Term Fiscal Strategy Plan, bailouts, austerity measures, and crucially the political and media tumult to which we bore witness. He highlights the “lack of social consensus and the continuous reaction to a policy of change” with the trade unions representing “the driving force behind the opposition to various reforms” (p. 55).

At the heart of the book, he follows with several chapters of quantitative and qualitative analysis with a focus on the latter. The quantitative chapter 4 is not the greatest strength of the book, but adds some context/numbers to the analysis and a few interesting points. For example, it demonstrates that the number of articles published about Greece increased sharply from 2010.  Interestingly, German newspapers published distinctly more articles than the other sampled countries. A more sophisticated quantitative analysis could have provided significant insight, e.g. it would have been interesting to see the distribution of subjects over time or across countries, and this would have complemented his qualitative chapters well.

The qualitative analysis (Chapters 5-6) is a discussion of central issues and themes ‘framed’ by the international media supported by selected representative examples from his sampled publications. In Chapter 5, he focuses on the wider political and economic issues as viewed from the international level, such as fear of domino effects, the nepotism and (un)reliability of Greek politicians, Papandreou’s call for referendum, the IMF, and potential default / euro exit. A key theme is that although there is consensus in the overall critique of Greece, differences are evident in coverage from different nations due to e.g. internal divisions within the EU (i.e. French and Italian attitudes to the dominant Germany) and French and Italian fears that they might be the next victims of the crisis (in contrast to the “more hostile and ironic” UK-US-German views (p.129)).

Here lies one of the problematic aspects in the book. Although Tzogopoulos highlights the differentiation between the different countries’ coverage, he says that “foreign journalists have, as a whole, reported developments in the Hellenic Republic in a clear, comprehensive and fair way” (p.155). In his effort of drawing an all encompassing conclusion about the stance of the international press, he falls in a trap of simplification.

In chapter 6, his second qualitative section, he focuses on the domestic problems within Greek society, i.e. the causes and the symptoms of the crisis. The subjects he selects as ‘framed’ by the international media include corruption, tax evasion, stifling bureaucracy, civil service inefficiency, financial uncertainty, citizens’ anger at political parties, strikes, protests, and difficulties enforcing laws. He also covers the international media’s special attention on personal stories dealing with unemployment, poverty, hunger, homelessness and youth emigration. He highlights the media’s strong preference to focus on the negative, with positive outcomes and the successes of e.g. Greek shipping marginalised in reporting.

Overall, the book is in itself broad in scope, edifying, and highly readable. The main critiques lie within the expectations Tzogopoulos establishes from the outset.

Residing in the book’s title is the concept of “stereotyping”. When he does address the issue, his view is not as clear-cut as his personal opinion on the overall crisis (which is offered along with proposed solutions in Chapter 8). In Chapter 7, he ultimately concludes that “populist rhetoric and production of stereotypes…do not mirror general coverage” and that “foreign journalists did not distort the image of Greece after the crisis broke out” (p.155). However, this sits uneasily with his discussion of overgeneralisation (i.e. unfairly attributing blame to the entire society) (p.113), the media’s focus on negative stories (p.133), and his assertions that the difference with the other PIIGS- States (abbrev. for Portugal, Italy, Ireland, Greece and Spain) is that “no stereotypes for their societies have been largely produced” (p.133) (an incidentally questionable statement). One of his central concluding points is that rather than distorting Greece’s image, the international media contributed to the internationalisation of the image of Greece and the suffering faced by its citizens, however this assertion is not sufficiently examined nor supported. Overall, stereotyping is not a concept that is explicitly dealt with throughout the book.

A further critique relates to his application of the concept of ‘framing’. In Chapter 1, he promises to qualitatively analyse subjects via the logic of framing. Instead, his qualitative chapters are simply a detailed analysis of the key problems affecting Greece and supported by a range of examples from the international press. His selection of topics regarding the economic and political problems is undeniably thorough, however it is not discussed under the suggested framing prism. A discussion about the international media’s choice of themes, its focus (over-representation) of certain aspects, and mode of coverage would have realised his invocation of framing and added depth to the study. In particular it would have been interesting to see his analysis placed within the problematics of media ownership, neo-liberal realities and communication theories like the Chomskyan approach (which he refers to at the outset).

Tzogopoulos maintains a mostly objective and explanatory approach throughout. He has clearly structured his analysis into historical context and exploratory themes. Although framing theories have not been applied as one would expect and the issue of stereotyping has not been overtly tackled, the book is nevertheless an excellent contribution to the understanding of the Greek crisis and a forerunner to further analysis on these themes.

Review: Afrika! Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung

Sturmer, Martin (2013): Afrika! Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung. Konstanz; München: UVK Verlagsgesellschaft. 192 Seiten, ISBN: 978-3-86764-323-8

Review von Michael Waltinger

Afrika! „[D]as ist der Kontinent von Hunger und Elend, das Rückzugsgebiet von machtgierigen Diktatoren, die Brutstätte von Kriegen und Gewalt.“ (S. 11.). Mit diesem Satz fasst Sturmer die Muster gängiger Afrikaberichterstattung in den deutschsprachigen Medien zusammen. Aber weshalb ist diese so monoton, wie sie ist?

Sturmer fragt vor dem Hintergrund zunehmender redaktioneller Sparmaßnahmen, ob ein differenzierter Afrika-Journalismus (Auslands-korrespondenten, Reisekosten, usw.) überhaupt zu bewerkstelligen ist. Die Antwort nimmt er vorweg: „Ja. Wie? Durch einen einfachen Wechsel der Perspektive“ (S. 11). Er schlägt vor, die Afrika-Berichterstattung nicht über Auslandskorrespondenten zu lösen, sondern afrikanische Journalisten selbst über ihre Heimatländer berichten zu lassen. Das spare nicht nur Unterhaltskosten für teure Auslandsbüros – die Berichterstattung gewönne auch an Qualität und Authentizität. In Zeiten von Internet und Social Media sei dies ohnehin schon „längst keine Frage des Könnens mehr, sondern schlicht eine des Wollens“ (S. 11). Die Beweisführung hierfür anzutreten ist Ziel des Buches.

Das aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive verfasste Werk analysiert hierzu zunächst recht knapp publizistische Trends, die für die derzeitige Afrika-Berichterstattung verantwortlich sind (Kap. 2). Das sind zum einen eine durch wirtschaftlichen Druck schwindende Zahl an Auslandskorrespondenten und ein damit zusammenhängender Fallschirmjournalismus. Zum anderen macht Sturmer einen zunehmenden deutschen Regional- und Lokalfokus aus. Letzteres sei ein journalistischer Trend, der sich an medienökonomischen Motiven (Publikumsnachfrage) ausrichte. Ein geringes Interesse für Auslandsberichterstattung sodann recht pauschal an vermeintlich niedrigen TV-Marktanteilen von Weltspiegel (ARD), Auslandsjournal (ZDF) und Weltjournal (ORF) zu exemplifizieren erscheint jedoch fragwürdig.

Interessiert sich doch einmal jemand für Afrika, so Sturmer, dann nur im Katastrophenfall. Dabei ist Afrika „im Aufwärtstrend – eine Entwicklung, von der Medienkonsumenten im deutschsprachigen Raum so gut wie nichts mitkriegen“ (S. 25). Wie es zu derartigen Verzerrungen zwischen medialer Berichterstattung und afrikanischer Lebensrealität kommt, analysiert Sturmer in einer profunden inhaltlichen Bestandsaufnahme eines defizitären Afrika-Journalismus (Kap. 3). Problematische Strukturmerkmale der Berichterstattung (nach Hafez, 2005) sind die Überbetonung negativer Aspekte (so genannte ‚K-Themen’: Kriege, Krisen, Katastrophen, Krankheit, Korruption, Kriminalität). Dazu kommt, dass über Afrika im Gegensatz zu anderen Weltregionen wenig berichtet wird – und wenn, dann nur über ausgewählte Eliteländer (Regionalismus und Metropolenorientierung). Im Falle einer Berichterstattung findet eine Konstruktion von Afrika als ‚Kontinent der Diktatoren’ statt; d.h. ein Fokus auf Regierungen, Militär oder Rebellen bei gleichzeitiger Marginalisierung nichtorganisierter Teile der Gesellschaft (Politik- und Elitenzentrierung). Die Vernachlässigung von politischen, ökonomischen, sozialen oder kulturellen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen führt darüber hinaus zu einer oberflächlichen Auseinandersetzung mit Katastrophen und Entwicklungsfragen (De-Kontextualisierung). Neben diesen Strukturmerkmalen kritisiert Sturmer die ebenso von Negativismus als Kernmotiv dominierte Bildauswahl der Afrikaberichterstattung, bei der zwischen Safari-Traum, blutrünstigen Kriegern und wasserbäuchigen Kindern kein Platz für afrikanische Wissenschaftler oder Wirtschaftsexperten zu sein scheint. In der Berichterstattung vorzufindende unreflektierte sprachliche Verfehlungen, die auf kolonialistische oder rassistische Konzepte zurückgehen, tragen weiter zu einem verzerrten Afrikabild bei: Seien dies der ‚Stamm’, der eine niedrigere Stufe der Entwicklungsleiter suggeriert, die ‚Buschmänner’ (für die selbiges gilt), der ‚schwarze’ Kontinent (dunkel, böse, unheimlich) oder die ‚Dritte’ Welt (Unterentwicklung aus westlicher Sicht).

Problematisch sind vor allem die Folgen einer so gelagerten Berichterstattung, denn so entstehen „Vorurteile, die Afrika und seinen Menschen schaden“ (S.55). Eine übermäßige Risikobetonung behindern Handel und Tourismus, Betroffenheitsmüdigkeit beeinflusst die Spendenbereitschaft bei humanitären Krisen negativ, medial konstruierte Stereotype können die Integration von Menschen afrikanischer Herkunft in deutschsprachigen Ländern hemmen.

Auf diese inhaltliche Ist-Analyse setzt Sturmer kommunikationswissenschaftliche Grundlagen auf (Kap. 4), in denen er solide – theoretisch und mit vielen Beispielen aus der Afrika-Berichterstattung – darlegt, wie die Nachrichtenselektion sowie der Einfluss von Nachrichten auf das öffentliche Diskussionsklima zu erklären sind. Er beginnt im Kleinsten – bei der Nachricht selbst. Welche Eigenschaften von Ereignissen bestimmen deren Selektion (Nachrichtenwerttheorie bzw. Nachrichtenfaktoren)? Weiter geht es über mediale Strukturen und individuelle Journalistenpräferenzen (Gatekeeper-Forschung und News-Bias-Ansatz) bis hin zur Wirkung der journalistischen Selektion auf das Publikum (Agenda-Setting, Framing).

Als letzten Baustein vor dem Schlussplädoyer analysiert Sturmer überzeugend die Rolle, die unterschiedliche Akteure in der Afrika-Berichterstattung spielen (Kap. 5). Ein Großteil der Auslandsberichterstattung basiert auf den Informationen von Nachrichtenagenturen – hier dominieren die ‚westlichen Schwergewichte’ DPA, AP, AFP und Reuters, was zu einem Ungleichgewicht auf dem globalen Nachrichtenmarkt führt. Unterschiedliche Versuche, hier Gleichgewicht herzustellen (NWICO, PANA), bleiben letztlich erfolglos. Aus Unwissen über den Kontinent resultiert ein Desinteresse von Abnehmerredaktionen an Afrika-Themen. Es wird sich lieber an internationalen Leitmedien orientiert – das gibt Sicherheit, auf die ‚richtige Agenda’ zu setzen. Internationale Hilfsorganisationen als Kommunikatoren mit lokaler ‚Expertise’ neigen schon allein aus Eigeninteresse zu Negativismus und Übertreibungen: Um an Spendengelder zu kommen ist die Betroffenheitsmüdigkeit zu überwinden. Von afrikanischen Nationen beauftragte internationale PR-Agenturen, die Fakten um Krisen kommunikativ verzerren, tragen jedoch ebenso wenig zu einem realistischen Afrika-Bild bei.

Zuletzt wendet sich Sturmer dem Hauptanliegen des Buches zu: Der Beweisführung, dass eine differenzierte Afrika-Berichterstattung möglich ist (Kap. 6). Dass ein Rückgriff auf lokale Korrespondenten als Hauptinformationsquelle trotz mangelnder Medienfreiheit in vielen afrikanischen Nationen möglich ist, führt er auf technologische Errungenschaften zurück: Mobiltelefon und Internet machen die Nutzung von Skype, Twitter oder Facebook und damit sowohl die Verfügbarkeit von Informationen als auch die Kontaktaufnahme mit lokalen Journalisten und/oder Bürgerjournalisten einfacher. So wird ‚open’ bzw. ‚networked journalism’ mit lokalen, authentischen Sichtweisen möglich. Dass sich ein solcher Ansatz letztlich auch in einer differenzierten Berichterstattung niederschlagen kann, zeigt Sturmer, indem er zunächst eine Inhaltsanalyse von Beiträgen der Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS) – welche auf von lokalen Journalisten verfasste Beiträge setzt – durchführt. Vergleichsgröße für die Inhaltsanalyse sind die Analysen (deutscher) Leitmedien von Mükke (2009) und Glodzinski (2010) – beides Studien, auf welche sich der Autor in weiten Teilen des Buches bezieht. Auf die Inhaltsanalyse, die Unterschiede zwischen den Beiträgen deutscher Leitmedien und jenen von IPS im Sinne einer differenzierteren Berichterstattung zeigen konnte, setzt Sturmer eine Medienresonanzanalyse dieser Beiträge bei den Salzburger Nachrichten (SN) auf. Als Ergebnis sieht er eine Veröffentlichungsquote von lediglich 7,7 Prozent. Dieser Umstand weist auf die Schwierigkeit hin, dass sich für Angebote wie das von IPS kaum jemand zu interessieren scheint. Sturmer berichtet hier von der eigenen Nachfragesituation bei seiner Nachrichtenagentur afrika.info, welche die Afrika-Beiträge von IPS-Deutschland in Österreich an über 30 Redaktionen verbreitet: „der Großteil nutzt das angebotene Material gar nicht oder nur sehr sporadisch“ (S. 142).

Letztlich hält „Afrika!“ die Messlatte, die der Autor sich auf dem Buchdeckel selbst legt: Es ist ein Plädoyer – logisch hergeleitet und gut argumentiert. Lediglich das angehängt wirkende Kapitel 7 (bestehend aus vier Seiten) zur viralen Social Media-Kampagne gegen Joseph Kony (2012) hätte der Autor besser im Kontext seiner Überlegungen zum Potenzial von Social Media in der Afrika-Berichterstattung diskutieren können. Auch die zu detaillierten Ausführungen zu Struktur und Geschichte von IPS hätten weniger langatmig sein dürfen, tragen sie doch kaum zur Zielerreichung des Buches bei.

Review: Wir sind die Medien. Internet und politischer Wandel in Iran

Michaelsen, Marcus (2013): Wir sind die Medien. Internet und politischer Wandel in Iran. Bielefeld: Transcript Verlag, Reihe Kultur und Soziale Praxis, 350 Seiten, ISBN 978-3-8376-2311-6

Review von Christine Horz, University of Erfurt

Im Nachhall des „Arabischen Frühlings“ sind bereits eine Reihe von Büchern und Aufsätzen über die Rolle und Funktion der Medien bei den Umbrüchen erschienen, unter anderem in einer Special Edition in diesem Journal (Vol. 2, Nr. 1, 2012). Marcus Michaelsen widmet sich nun in einer Monografie, die auf seiner Dissertation beruht, noch einmal ausführlich dem, wie er schreibt „Prolog“ des Arabischen Frühlings – den Protesten der Grünen Bewegung im Iran nach der wohl gefälschten Präsidentschaftswahl im Jahr 2009. Bereits in der Einleitung bettet der Autor die Ereignisse in Teheran in die spannungsreiche Frage ein, ob dem Demokratisierungspotential des Internets überhaupt zu trauen sei angesichts gezielter Zensurmöglichkeiten, Propaganda und Überwachung. Letztere werden – wie die Enthüllungen Edward Snowdens mittlerweile deutlich machten – nicht nur von „undemokratischen Herrschern“ genutzt, wie Michaelsen noch schreibt (13).

Der Band ist in drei Teile gegliedert. Der erste und theoretische Teil geht in einem Dreischritt vor. Im ersten Kapitel werden zunächst politische Transformationstheorien vorgestellt: der Ansatz des Systemwandels, die Annahme einer Persistenz autoritärer Staaten im Mittleren Osten sowie die Bedeutung der Zivilgesellschaft bei der Demokratisierung. Michaelsen bescheinigt Iran eine Sonderrolle im Vergleich zu den arabischen Ländern, die es letztlich erschwere, vorhandene Konzepte wie den Neopatrimonialismus auf das iranische politische System zu übertragen, u.a. weil auch der Revolutionsführer Khamenei Koalitionen schmieden und Kompromisse eingehen muss (33), um sich an der Macht zu halten. Der Ansatz des Systemwandels wird aus zwei unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet: zunächst dem Modell der „strategischen und konfliktfähigen Gruppen (SKOG)“ nach Schubert und Tetzlaff (24/25) – einem Systemwandel, der auf Koalitionen und Kompromissen zwischen den regierenden Eliten und einem dynamischen, gebildeten Teil der Gesellschaft beruht – sowie dem Systemwandel „von unten“ durch die Zivilgesellschaft (38f). Der Autor verweist knapp auf das Konzept der „defekten Demokratie“, wobei an dieser Stelle eine breitere Einordnung der Diskussion in die Demokratie- und Post-Demokratiedebatte spannend gewesen wäre. Im Unterkapitel zum Demokratisierungspotential der Zivilgesellschaft greift Michaelsen neben dem liberalen, Habermas‘schen sowie kritischen, Gramscianischen Modell einen besonders interessanten Gedanken auf, nämlich jenen, der das Politische auf alltägliche Handlungen ausdehnt und dadurch auch gesellschaftlichen Praxen mit geringem Organisationsgrad Veränderungspotential bescheinigt.

Das zweite Kapitel im Anschluss verknüpft die Bedeutung der Medien in politischen Wandlungsprozessen mit Ansätzen der Transformationstheorie und Zivilgesellschaft. Zunächst geht Michaelsen allgemein auf die Bedeutung von Medien und Öffentlichkeit im deliberativen Demokratiemodell ein, wonach Medien idealerweise nicht nur informieren, sondern auch eine Diskursfunktion einnehmen und zur Meinungs- und Willensbildung beitragen (48). Da die normativen Vorstellungen einer allen offenstehenden Diskurssphäre tatsächlich eingeschränkt sind, formieren sich Stimmen der Zivilgesellschaft in Gegenöffentlichkeiten. Dies gelte in autoritären Systemen in besonderem Maße. Es ist allerdings die Frage, inwieweit sich die auf westliche Gesellschaften orientierten Ansätze auf ganz andere historisch-politische Situationen übertragen lassen. Spannend ist jedenfalls, dass Michaelsen die implizit vorhandenen „kommunikativen Handlungen“ sowohl in den Ansätzen zur Zivilgesellschaft als auch dem SKOG-Modell explizit macht (53). Konfliktfähige Gruppen, so Michaelsen, leisten in „Kleinen Medien“ und Gegenöffentlichkeiten eine komplexe Symbolarbeit – Framing, in dem sie das Geschehen deuten, interpretieren, bewerten, dadurch ihr Handeln legitimieren und Anhänger mobilisieren (60). Der Medienbegriff bleibt in diesem Kapitel insgesamt etwas vage, so ist meist unklar von welchen Medien die Rede ist und in welchem Verhältnis sie zum (demokratischen bzw. autoritären) Staat stehen. Auch Zivilgesellschaft und konfliktfähige Gruppen sind an dieser Stelle noch nicht ganz trennscharf voneinander zu unterscheiden.

Im dritten Theorie-Kapitel lotet Michaelsen Grenzen und Potentiale des Internet bzw. netzbasierter Medien in politischen Transformationsprozessen aus. In Distanz zu einem technikdeterministischen Blick auf das Netz soll nicht ein direkter Einfluss des Internets auf die politische Entwicklung analysiert werden, sondern „die Art und Weise wie es in bestehenden Praktiken eingebettet ist sowie daraus entstehende Konsequenzen“ (80). Konkrete Potentiale des Internets hinsichtlich Demokratisierung sieht Michaelsen in Funktionsleistungen wie der Informationsdiversifizierung im Netz, der Umgehung vorstrukturierter und zensierter Massenmedien („Informationskaskaden“), seiner Geschwindigkeit und seiner Netzwerkstruktur – welche jedoch auch die staatlichen Überwachungsmöglichkeiten vergrößert (89).

Der zweite Teil der Arbeit geht nun dezidiert auf den Aspekt der politischen Transformation und die Medien im Iran ein (99ff). Nach einem komprimierten Abriss der Entstehung und Geschichte der Islamischen Republik und ihres, sowohl theologisch-republikanischen Regierungssystems benennt der Autor im zweiten Kapitel nun konkret „strategische und konfliktorientierte Akteure in Irans politischer Elite“ (115), die vom Revolutionsführer über die Revolutionsgarden (Pasdaran), bis hin zum breiten Flügel der Konservativen und schließlich der Pragmatiker und Reformer reichen.

Hauptakteure der iranischen Zivilgesellschaft sind demgegenüber neben der Studenten- und Frauenbewegung die religiösen Intellektuellen, die nicht nur für eine liberalere Auslegung des Islam plädierten, sondern sich auch gegen die dominante Rolle der Geistlichkeit in der politischen Führung des Landes aussprachen.
Im vierten Kapitel geht Michaelsen knapp und prägnant auf die iranischen Medien ein. Die Monopolstellung des staatlichen Rundfunks IRIB fungiert demnach als staatliches Machtinstrument, der in der Gunst des Publikums auch neben den weitverbreiteten aber illegalen Satellitensendern bestehen kann. Was die öffentliche Meinungsbildung betraf stieß die Grüne Bewegung deshalb an ihre Grenzen, denn der Staatsrundfunk wurde den Reformern verwehrt, so dass in der Wahlkrise 2009 letztlich nur die urbane, internetaffine Mittelschicht Zugang zur netzwerkartigen Kommunikations- und Mobilisierungsstruktur hatte. Die Presse hat hingegen in der Geschichte der Islamischen Republik, neben langen Phasen der Zensur und Kontrolle, durchaus immer wieder kurze Phasen der journalistischen Freiheit wie zuletzt unter Staatspräsident Khatami, erlebt.

Abschließend zieht Michaelsen eine „Zwischenbilanz“ (165), in der er die Wahlkrise von 2009 auf die schwere Legitimationskrise zurückführt, in die die Islamische Republik Iran bereits in der Rafsandschani-Ära geraten war. Sie zeigte auch, dass sich strategische und konfliktfähige Akteure des Reformlagers mit zivilgesellschaftlichen Gruppen verbanden, um schließlich als Grüne Bewegung „die Stärkung republikanischer Elemente des Systems“ voranzubringen (167).

Der dritte Teil der Arbeit („Internet und Politik im Iran“) beginnt mit einem Überblick über die Etablierung des Internet im Iran. Beeindruckend sind die hohen Nutzerzahlen, die die Popularität des Netzes im Iran belegen; etwa die Hälfte der Iraner/innen nutzt das Internet. Dem steht der Anspruch staatlicher Akteure gegenüber, nicht nur an dessen Ausbreitung beteiligt zu sein, sondern auch durch Maßnahmen wie gezielte Drosselungen der Übertragungsgeschwindigkeit für Privatleute, Blockade bestimmter Websites und Filter politisch und moralisch unerwünschter Inhalte zu kontrollieren. Detailliert analysiert der Autor, wie die staatliche Internetpolitik nach und nach gebündelt wurde, „um ein möglichst umfassendes Kontroll- und Zensursystem für die Kommunikation im Internet zu errichten“ (190).

Wenn im Folgenden die Webseite Emruz sowie Debatten in einem Weblog detailreich analysiert werden, erweist sich das Fehlen eines ausführlichen Methodenkapitels als Manko, das durch einen Umriss des methodischen Vorgehens im Anhang jedoch zum Teil wett gemacht wird. Die Analyse umfasst einen Zeitraum vor der Wahlkrise 2009, während der Kommunalwahlen 2006. Michaelsen beschreibt, wie das Nachrichtenportal Emruz während der ersten Amtszeit Ahmadinejads trotz Repressalien zu einem der wichtigsten Informationsmedien avancierte, weil es politische und wirtschaftsbezogene Nachrichten der Reformbewegung bündelte. Spannend ist die Analyse einer Blogdebatte, in der Befürworter und Gegner eines Wahlboykotts, die Michaelsen ausführlich zu Wort kommen lässt, diskutierten. Die Blogdebatte konnte, so wird deutlich, zumindest im Kleinen Meinungsbildungsprozesse mitgestalten. Die gewonnen Erkenntnisse wendet Michaelsen nun im sechsten und letzten Kapitel auf die dynamischsten Triebkräfte der Zivilgesellschaft (Frauenbewegung) bzw. der Reformbewegung (Grüne Bewegung) an.

Frauenmagazine im Netz entstanden zunächst deshalb, weil die unter Khatami stark angewachsene Frauenpresse im Zuge der „autoritären Regression“ (283) wieder dezimiert wurde. Dort entwickelten sie sich alsbald zu eigenständigen Organen, in welchen nicht nur feministische und rechtliche Fragen erörtert wurden, sondern auch neue Möglichkeiten für Frauen in den weit abgelegenen Provinzen Irans entstanden, die plötzlich Zugang zu einer spezifischen Frauenöffentlichkeit hatten. Bloggende Journalistinnen setzen sich häufig mit den herrschenden Moralvorstellungen auseinander und sind folglich in doppelter Hinsicht Repressalien ausgesetzt – als politische und feministische Aktivistinnen.

Die Grüne Bewegung schließlich, die sich nach der Präsidentschaftswahl 2009 formierte, griff auf bereits etablierte Kommunikationsnetzwerke im Internet zurück. Angetrieben und motiviert wurde sie einerseits durch den Wunsch auf einen Wechsel hin zu einem reformorientierten Kurs und andererseits durch den erfolgreichen „Bürgerwahlkampf“ (299) des moderaten amerikanischen Präsidenten Obama ein Jahr zuvor. Die Kampagnen schwappten in den öffentlichen Raum über, je näher die Wahl rückte und auch der transnationale Charakter offenbarte sich, weil die offizielle Facebook-Seite von Mussavi von einem in Deutschland lebenden Iraner betrieben wurde. Die Frage, ob die Nach-Wahl-Proteste eine „Twitter-Revolution“ waren, wurde, so Michaelsen, vor allem in westlichen Medien gestellt, die erstmals registrierte, dass in Iran eine junge, internetaffine und politisch interessierte Zivilgesellschaft existierte. Die politischen Mobilisierungsmöglichkeiten von Web 2.0 Anwendungen sieht Michaelsen hinsichtlich der Grünen Bewegung insgesamt begrenzt, weil es ihr letztlich an „kohärenter Führung und Organisation“ (316) mangelte.

Auf spannende und kenntnisreiche Weise hat Michaelsen in seinem Buch aber geschildert, dass die im Internet entstandene Debatten und kommunikativen Vernetzungen nicht nur die „konservative Führungsriege herausgefordert“ haben (318), sondern zu einer Diversifizierung der Meinungsbildung im Inland sowie zur Wahrnehmung der iranischen Reformbewegung im Ausland geführt haben.

Review: Global Television Formats. Understanding Television Across Borders

Oren, Tasha; Shahaf, Sharon (2012): Global Television Formats. Understanding Television Across Borders. New York and London: Routledge. 392 pp. ISBN 978-0-415-96545.3

Review by Anne Grüne, University of Erfurt

Contemporary worldwide media environments experienced massive changes in recent years. The remarkable impact of social media and broader processes of digitalization and mobilization, which in turn preceded the rapid dynamics of media convergence, are the most common phenomena to name. Thus, it appears reasonable that the academic interest in particular developments and pheno¬mena of television, the classic fulcrum in global media studies, seemingly decreases. However, the collection edited by Tasha Oren and Sharon Shahaf from the University of Wisconsin-Milwaukee and Georgia State University, proves television studies to be a still relevant, fruitful and highly contentious field of enquiry for understanding entangled media environments in the 21st century. Especially the accelerated circulation of television formats illustrates contemporary layers of global, transnational, national, and cultural connections. Oren herself concludes in the collection’s final essay “the global TV format is now television in its purest form” (p.379), attributing the format’s symptomatic status to its functionality and the “dynamic feedback loop it generates between convention and innovation, locality and the (mediated) world” (ibid.).

Indeed, the legal formatting of entertainment concepts has become a highly visible mode of production in the global entertainment business. In turn, forms of creative borrowing, reiteration, and reproduction are deeply rooted in the history of televisual and cultural production in general. Formatting allows the flexible recombination of televisual conventions and social settings with their multi-layered global, transnational, national, and local traces. It is thus reasonable and necessary that the editors recall the need for more “nuanced and contextualised frameworks” beyond binary conceptualizations such as global/local or core/periphery in global media studies (p.2).

This edition reflects the increased academic awareness of the significance of TV formats for global television. Both established as well as emerging scholars in the field contribute to the volume and provide a wide range of knowledgeable insights into contemporary television environments. The analytical and empirical approaches that help to interrogate the format phenomena in the context of global media dynamics are manifold.

In order to organize the 18 essays the editors favour a topical clustering over that of regional, genre-centric, or methodological approaches. The first part assembles theoretical discussions of TV formats. Silvio Navarro and Dana Heller scrutinize the potential of performance and critical dance theory to inform conceptual understandings of contemporary dance television formats. Heller emphasizes the significance of the human body and movement as bearers of discourses of collective identity. In her view, dance translates and reconfigures perceptions of global or national identity and as such serves as an instrumental social text. In a similar vein, Navarro considers the cultural significance, creative autonomy, and the “generative quality” of local adaptations (p.29). In contrast to common understandings, adaptations are not merely derivatives of seemingly stable models provided by the original formats. Adaptations are rather highly contextualized re-interpretations or re-enactments. According to the author, the meandering “between repetition and creativity” (p.33) within format adaptations illustrates the fruitful analogy with the concept of performance.

Eddie Brennan provides a contrasting perspective by re-emphasizing the critical political economy frame. He draws attention to the audience pleasures which are offered by the most internationally successful formats. According to his preliminary empirical validation of goal orientations in exemplary formats, the pleasures are very similar as well as limited in scope. They are “in harmony with the individualist ethos of market orthodoxy” (p.81). Thus, he illustrates the interrelation of commercial orientation and textual attraction. The argument, however, does not account for the various media repertoires or actually experienced pleasures of given audiences.

The logics and dynamics of format and genre developments are focal points within the remaining two discussions in this theory-oriented section. Tony Schirato analyses the format logic in mediated sports events. He shows how developments in a sport such as cricket and developments in television sports coverage overall mutually influence one another. Yeidy M. Rivero reveals how television genres can operate as formats in particular television environments and in particular historical moments. Thus, the author includes “the travels and the industrial, thematic, and cultural adaptation of television genres” in the definition of formats as practices (p.92). She bases her argument on a thorough investigation of malleable structures, interpretations and classifications of a bilingual situation comedy in U.S. television which serves as a diasporic cultural artefact.

Although these diverse analytical perspectives are fruitful in detail, they stimulate the theorization of particular cases rather than the understanding of formatted television and border-crossing phenomena in general. For example, Heller and Navarro both reduce their analyses to competition-based formats. They leave open to debate if the proposed theoretical translations are applicable to scripted and fictional formats. The same applies to discussions of mediated sports and format pleasures. Considerations about the analogies of televisions formatting practices and other forms of creative borrowings and reinterpretations (transfers of styles and structures in other dimensions of cultural production) remain under-explored. This also applies to discussions and/or categorizations of the potential borders referred to in the subtitle of the collection. The articles loosely refer to comprehensive frameworks in social theory and even more so highlight particular cases. Oren’s concluding essay offers alternative meta-analytical impulses to the classification of formats or to the global/local nexus, which is often stated to be inscribed in global television formats. As an example might serve her discussion of the modular logic of television in which content remains local but in which conventions and codes – the “soft protocols of reiterational televisual style” (p. 379) – are rather universalized deep structures.

The historical dimension of TV formats informs a variety of essays in the collection. Among them is the description of the institutionalization of format practices in European television with regard to public service models of broadcasting and the flux relation to the U.S.-television environment by Jérôme Bourdon. Furthermore, Chiara Ferrari provides a case study of national, regional, and global signifiers in early Italian show adaptations. And Paule Torre investigates the shifting role of Hollywood in the global marketplace of formats as well as Hollywood’s responses to these transformations. Finally, Joseph Straubhaar’s profound examination of internal and external exchange processes and practices in Brazilian’s television history illustrates in detail the dynamics within a particular geo-cultural region. At the same time, the author returns to broader concepts of hybridity in transnational television by considering the cultural dialogs involved in the evolution of telenovelas.
Overall, the collection’s emphasis on the complexities of historical patterns and the social and cultural situatedness of TV formats enriches our recognition of television histories in various geographical regions as well as our understanding of their entanglements with transnational and global developments.

In a similar vein, the essays on the politics of place and nation, which are mirrored in TV formats, emphasize the sustaining importance of regional, local, and national contexts as opposed to global dynamics. Marwan Kraidy reveals contentious readings of reality formats in liberal Lebanon and conservative Saudi Arabia. His contribution is also theory-driven as he reconsiders the social and political implications of reality casting shows for a hypermedia space, which captures the convergence of transnational communication spaces. Michael Keane and Lauhona Ganguly’s discussion of the role of format adaptation in more comprehensive developments of privatization and commercialization focuses on broader transitional conditions of television industries in China and India. Sharon Sharp’s textual analysis of domestic reality television in the USA, Britain and Chile highlights representations of social conflict and the negotiation of national identity. In their investigations of various Idol versions, Biswarup Sen, Joost de Bruin, Martin Nkosi Ndlela and Erica Jean Bochanty-Aguero similarly accentuate the various representational strategies that help to construct and transmit collective imaginations of national and ethnic identities and entities in TV formats.

To conclude, the collection reflects the increased re-integration of TV format studies into the analytical terrains of textual and cultural analysis. It is therefore surprising that the volume lacks profound references to theories of popular culture or the vivid field of audience studies. The selected case studies are dominated by (con-)textual analyses of representational strategies and exclude, for example, reception-oriented analyses. Thus, actual readings and responses to formats by various audiences are not investigated here. If, however, television is considered to be a “larger cultural frame that shapes collective senses of the global” (Oren, p.367) format-scholarship should take into account discourses especially in cultural and reception studies and should further invest in analyzing and scrutinizing collectively shared imaginations and frames. Moreover, the range of case studies considered in the collection is limited to a number of common international hit shows. Likewise, it would have been desirable to recognize dynamic developments in particular geo-cultural regions in a more balanced and systematic way. For example, transformations of television systems and conventions in Eastern Europe and Russia are not represented at all; the various impulses that the format trade has given to indigenous reality formats in the Arab world are not reflected. This applies also to circulations of television style in East Asia. In this respect, the volume does not cover the empirical complexity of today’s format circulation. Moreover, definitions of the television format are neither coherent nor fixed. Formats are understood as television products, as cultural practices and artefacts, as broader textual categories or as symbols of global economic trajectories (p.4). In short, the reader might feel at a loss when he or she aims at exploring a systematized analytical terrain of television formats. Nevertheless, the edition provides a useful and important academic overview and is to be recommended to all those interested in television formats. The collection offers nuanced analytical understandings of television though a few loose ends remain to be tied up.

Review: Transnational Protests and the Media

Cottle, Simon/ Lester, Libby (eds.) (2011): Transnational Protests and the Media. New York et al.: Peter Lang. 352 Seiten, ISBN 978-1-4331-0985-0.

Review von Carola Richter

Der Band, herausgegeben von Simon Cottle von der University of Cardiff und Libby Lester von der australischen University of Tasmania, ist 2011 erschienen, mitten in einer Zeit, als sich der „Arabische Frühling“ in seiner Blütezeit befand und sich die Occupy-Bewegung gerade formierte. Auch wenn der Band diese Entwicklungen nicht vorhersehen konnte und auch nur in einem Nachwort streifen kann, so scheint das Grundargument exakt den Nerv der Zeit zu treffen: Cottle spannt einen analytischen Rahmen auf, in dem er konstatiert, dass die heutige „Medienökologie“ eine Transnationalisierung von Protestbewegungen viel schneller ermögliche und deshalb Protest-Medien-Relationen viel stärker in einem transnationalen Kontext betrachtet werden müssten (S. 18). Im Wesentlichen wird damit auf den dezentralen und transnationalen Charakter des Internets abgezielt. Gleichzeitig hätte sich der traditionelle Ansatz, wie wir ihn aus der Forschung zu sozialen Bewegungen kennen, zur Analyse von Protestbewegungen überholt, da Medien mittlerweile selbst eine Gelegenheitsstruktur und Ressourcen darstellen und nicht mehr nur Instrumente der Akteure sind (S. 20). Während die erste These ein häufig gehörtes Wunschdenken reflektiert, ist letzterem Argument durchaus zuzustimmen, allerdings ohne die Technologie-Fokussierung einiger AutorInnen des Bandes mitzutragen. Denn die Nutzung und der Zugang zur „Ressource“ Internet ist nach wie vor abhängig von nationalen Systemvariablen, und auch mediale Gelegenheitsstrukturen bilden sich nicht getrennt von politischen und ökonomischen Voraussetzungen heraus, wie allein die prominenten Beispiele China, Iran oder Kuba deutlich machen.

Die HerausgeberInnen versammeln neben den eigenen rahmenden Beiträgen, 17 eher kürzere Artikel zu verschiedenen Case Studies, die sie in vier Teile aufteilen, die wiederum typische Handlungsfelder von Protestbewegungen reflektieren, die nicht nur auf ein Land beschränkt sind: Proteste gegen Krieg/ für Frieden; Proteste im Kontext von Wirtschaft und Handel; Umwelt und Klima sowie Menschen- und Bürgerrechte. Die Ansätze und auch die Qualität der Beiträge ist dabei – wie so häufig bei Sammelbänden – sehr unterschiedlich. Die AutorInnen sind größtenteils aus Großbritannien, Australien oder Nordamerika, was in gewisser Weise eine Lokalisierung des Transnationalen in der westlichen, englisch-sprachigen Hemisphäre zur Folge hat.

Wenn man die These des Herausgebers ernst nimmt, dann gilt es eigentlich, zu untersuchen, wie bestimmte Veränderungen der medialen Infrastruktur und konkrete Strategien von Protestbewegungen zu ihrer Transnationalisierung führen. Interessant wäre dabei zu sehen, ob und wie sich diese prognostizierte Transnationalisierung auch über die Grenzen autoritärer Politik, sprachlicher Disparität und Bildungsgefälle manifestiert. Dies nehmen aber nur wenige AutorInnen tatsächlich in den Blick und rahmen ihre Überlegungen auch eher essayistisch als mit konkretem empirischen Material wie David Archibald, der sich mit der „democratization of image-making technologies“ (S. 138) beschäftigt oder Kevin DeLuca et al., die eine Verschiebung von der „publics sphere“ hin zu „public screens“ (S. 143f.) diagnostizieren. Bei beiden Autoren scheint aber die Technik-Gläubigkeit zu überhöht. Einen (auch methodisch) interessanten Einblick in die tatsächliche Vernetzung von Online-Protesten bieten James Stanyer und Scott Davidson. Sie zeigen anhand von Burma und Simbabwe auf, wie Menschenrechtsverletzungen online dokumentiert werden und zu Protesten mobilisiert wird. Dabei stehen zumeist lokale, indigene Informationsplattformen im Zentrum, die innerhalb des Landes verlinkt sind und über die großen international operierenden Organisationen wie Amnesty transnational bekannt werden. Hier manifestiert sich in der Tat ein transnationale Protestkultur, die allerdings nichts gar nicht „leaderless“ ist (S. 87), sondern eher über etablierte Institutionen verläuft.

Etliche andere Studien widmen sich einem klassischen Zugang und zeigen anhand konkreter (inhaltsanalytischer) Untersuchungen, wie Protestgruppen, die sich Inhalten annehmen, die von inter- oder transnationaler Bedeutung sind (wie bspw. der Irak-Krieg 2003), ihre Frames und Interpretationen in den nationalen Öffentlichkeiten durchsetzen können. Die Ergebnisse sind mit Blick auf Cottles These eher desillusionierend, denn häufig scheinen Protestgruppen gegenüber den Eliten weiterhin marginalisiert zu sein. So zeigt Adam Bowers anhand der G20-Proteste 2009 in London auf, dass eher klassische Nachrichtenfaktoren wie die Etablierung der NGOs und die Prominenz der Unterstützer der Proteste zu stärkerer Sichtbarkeit in den Massenmedien führen. Neil Gavin und Tom Marshall sekundieren mit einer Studie zur Berichterstattung britischer Medien über die Klima-Gipfel-Proteste in Kopenhagen 2009. Auch hier ist der Tenor: die Protestierer haben ihre Botschaft eigentlich nicht wirklich rüberbringen können, trotz der Bespielung des Internets. Aber Craig Murray et al. konstatieren in den britischen Pressediskursen zum Irak-Krieg auch, dass eine „legitimate controversy“ (S. 70) dank der über das Internet stärker sichtbaren Protestbewegungen gegen den Krieg durch die Mainstream-Presse zugestanden wird. Stephen Reese verortet in seinem Beitrag dieses Zugeständnis in einer größeren Legitimation der Protestbewegung durch eine gefühlte und reale transnationale Vergemeinschaftung, deren Überzeugungsmacht sich auch die politischen Eliten nicht immer entziehen können (und wollen – siehe z.B. die Regierung Schröder zum Irak-Krieg).

Allerdings wird in vielen Beiträgen klar: es sind konkrete Ereignisse wie ein G8- oder Klima-Gipfel, bei denen Protestbewegungen öffentlich sichtbar werden und zu denen sie auch besser mobilisieren können. Meist haben sich Protestrituale etabliert, die im jeweiligen Kontext abgerufen und verhandelt werden, genauso wie Rituale der Berichterstattung, die zu einer erhöhten medialen Aufmerksamkeit Protesten gegenüber führen. Aber dabei spielt der transnationale Kontext nicht wirklich eine Rolle – zumindest kann dies keiner der Beiträge überzeugend darlegen. Vielmehr etablieren sich neue Protestbewegungen, die Andrew Rojecki als kaum ideologisierte, anpassungsfähige und tolerante „Leaderless Crowds“ (S. 87) kennzeichnet – eine Diagnose, die quasi auf dem Castell’schen flachen Netzwerk-Modell basiert. In der Tat scheint dies auch ein Modell zu sein, was transnational am ehesten anschlussfähig, exportierbar und analytisch mit dem Internet in Verbindung zu bringen ist. Allerdings bleibt fraglich, wie durchsetzungsfähig und nachhaltig diese Form der Protestbewegung ist.

Die wenigen Beiträge, die sich – vor allem mit Bezug auf das Thema „Menschenrechte“ – mit Beispielen des Protests zu nicht-westlichen Ländern beschäftigen, wie zu Tibet, der Grünen Bewegung in Iran, „Resistanbul“ oder den Olympischen Spielen in Peking, zeigen denn auch, dass eine Bewegung, die sich über nationale Grenzen hinweg bestimmter Themen annimmt, dann in der Öffentlichkeit diskursiv erfolgreicher ist, wenn sie eine klare ideologische Ausrichtung hat und die dabei genutzten Frames mit den makropolitischen und massenmedialen Frames der „Heimatregion“ gut kompatibel sind. Wenn es um Kampagnen gegen als „schurkisch“ vorgerahmte Regimes wie in Iran und China geht, dann lassen sich Proteste eher breit in westlichen Öffentlichkeiten legitimieren als beispielsweise zum Kampf gegen Neo-Liberalismus. Ana Adi und Andy Miah machen aber hier auch auf einen interessanten Punkt aufmerksam (S. 223): Auch und gerade die großen Medienkonzerne operieren zunehmend transnational, so dass deren Marktinteressen manchmal einer Übernahme kritischer Frames entgegenstehen könnten (siehe Yahoo und Google in China).

Insgesamt versammelt der Band ein interessantes Mosaik an theoretischen Ansätzen und Case Studies, das sich gut als Übersicht zu möglichen Zugängen zur Analyse der Zusammenhänge von mit transnationalen Themen beschäftigten Protestbewegungen und Medien nutzen lässt.

Review: Transnationalisierung der Öffentlichkeit in Mittelosteuropa – Eine Befragung von Journalisten zur EU-Berichterstattung

Indira Dupuis (2012): Transnationalisierung der Öffentlichkeit in Mittelosteuropa – Eine Befragung von Journalisten zur EU-Berichterstattung. Baden-Baden: Nomos. 342 Seiten, ISBN: 978-3832970031.

Review von Astrid Otto

Laut einer aktuellen Studie des Eurobarometers 2012 fühlt sich über die Hälfte der politischen Öffentlichkeit in den mittelosteuropäischen Ländern in Polen, Lettland und Tschechien nicht genügend über ihre Rechte als Bürger der Europäischen Union informiert. Welche Gründe oder Faktoren führen zur Desinformation der Öffentlichkeit Mittelosteuropas? Welche Funktion erfüllen die EU-Journalisten und andere öffentliche Kommunikatoren im Dialog- und Informationsprozess zwischen der europäischen und jeweiligen nationalen Öffentlichkeit und den politischen Institutionen und Akteuren der EU?

Die Dissertationsarbeit von Indira Dupuis liefert zu dem aktuellen Informationsdilemma der EU-Öffentlichkeit Mittelosteuropas Befunde und theoretische Ansätze. Ihre Publikation beschäftigt sich mit der „Transnationalisierung der Öffentlichkeit in Mittelosteuropa“ und fragt „nach der aktuellen Situation einer europäischen Öffentlichkeit“ (S.289) und deren Transnationalisierung in den postkommunistischen Ländern Lettland, Polen und Tschechien. Im Gegensatz zu anderen Studien zur europäischen Öffentlichkeit, die die Frage nach einer europäischen Öffentlichkeit zumeist anhand von qualitativen Inhaltsanalysen operationalisieren, führte Dupuis strukturierte Leitfadeninterviews mit 38 Journalisten und Journalistinnen mehrheitlich aus dem Print,- Rundfunk- und Fernsehbereich in den drei bereits erwähnten EU-Ländern durch. Die Interviewfragen orientierten sich an dem Zwiebelmodell Weischenbergs zum Normen,- Funktions,- Struktur und Rollenkontext des journalistischen Organisationssystems.

In diesem Kontext sieht Dupuis die Journalisten in einer doppelten Funktion: Aus der systemtheoretischen Perspektive kann der Journalist einerseits als Beobachter gesellschaftlicher Prozesse zum Mediensystem gezählt werden und andererseits als Meinungsführer der Medienöffentlichkeit fungieren und dem System Öffentlichkeit zugeordnet werden. Journalisten fungieren somit also auch als Opinion Leader, die die öffentliche Meinung beeinflussen können. Dupuis verknüpft die bestehenden Öffentlichkeitstheorien (z.B. von Gerhards und Neidhardt) mit einer systemtheoretischen Perspektive. Dieses Vorhaben ist plausibel, da sich die Öffentlichkeitstheorien wie auch das Arenenmodell ebenfalls der Systemtheorie bedienen, um das intermediäre System der Öffentlichkeit, welches zwischen dem politischen System und dem massenmedialen System steht und die Diskurse beobachtet, zu beschreiben.

Ein Befund der Interviews ist, dass die Relevanz von EU-Themen erst unmittelbar zum Zeitpunkt des EU-Beitritts der Sample-Länder stieg. Eine weitere Erkenntnis ist, dass die Journalisten nationale Medienagenden den EU-Themen vorziehen. Die befragten EU-Journalisten und Journalistinnen gaben an, dass EU-Themen in den Redaktionen und auch bei den Rezipienten als teilweise uninteressant eingestuft werden und die Komplexität der EU-Strukturen und Institutionen die Berichterstattung erschweren würden.

Die konkreten Aussagen der Interviews, die im Jahr 2006 durchgeführt wurden, scheinen zwar nur noch einen marginalen Aktualitätsbezug zu haben. Angesichts der aktuellen Studie des Eurobarometers haben die generellen Erkenntnisse aus der Journalistenbefragung jedoch auch heute noch nicht an Relevanz verloren. So liefert die Studie Erkenntnisse zu (eher geringen) Transnationalisierungstendenzen der Öffentlichkeit in Mittelosteuropa zwei Jahre nach dem EU-Beitritt der ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten aus der Perspektive von Journalisten in den drei untersuchten Ländern Polen, Tschechien und Lettland. Die Interviews zeigen, wie die Journalisten das nationale politische System und die EU-Akteure und deren Institutionen beobachten und aus welchen Quellen sie ihre Informationen beziehen und liefern somit Aussagen über Gründe für Defizite, aber auch Chancen für Anknüpfungsmöglichkeiten der Informationspolitik der EU.

Insgesamt gesehen ist die Dissertationsschrift von Indira Dupuis eine eher theoriefokussierte Publikation, deren innovativer Anspruch es ist, die handlungs- und systemtheoretischen Ansätze zu verknüpfen, um die europäische Öffentlichkeit und deren Transnationalisierungstendenzen theoretisch zu beschreiben.

Review: Jenseits vom „Kampf der Kulturen“. Imaginative Geographien des Eigenen und Anderen in arabischen Printmedien

Husseini de Araújo, Shadia (2011): Jenseits vom „Kampf der Kulturen“. Imaginative Geographien des Eigenen und Anderen in arabischen Printmedien. Bielefeld: Transcript-Verlag, Reihe Postcolonial Studies, 328 Seiten, ISBN 978-3-8376-1646-0.

Review von Christine Horz

Wo lässt sich „das Andere“ geografisch verorten? Und wie kommt man dieser Ortsbestimmung näher? Edward Saids Ausführungen zur Konstruktion des Orientbildes im Westen aus der postkolonialen Perspektive und Samuel Huntingtons zugespitzte These vom „Kampf der Kulturen“ haben sehr unterschiedliche aber grundlegende Diskurspositionen festgelegt: der Nahe Osten als Teil der islamischen Welt wird vom „Westen“ als der „Andere“ imaginiert. Die binäre Freund-Feind-Konstruktion, welche der These vom „Kampf der Kulturen“ zugrunde liegt, ist auch in deutschen Medien und der Berichterstattung über den Nahen Osten und die islamische Welt dominant, wie zahlreiche Studien belegen.

In ihrer Dissertationsschrift untersucht Husseini de Araújo die „andere“ Perspektive und fragt, welche Vorstellungen im Orient über den Westen als geografischer Raum vorherrschend sind. Dies arbeitet sie am Beispiel der Hauptmedienereignisse dreier pan-arabischer Zeitungen heraus.

Den theoretischen Ansatz der imaginativen Geografien hat die Autorin bei Edward Said entlehnt. Der Literaturwissenschaftler hat ausführlich dargelegt, dass Orientalismus als Diskurs dazu geführt hat, dass in der europäischen Gesellschaft der Orient als rückständiger Raum immer wieder neu erfunden wird – und sich der Okzident dadurch seinen identifikatorischen Rahmen erschafft, in dem er sich selbst als modern und fortschrittlich bezeichnet (15). Husseini de Araújo benennt die Massenmedien als zentrale Instanzen bei der Verfestigung dieser einfachen Welt- und Deutungsmuster (17).

Dem theoretischen Konzept der imaginativen Geografien widmet sich Husseini de Araújo im zweiten Kapitel, wobei sie zunächst diskurstheoretische Grundlagen reflektiert. Dabei bezieht sich die Autorin vor allem auf Foucault sowie Laclau und Mouffe (31f.). Verglichen mit seiner Bedeutung für die Studie fällt dieser Abschnitt allerdings etwas holzschnittartig aus. So fehlt jeglicher Verweis auf die „Interdiskursanalyse“ – ineinander verschränkte Diskursstränge –, die der Sprachwissenschaftler Jürgen Link im Anschluss an Foucault entwickelt hat und die – trotz einiger Schwächen – schon mehrfach in Zusammenhang der diskursiven Konstruktion des Orient- und Islambildes in den Medien erprobt wurde. Von besonderem Interesse ist in Links Konzept, dass Diskurse aus einem Ensemble diskursübergreifender Elemente bestehen, die das jeweils „Eigene“ und das „Fremde“ durch Mythen, Symbole, Metaphern und Analogien codieren. „Kollektivsymbole“ nehmen dabei eine diskursordnende Rolle ein, die insbesondere in Konfliktsituationen auftreten. Etwas kurz gedacht ist folglich Husseini de Araújos Definition der Diskursanalyse, die gerade nicht nur darauf zielt, „die Regeln und Regelhaftigkeiten aus dem Untersuchungsmaterial herauszuarbeiten, denen die sich dort manifestierenden Diskurse folgen.“ (37) Vielmehr will die Diskursanalyse die Regelhaftigkeit in ihren übergreifenden historischen und sozial-kulturellen Kontext re-integrieren. Eine Stärke Husseini de Araújos ist jedoch, dass sie die Probleme, die ihr Foucaults offene Konzeption bereiten, reflektiert und die diskurstheoretische Konzeption nach Laclau und Mouffe einbezieht, um den „diskursiven Prozess“ (41) herleiten zu können. Dieser Teil holt ein wenig weit aus, ohne wirklich Antworten geben zu können. Wesentlich konkreter wird es dann in dem Abschnitt, in welchem die Autorin auf die „Imaginativen Geografien als diskursive Konstruktionen“ eingeht (56f.). Auf der Grundlage von Saids Ansatz des Orientalismus fragt Husseini de Araújo nach der „dichotomen Konstruktion von Orient und Okzident“  und dem Bild des Westens in der islamischen Welt (71).  Da es im „Orient“ kein der Orientalistik vergleichbares Studienfach der Okzidentalistik gibt, benennt sie einzelne Strömungen, die sowohl das Bild vom hegemonialen und kolonialen als auch vom fortschrittlichen Okzident geprägt haben (74).  Und konkret fragt sie: wie tragen die Massenmedien zu diesen Diskursen bei und inwiefern stärken oder schwächen die massenmedialen Diskurse Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“? (76f.)

Das anschließende Methodenkapitel wirft einige Fragen auf, die zunächst das Sample betreffen. Die Autorin setzt dieses aus den Hauptnachrichten („Überschriftenanalyse“) sogenannter pan-arabischer Zeitungen zusammen, deren Hauptredaktionen allesamt in London sitzen. Es handelt sich um die der palästinensischen Sache verpflichtete Al-Quds al-Arabi sowie Al-Hayat und Asharq Alawsat. Wie Husseini de Araújo schreibt, werden die beiden zuletzt genannten von saudi-arabischen Geldgebern finanziert und herausgegeben und die Berichterstattung betrifft „in [g]roßem Maße Saudi-Arabien und seine Politik“ (102). Journalisten, die sich kritisch mit der Rolle Saudi-Arabiens in der Weltpolitik auseinandersetzen, haben es aufgrund der „Medienzensur“ schwer, dort ein Forum zu bekommen (103). Die pan-arabische Presse wird hauptsächlich von arabischen Eliten im In-und Ausland gelesen, wobei die ausgewählten Tageszeitungen zusammen eine vergleichsweise geringe Auflage von ca. 660.000 erreichen. Zudem nimmt Husseini de Araújo eine Verengung vor, in dem sie den Schwerpunkt auf die Tageszeitung Al-Hayat legt, sowie darin auf „meinungsbetonte Texte“ (105) im Zeitraum zwischen September 2001 bis März 2006.

Zwischen Theorie und Emprie schiebt Husseini de Araújo eine höchst interessante Reflexion über die Sprach- und Sinnübersetzung aus dem Arabischen ein, die auch kritische Anmerkungen zu „Übersetzungs-Dienstleistern“ enthält.

Im empirischen Teil arbeitet die Autorin nun Kategorien von „Signifikanten“ heraus, die „räumliche Identität konstruieren“ (143), wobei sie dabei zunächst keine besondere Bedeutung imaginativer Geografien in den transnationalen Zeitungen ausmacht. Husseini de Araújo nennt jedoch implizite Diskurse, wobei nicht klar wird, wie sich ihre Konzeption der Äquivalenz- Differenz- und anatgonistischen Beziehungen in Textelementen von einer klassischen Inhaltsanalyse abgrenzen lässt.

Das Verdienst der Autorin ist es, dass sie die Themenagenda in Zusammenhang der imaginativen Geografie des Westens anhand der pan-arabischen Zeitungen kategorisiert. So tritt der Westen in den betreffenden Artikeln als „islamo- und arabophob“, als „(neo)koloniale Macht“ sowie als „Vorbild“ auf, was die Autorin im weiteren anhand der Textstellen und Karikaturen erläutert (144). Eine interessante Beobachtung ist dabei, dass sich die Zeitungsartikel, die der ersten Kategorie angehören, sich mit Arabern und Muslimen solidarisieren, die im Westen unter islamophoben und rassistischen Stereotypisierungen leiden. Durch die Thematisierung dieser „Anderen im Westen“ tritt letztlich die Fragmentierung des Raumkonzepts „Westen“ deutlich zutage, so dass eindeutige Grenzlinien verwischt werden. Desweiteren kann die Autorin nachweisen, dass in den untersuchten pan-arabischen Tageszeitungen kaum das „Kampf-der-Kulturen“-Szenario reproduziert wird (166f.). Vielmehr verlaufen die großen Demarkationslinien nicht zwischen den Kulturen, sondern zwischen der islamischen Welt und den USA bzw. Israel. Beide werden vorwiegend negativ als (neo)imperiale und (neo)koloniale Weltmacht (im Niedergang) in den Haupttiteln der drei Zeitungen beschrieben (172f.). Die arabische Welt taucht demgegenüber, im Sinne des Postkolonialismus, vorwiegend als „Welt in der Krise“ auf.  In Kapitel 4.5.1 ordnet die Autorin die Befunde grob in den größeren Kontext der Selbst- und Fremdverortung zwischen Anti(Post)kolonialisierung, Viktimisierung des Eigenen und Idealisierung des Anderen ein (247f.). Husseini de Araújos letztlich verdienstvolle Studie kann damit zeigen, dass pan-arabischen Tageszeitungen ein heterogenes und wandelbares Bild des Westens als geografischen Raum zeigen.

Review: Global Media, Culture, and Identity. Theory, Cases, and Approaches

Rohit Chopra/Radhika Gajjala (Hrsg.)(2011): Global Media, Culture, and Identity. Theory, Cases, and Approaches. New York/Abingdon: Routledge, 258 Seiten, ISBN: 978-0-415-87790-9 (hbk); 978-0-415-87791-6 (pbk).

Review von Nadja-Christina Schneider

Obwohl in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Sammelbände zum Themenkomplex Medien, Kultur und Identität erschienen sind, kann gerade mit Blick auf die Länder des so genannten Globalen Südens noch längst nicht die Rede davon sein, dass die Vielzahl der daraus ableitbaren Forschungsfragen erschöpfend theoretisiert oder empirisch untersucht worden seien. Dies gilt nach wie vor auch mit Blick auf „emerging countries“ wie Indien und China, die jedoch aufgrund ihrer schnell wachsenden Medienmärkte zunehmend in den Fokus akademischer Diskussionen rücken. Insbesondere trifft es aber auf kleinere Nationalstaaten und geografische Regionen zu, die keine derart rasanten Wachstumsdynamiken wie die beiden größten Flächenstaaten in Asien aufweisen können und die dennoch keinesfalls von den globalen Dynamiken einer zunehmend medienvermittelten Kommunikation „abgekoppelt“ sind.

Wie Rohit Chopra in seinem einleitenden Kapitel zu diesem Band schreibt, soll dieser als eine Handreichung zur Erforschung der vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen globalen Medien und kulturellen Identitäten fungieren. Dabei ist er sich der Problematik voll bewusst, dass jeder der Begriffe – Kultur, Medien, Identität und Globalität (Chopra verwendet im Buch den Begriff „the global“) – schon für sich allein genommen klärungsbedürftig ist und in der akademischen wie außerakademischen Diskussion in den vergangenen Jahren vielleicht auch etwas überstrapaziert wurde (v.a. Identität). Es ist jedoch weniger das Ziel dieses Bandes, diese als Einzelkategorien zu definieren und anzuwenden, sondern aus ihrer reflexiven Verbindung und aus der Konzeption von multidirektionalen globalen Flows der Medienkommunikation eher einen Analyserahmen bereit zu stellen, innerhalb dessen eine Vielzahl von unterschiedlichen Fragestellungen und Herangehensweisen in sehr diversen Kontexten möglich werden. Dieser weist selbstverständlich über disziplinäre Grenzen hinaus und entsprechend wichtig ist es Chopra auch, dass nicht ausschließlich Vertreter_innen aus den Medien- und Kommunikationswissenschaften in diesem Band versammelt sind, sondern beispielsweise auch aus den Architekturwissenschaften, den Cultural Studies sowie den Science and Technology Studies. Auch ist der Fokus nicht nur auf die Zeitgeschichte und aktuelle Gegenwart gerichtet, sondern die medienhistorische Perspektive ist ebenfalls in mehreren Beiträgen vertreten.

Das Buch gliedert sich in drei Teile, die jeweils zwischen vier und sechs Beiträge zu sehr unterschiedlichen Fragestellungen und Themen umfassen. Teil I ist den „Geographies and Currents of Global Media and Identity“ gewidmet. Ausgehend von dem Ansatz einer durch die Medientechnologien bedingten und fortlaufenden Deterritorialisierung diskutiert Michael Jenson in seinem Artikel “The Global Nomad: Navigating Mediated Space at a Global Scale” die Frage, welche Folgen die beschleunigte Raum-Zeit-Verdichtung für bestehende Raumkonzeptionen und „reale“ Wirklichkeiten hat. In einer recht deterministischen Sichtweise auf die Wirkweise von Medientechnologien – in der Menschen als Akteure weitgehend unberücksichtigt zu bleiben scheinen – geht er davon aus, dass diese zu einer „Erodierung“ und zu einem unwiederbringlichen „Verlust“ des emotionalen und intellektuellen Bezugs zu physischen Orten führen, während sich die Zahl der „scapes“ und „spaces“, die den Alltag von Menschen zunehmend prägen, ständig erhöht. Einzig durch die Entwicklung von „stereoskopen“ Wahrnehmungsfähigkeiten im Sinne Paul Virilios sei es möglich, die Globalisierung als eine „universale Kraft“ (S. 55) zu bewältigen und gleichzeitig die Verbindung zu Werten, Traditionen und „cultural dictates“ (sic) zu bewahren, die an spezifische Räume und Orte gebunden seien. Zu fragen wäre hier zum einen, ob wir nicht schon längst weltweit deutliche Re-territorialisierungstendenzen feststellen können, beispielsweise mit Blick auf den ursprünglich stark translokal ausgerichteten indischen Online-Heiratsmarkt, der nun zunehmend in Indien selbst lokalisiert und regional ausdifferenziert wird, wie Fritzi-Marie Titzmann in ihrer Forschung aufzeigt.[i] Oder etwa im Hinblick auf den „regional turn“ in neuen Bewegungen wie der globalen Urban Gardening-Bewegung oder dem wachsenden Bewusstsein für regional produzierte Produkte oder touristische Reiseziele in der unmittelbaren regionalen Umgebung. Schließlich stellt sich auch angesichts der hohen Zahl von Menschen, die aus politischen und ökonomischen Gründen oder aufgrund von klimatischen Veränderungen gar nicht an „ihrem Ort“ verbleiben können, sondern gezwungenermaßen mobil sind, die Frage, ob sie im Zuge ihrer Mobilität nicht vielleicht sogar noch weit mehr als eine „stereoskopische Vision“ von binär konzipierten „realen“ und „virtuellen“ Orten und Räumen entwickeln. Hier erweist sich Jensens Beitrag also als hilfreich und anregend, um konkrete Forschungsfragen für empirische Untersuchungen zu entwickeln, die sich dann jedoch eher aus einer akteursbezogenen Perspektive mit der relevanten Frage befassen, wie Menschen mit der radikalen Veränderung von Räumen und Raumkonzeptionen umgehen.

Mit sechs Beiträgen stellt der zweite Teil „Entanglements of the Global, Regional, National, and Local“, den umfangreichsten Teil des Bandes dar. Nayantara Sheoran stellt in ihrem Beitrag die Anzeigenkampagne der in Indien unter den Namen i-pill vermarkteten „Pille danach“ vor und zeigt daran auf, wie das vormals staatlich verwaltete Projekt der Geburtenkontrolle und -regulierung nun im Kontext der postliberalen Konsumorientierung von den privatwirtschaftlichen Akteuren der pharmazeutischen Industrie kommodifiziert und marktwirtschaftlich beworben wird. In der Inszenierung der Anzeigenkampagne kann sich die weibliche Konsumentin vergewissert fühlen, durch diese individuelle Aneignung als „vernünftig“ planende und entscheidende „Bürgerin“ ihres Landes gehandelt zu haben: „A subject of the state and object of the gaze; her new identity requires that she be the ‚mother India‘ that takes responsibility for the birth control project, but within the strictures sanctioned by the patriarchal state“ (Sheoran, S. 97).

Durch den Fokus auf das globale Zeitalter der digitalen Vermittlung weist der dritte Teil („Digital Mediations in the Global Era“) ein größere Kohärenz auf als die beiden anderen Teile des Buches bzw. die Konturen des fokussierten Forschungsfeldes werden hier leichter erkennbar. Der Band liefert jedoch insgesamt einen interessanten Überblick über theoretische Diskussionen, methodische Herangehensweisen und zeigt insbesondere mit Blick auf die Regionen Ost- und Südasien sehr relevante Forschungsperspektiven auf. Damit lässt sich zwar noch keine Antwort auf die Frage finden, inwieweit nun Länder wie Indien oder China tatsächlich zu einer „Neuorientierung“ des globalen Medienforschungsparadigmas beitragen, wie es Daya Thussu in seinem Nachwort zu diesem Buch beschreibt, und worin dieser Einfluss genau zum Ausdruck kommt. Die geografische Ausweitung der empirischen Forschungsaktivitäten allein wird noch keine Reformulierung eurozentrischer Theorien und Konzepte nach sich ziehen, wie Raka Shome im Rahmen einer Konferenz in Erfurt im vergangenen Jahr (2011)[ii] treffend festgestellt hat. In jedem Fall können Sammelbände wie dieser jedoch dazu beitragen, dass das von Thussu anvisierte, transnationale und transdisziplinäre Gespräch über die Frage, wie wir zu einem umfassenderen und nuancierteren Verständnis dessen, was „globale Medien“ sein können und wie wir sie in der Transitionsphase hin zu einer „multipolaren Welt“ erforschen können, entscheidend an Fahrt gewinnt.


[i]Fritzi-Marie Titzmann (2011): Medialisation and Social Change – The Indian Online Matrimonial Market as a New Field of Research, in: Schneider, Nadja-Christina/Bettina Gräf (Hg.): Social Dynamics 2.0: Researching Change in Times of Media Convergence. Berlin: Frank &Timme, S. 49-66.

[ii]Beyond “Center” and “Periphery”: (De-)Westernization in International and Intercultural Communication. Conference of the International and Intercultural Communication sectionof the German Communication Association Erfurt, Germany, October 27-29, 2011.

Review: Journalism after September 11

Zelizer, Barbie/ Allan, Stuart (eds.) (2011): Journalism after September 11.
Abingdon, New York: Routledge, 2nd ed., 342 Seiten, ISBN 978-0-415-46014-9.

Review von Ursula Götz

Der 11. September wird alles ändern. Das Medienecho schon kurz nach den Anschlägen auf das amerikanische Festland ließ keine Zweifel. Die Welt würde fortan eine andere sein. Die Welt des Journalismus auch? In ihrem Sammelband „Journalism after September 11“ versuchen Barbie Zelizer (Universität Pennsylvania, USA) und Stuart Allan (Universität Bournemouth, UK) Antworten zu finden. Bereits ein Jahr nach den tragischen Ereignissen erschien ihr Buch im Handel. 2011 wurde es neu aufgelegt.

„Journalismus zeigt seine wahren Farben, wenn die Welt draußen dunkel wird, wenn Aussichten düster werden und die Hoffnung schwindet“ (1). So beginnen die beiden Herausgeber ihre Einleitung. Und schon da dämmert es dem Leser: Die Erwartungen an die Berichterstattung über den 11. September waren wohl zu hoch. Zu hoch für einen Journalismus, der durch die Angriffe selbst erschüttert worden war. Wie haben amerikanische und britische Medien über die Ereignisse berichtet? Und wie hätten sie berichten sollen? Wie bewahren Journalisten, die selbst traumatisiert wurden, professionelle Standards in einem Klima der Angst und Unsicherheit? Welche Rolle spielt die Presse in demokratischen Systemen? Und was kann die Öffentlichkeit von einer Berichterstattung überhaupt erwarten?

Zelizer und Allan haben sich an die ganz großen Fragen herangetraut. Ihnen war klar, nicht auf alles Antworten zu finden – schon gar keine einfachen. Sie haben eine insgesamt überzeugende Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze zusammengestellt. Vorwiegend anglo-amerikanische Autoren aus der Wissenschaft und Medienwelt beschäftigen sich in 21 Beiträgen mit der Berichterstattung rund um den 11. September und mit dessen längerfristigen strukturellen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen auf den Journalismus. Haben wir mit dem 11. September etwa eine neue Epoche beschritten, in der Journalismus sich in seiner bisherigen Form verändern wird? Wird es einen neuen Journalismus geben? Eine neue Normalität? (15)

Der Journalismus hat sich, so scheint es, nur schleppend an die Herausforderungen des 11. September angepasst. Er tut sich noch immer schwer, seine Rolle zu finden. „Journalism after September 11“ will diese Unsicherheiten beschreiben: Zensur, Befangenheit, Patriotismus und eine Orientierung an Eliten werden ebenso behandelt wie Stereotype, Objektivität und die Herausforderungen für Kriegsreporter. Beleuchtet werden unterschiedliche Mediengattungen, Boulevardzeitungen wie Talkshows, Onlinemedien wie Fotografie. Das Thema „Trauma und Journalismus“ scheint ein Herzensthema der beiden Herausgeber zu sein und soll sich wie ein roter Faden durch den Band ziehen. So sind Zelizer und Allan überzeugt, dass viele US-Bürger, darunter auch viele Journalisten, durch die Angriffe und die permanente Berichterstattung darüber, tief traumatisiert wurden. Sie diskutieren mögliche Folgen für die gegenwärtige und zukünftige Art der Berichterstattung.

Zelizer und Allan schreiben dem Journalismus aber auch die Schlüsselrolle (2) zu, ganze Gesellschaften wieder aus ihrem Trauma herauszuführen, und zwar durch die Vermittlung von Sicherheit, durch gezeigte Anteilnahme und durch eine Wiederheranführung an den Alltag. An dieser Stelle hätte man sich eine kritische Auseinandersetzung mit journalistischen Rollenverständnissen gewünscht. Journalisten sollen berichten und erklären. Das ist unumstritten. Aber sollen Journalisten auch dazu beitragen, das Seelenheil traumatisierter Menschen wiederherzustellen? Diese Ansicht ist allemal diskussionswürdig. Zumal es viele amerikanische Journalisten bereits als enorme Herausforderung empfunden haben, normal in einer unnormalen Zeit (9) zu sein, Unerklärliches zu erklären. Eine Herausforderung, der die meisten Journalisten nicht gerecht wurden, so das Fazit vieler der Autoren, die dafür ganz unterschiedliche Faktoren festmachen. So haben ihrer Meinung nach ein falsches Verständnis von Patriotismus, fehlende Meinungsvielfalt und eine haarsträubende Informationsweitergabe der politischen Elite den Journalismus an seiner ureigenen Aufgabe, die Welt verständlich zu erklären, grob gehindert.

Es ist schon faszinierend: So gut wie jeder von uns hat ein Set von mehr oder weniger unauslöschbaren Bildern, Geräuschen und Stimmen im Kopf, die der Medienberichterstattung des 11. September entstammen. Die meisten von uns wissen genau, wo und wie sie von den Anschlägen erfahren haben. Viele saßen wie paralysiert vor dem Fernseher. Das einseitige und seiner Meinung nach völlig überzeichnete Bild, das dem westlichen Publikum dort vermittelt wurde, beschreibt der US-Wissenschaftler Robert McChesney sehr anschaulich: „Die USA, eine wohlwollende, demokratische und friedliebende Nation, wurden brutal von verrückten und bösen Terroristen angegriffen. Aus purem Hass. Weil diese die Freiheiten und den Wohlstand sowie die Lebensweise der Amerikaner verabscheuten. In einem gerechten Krieg will Amerika sich und seine Werte verteidigen und das globale terroristische Krebsgeschwür ein für alle mal ausrotten“ (106). McChesneys Beitrag über die strukturellen Grenzen des US-Journalismus gehört zu den besonders wertvollen dieses Bandes.

Präsident George Bushs Einteilung der Welt in gut und böse, seine wer nicht für uns ist, ist gegen uns-Botschaft, habe auch auf die Medien gezielt: watch what you say! (vgl. Vorwort; 144) Doch viele Journalisten haben sich, so scheint es, ganz freiwillig unter der Fahne versammelt: Live-Sternenbanner, Logos, Grafiken, Journalisten mit angesteckter US-Flagge am Revers, ein kollektives Wir: Wir wurden angegriffen! Annabelle Sreberny (292-307) sieht darin typische Anzeichen einer Trauma-Sprache, eine wir gegen die-Rhetorik, die ein Problem mit allem „anderen“ hat und jegliche Form von Ausgewogenheit, Neutralität oder Distanz vermissen lässt.

Warum wurden die USA angegriffen? Welche Gründe könnten die Angreifer gehabt haben und welche langfristigen Konsequenzen sind erwartbar? Die Frage nach dem warum? sei nie gestellt worden (Silvio Waisbord, 280), die Berichterstattung über ein wer-wie-wo-was-wann nie hinausgegangen. Ebensowenig habe eine Debatte stattgefunden, wie man am besten auf die Angriffe reagieren solle (Robert McChesney, 106). Einige Autoren beschreiben die US-Medien daher als Propagandaorgane für Militarismus und Krieg. Jeder, der die nationale Politik infrage stellte, galt als Verräter. Es habe sich noch nicht einmal nennenswerter Widerspruch erhoben, als viele Freiheitsrechte, darunter die Pressefreiheit, der nationalen Sicherheit im sog. Patriot Act geopfert wurden, beschreibt Victor Navasky bereits im Vorwort. Welche tiefer liegenden strukturellen Gründe könnte ein derartiges Versagen der Medien erklären?

Einige Autoren sehen in einer zunehmenden Medienkonzentration mögliche Gründe. So würden heute wenige Unternehmen die Medienlandschaft in den USA kontrollieren und damit das Nachrichtengeschäft. Da Nachrichten teuer und wenig profitabel seien, wären viele Korrespondentenbüros abgebaut worden. Mit der  logischen Folge, dass viele US-Bürger so gut wie nichts über die Region erfuhren, in der ihr Land Krieg führt, nichts über deren Geschichte, Politik oder Kultur und nichts über die Rolle der USA in der Welt, so der Autor James W. Carey. CNN ließ laut McChesney gar zwei Versionen des Krieges produzieren: eine kritische für das internationale Publikum und eine beschönigte für das US-Publikum (107).

Vier neue Beiträge und ein Nachwort erweitern die 342 Seiten umfassende zweite Auflage. Besonders hervorzuheben ist dabei Marie Gillespies „Our ground zeros“: diaspora, media, and memory, wo sie die Eindrücke und Erfahrungen der muslimischen Diaspora im Großraum London kurz nach den Anschlägen des 11. September beschreibt – und damit den ebenfalls sehr lesenswerten Beitrag von Karim H. Karim Covering Muslims: journalism as cultural practice um wertvolle Gedanken ergänzt. So sahen viele der Interviewten in einer Berichterstattung, die den Islam häufig mit Extremismus, Gewalt und Terror gleichsetzte, den Grund für steigenden Rassismus. Michael Bromley und Stephen Cushion erweitern in der neuen Auflage ihre Analyse der 9/11-Berichterstattung in der britischen Nationalpresse um einen Vergleich mit der Berichterstattung über die Londoner Anschläge vom 7. Juli 2005. Zudem gehen in einigen Beiträgen die Autoren in einem kurzen Nachwort auf aktuelle Entwicklungen ein.

Im Wesentlichen bleiben die meisten Beiträge gegenüber der ersten Auflage von 2002 jedoch unverändert. Barbie Zelizer und Stuart Allan verpassen damit leider die Chance, den Zustand und Wandel des Journalismus – insbesondere im Hinblick auf Krisen- und Auslandsberichterstattung – zehn Jahre nach den Ereignissen des 11. September zu reflektieren. So ist der Titel „Journalism after September 11“ irreführend, da sich die Beiträge im wesentlichen auf die anglo-amerikanische Berichterstattung unmittelbar rund um die Ereignisse 2001 beschränkt. Zudem fehlt dem Band Struktur. Die Einteilung der Texte in vier Kapitel wirkt willkürlich. Es werden insgesamt zu viele unterschiedliche Bereiche beleuchtet: einzelne Mediengattungen (TV, Print, Internet), individuelle, organisatorische und gesellschaftliche Ebenen des Journalismus, und dann noch das Feld „Trauma und Journalismus“. Statt eines roten Fadens wabert dieses Thema eher diffus durch den Sammelband. Es ist schon bezeichnend, wenn die Einleitung eines Buches mit über 30 Seiten der mit Abstand längste Beitrag eines Bandes ist. Am Ende wirkt das Konzept nicht durchdacht genug, das Buch-Projekt zu ambitioniert. Auch hier hätte die zweite Auflage Abhilfe schaffen können.

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