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Entwicklungskommunikation – Communication for Social Change. Aufbau und Etablierung eines neuen Schwerpunktes in der deutschen Kommunikationswissenschaft

Kefa Hamidi & Antonia Mielke Möglich | PDF

In diesem Beitrag wird das Vorhaben Entwicklungskommunikation – Communication for Social Change (EC4SC) vorgestellt, das im Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig angegliedert und durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert ist. Dieses langfristig ausgerichtete Vorhaben, das im Januar 2019 startete, zielt darauf ab, das Forschungsfeld „Communication for Social Change“ (C4SC), auch unter dem Namen „Entwicklungskommunikation” bekannt, sowohl in der Forschung, als auch in der Lehre der deutschen Kommunikationswissenschaft aufzubauen und zu etablieren. Dafür wird als Teil des Vorhabens das gleichnamige Forschungszentrum EC4SC etabliert. Entwicklungskommunikation ist in anderen Ländern (etwa USA, Großbritannien, Schweden und Norwegen) bereits seit Langem entweder als Studienprogramm oder als Forschungsfeld etabliert.

The European Financial and Refugee/Immigrant Crises in the Press: Similarities and Differences of the Greek and German Public Spheres

Stamatis Poulakidakos & Christos Frangonikolopoulos | PDF

Abstract: Having as theoretical basis the notion of the public sphere and its manifestations within the EU, the current paper seeks to trace similarities and differences in the public discourse developed in German and Greek news sites, regarding the financial and refugee crises. Our quantitative content analysis shows that there are both similarities and differences in the two distinct public spheres, regarding the evaluation of the EU, its policies on the aforementioned issues and the ways in which the public discourse is being articulated mainly on behalf of politicians and journalists, who appear to be the main carriers of the public discourse in the media under scrutiny.

Weaving into the Mediascape: An Institutional Ethnography of NGO Media Activism in South Africa

Giuliana Sorce | PDF

Abstract: Media Monitoring Africa (hereafter MMA), is a Johannesburg-based non-governmental organization (NGO) with the goals to increase media quality, refocus media ethics, foster media diversity, and advance media democracy. Via an institutional ethnography, conducted during six weeks of fieldwork, I take up MMA’s particular case to investigate how the NGO has become understood as “part” of the South African mediascape, rather than an auxiliary agent. Through participant observation of the NGO’s daily routines, in-depth interviews with MMA members and local media professionals, as well as textual analysis of organizational documents, I found that MMA has managed to weave into the organizational fabric of the South African mediascape. The ethnographic data reveals that MMA is commonly perceived as a necessary element of the South African mediascape — a status that moves beyond the often strictly interventionist role of activist NGOs. I argue that MMA has achieved this unique social position in the mediascape through four central organizational-activist practices: 1. consistent intervention on the same sets of issues; 2. activist innovation around the mode of their intervention(s); 3. multilateral activism (political economy, media policy, media content); and 4. successful curation of relationships with media stakeholders.

Review: Postmigrantische Medien. Die Magazine „biber“ und „Migrazine“ zwischen Anpassung, Kritik und Transformation

Ratković, Viktorija (2018): Postmigrantische Medien. Die Magazine „biber“ und „Migrazine“ zwischen Anpassung, Kritik und Transformation, Bielefeld: transcript, 282 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4279-7.

Ricarda Drüeke, Universität Salzburg

Migrant*innen kommen in den traditionellen Medien eher selten selbst zu Wort, zumeist wird über sie berichtet und nicht erst seit dem sogenannten „Sommer der Migration“ im Jahr 2015 werden Migrationsbewegungen in öffentlichen Debatten als Problem wahrgenommen. Der vorliegende Band fußt auf einer an der Universität Klagenfurt eingereichten kommunikationswissenschaftlichen Dissertation. Die Autorin Viktorija Ratković setzt sich darin mit migrantischen Medien auseinander und damit den Selbstartikulationen von Migrant*innen und zeigt die Potenziale und Herausforderungen dieser Medien an der Schnittstelle von Medien- und Kommunikationswissenschaft und kritischer Migrationsforschung auf.

Gleich zu Beginn stellt Ratković heraus, dass es ihr nicht um Fragen der Integration von Migrant*innen geht – eine Begrifflichkeit, die insbesondere in der kritischen Migrationsforschung beanstandet wurde, da das dahinter liegende Konzept zumeist eine einseitige Leistung voraussetzt, nämlich die der Anpassung des*der Migrant*in an die Mehrheitsgesellschaft – sondern um Fragen von Identität. Identität stellt sie als ein vielschichtiges Konzept dar, deren Konstruktionsweisen aus verschiedenen Perspektiven analysiert werden können. Um den Zusammenhang zwischen Fragen von Migration, Medien und Identität nachzugehen, wählt Ratković als Grundlage ihrer empirischen Fallstudien zwei migrantische Magazine und untersucht deren Identifikationsangebote und Anrufungen an die Leser*innen mittels einer Diskursanalyse. Die untersuchten Magazine Migrazine und biber sind in der österreichischen Medienlandschaft zwei der zentralen Magazine, die von Migrant*innen produziert werden und die auch in deutscher Sprache erscheinen. Ratković beschreibt sie auch als Medien, die eine postmigrantische Perspektive auf Kultur, Gesellschaft und Politik einnehmen. Mit dem Begriff der postmigrantischen Medien soll der Perspektivenwechsel verdeutlicht werden, um herauszustellen, dass die Identifikationsangebote und Subjektpositionen, die in diesen Medien angeboten werden, im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.

Wie in Qualifikationsarbeiten üblich, ist der Band in einen theoretischen und einen empirischen Teil gegliedert, wobei insbesondere der Auswertung und Interpretation ein großer Platz eingeräumt wird und so die verschiedenen Identifikationsangebote in den Magazinen ausführlich herausgearbeitet werden. Theoretisch bezieht sich die Autorin auf die Cultural Studies sowie die Gender und Postcolonial Studies. Aus dieser theoretischen Perspektive werden zunächst im ersten Teil der theoretischen Hinführung die verschiedenen Diskurse und Paradigmen um Migration und Medien aufgearbeitet. Im Einzelnen handelt es sich um die Verstrickung von öffentlichen Debatten, Politik und Forschung, Integration und Othering, Kulturalisierung sowie aktuelle Perspektiven, die verschiedene Dimensionen wie Migrationsmanagement und Grenzregimeforschung umfassen. Dieses Vorgehen erstaunt zunächst, erweist sich aber als sinnvoll, um anhand zentraler Diskurse dominante Deutungsmuster von Migration und Migrationsbewegungen aufzuzeigen. Im zweiten Teil des theoretischen Kapitels wird die Bedeutung von Identität im Kontext der Migrationsforschung aufgearbeitet. Identität, so wird mit Bezug zu Sabine Hark argumentiert, ist immer auch als politisches Handeln aufzufassen. Durch den Bezug auf theoretische Konzeptionen wie von Stuart Hall, Michel Foucault und Judith Butler vereint Ratković verschiedene kritische Perspektiven, die Prozesse des Othering, die Ausgestaltung des Denkbaren und Sagbaren sowie performative Handlungen als identitätskonstituierend ansehen und die daraus resultierenden verschiedenen Bedeutungsebenen in den Blick nehmen. Damit greift die Autorin aktuelle Auseinandersetzungen auf, die eine Naturalisierung von Identität und eine Betrachtung als fixe Entität kritisch diskutieren. Begrifflich unterschieden wird dann im Weiteren zwischen alternativen Medien, ethnic media und postmigrantischen Medien. In den folgenden drei Kapiteln werden zentrale Diskurse und Diskursfragmente in den untersuchten Beiträgen der beiden Magazine herausgearbeitet und vergleichend diskutiert. Es handelt sich dabei erstens um „postmigrantische Erfahrungen“, unter die Strategien gegen das Othering und das Spiel mit Zuschreibungen gefasst werden. Der zweite Schwerpunkt liegt auf Geschlechterverhältnissen aus postmigrantischer Perspektive, wo vor allem intersektionale Ansätze und Wandlungsprozesse herausgestellt werden. Drittens werden schließlich mit Bezug auf Oliver Marchart die „Wege aus der Prekarität“ diskutiert. Hier zeigt sich, dass in den beiden Magazinen unterschiedliche Diskursfragmente deutlich werden. Migrazine betont die Notwendigkeit von Bündnissen, während biber individualistischer argumentiert und so die Leistungsfähigkeit von Individuen herausstellt. Dieser Befund spiegelt sich auch in der abschließenden vergleichenden Diskussion der beiden Magazine wider. Migrazine zeichnet sich durch ein hohes Bewusstsein über diverse Problematiken beim Umgang mit Migration aus, während in biber teilweise an hegemoniale Diskurse angeknüpft wird, indem etwa Interkulturalität als zentrales Konzept herausgestellt wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ratković eine fundierte Arbeit aus Perspektive der kritischen Migrationsforschung vorgelegt hat. Sie distanziert sich nachvollziehbar von Forderungen nach Integration von Migrant*innen und stellt heraus, wie wichtig es ist, neuere theoretische Ansätze einzubeziehen, um einen umfassenden Blick auf gegenwärtige Migrationsbewegungen und die Auseinandersetzung mit migrantischen Perspektiven in den Medien zu bekommen. Auch wenn die Arbeit vermutlich stark am Aufbau der eingereichten Dissertation orientiert ist, was die Ausarbeitungen teilweise etwas schematisch wirken lässt, bereichert sie die derzeitigen Forschungen zu Migration und Medien in Österreich. Der Einbezug aktueller Entwicklungen wäre für das Fazit wünschenswert gewesen, doch auch so bieten die Ausarbeitungen von Ratković lohnende Anknüpfungspunkte aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive.

 



Review: Media and Accountability in Latin America. Framework – Conditions – Instruments

Bastian, Mariella (2019): Media and Accountability in Latin America. Framework – Conditions – Instruments. Wiesbaden: Springer VS. 556 Seiten. ISBN 9783658247867

Andreas Hetzer, Bayreuth & Cali

 

Der voluminöse Band von Mariella Bastian verfolgt das Ziel, ein umfassendes Analyseinstrumentarium zu entwickeln, um die Bedingungen und konkreten Maßnahmen für Medienverantwortung und die Einhaltung journalistischer Qualitätsstandards in den Ländern Brasilien, Argentinien und Uruguay zu untersuchen. Der Titel ist insofern irreführend, als die Region Lateinamerika als linguistisch-geografisches Konzept sich von Mexiko über Zentralamerika und die Karibik bis hin zur Andenregion und Südamerika erstreckt. Gegenstand der Studie sind jedoch nur drei Länder Südamerikas.

Trotz dieser Irritation handelt es sich um eine überaus lobenswerte und anspruchsvolle Fallauswahl, weil Länder Lateinamerikas in der Erforschung von Journalismuskulturen und Mediensystemen kaum eine Rolle spielen. Deshalb bleibt laut der Autorin für die Region unterbelichtet, welche Maßnahmen zu höherer journalistischer Qualität führen und welchen Beitrag Medien bei der Demokratisierung von Transformationsgesellschaften leisten. Die Länderauswahl ist auch deswegen von hohem wissenschaftlichen Interesse, weil der Zeitpunkt der Studie in eine politische Phase fällt, in der sich die amtierenden Regierungen um Dilma Rousseff (Brasilien), Cristina Kirchner (Argentinien) und José Mujica (Uruguay) eine stärkere Demokratisierung der Kommunikation auf die Fahnen geschrieben und breite Debatten zur Rolle der Medien in der Gesellschaft angestoßen hatten.

Aus Sicht der Autorin handelt es sich um ein most-similiar design mit einer gewissen Homogenität der Länder. Sowohl Brasilien als auch Argentinien und Uruguay haben längere Phasen von Militärdiktaturen und seit den 1980er Jahren eine politische und mediale Umwälzung erlebt. Die Demokratisierung garantierte Meinungs- und Pressefreiheit, ging jedoch aufgrund einer geringen Regulierungsdichte des Medienmarktes mit einer hohen Medienkonzentration einher. Medienorganisationen, die teilweise die Militärregierungen unterstützten, wuchsen zu wichtigen gesellschaftlichen Akteuren heran und lehnen eine Regulierung von Seiten des Staates ab. Nicht selten geraten politische und ökonomische Einflussnahme auf Medien in Konflikt mit normativen Standards der Medienberichterstattung. In allen drei Ländern sind Verstöße gegen ethische Grundprinzipien journalistischer Arbeit an der Tagesordnung, wie die Autorin anhand einiger Beispiele in der Einleitung illustriert. Die wesentlichen Unterschiede zwischen den Ländern bestehen sowohl in ihrer geographischen Ausdehnung und Bevölkerungsanzahl als auch in der Größe der Medienmärkte. Außerdem wird dem kleinsten Land Uruguay bei der demokratischen Transition größere Fortschritte bescheinigt als Brasilien oder Argentinien. 

Vor diesem Hintergrund fragt sich die Autorin, wie ethische Prinzipien und Qualitätsstandards im Journalismus durchgesetzt werden können, auch wenn sie nicht eindeutig gesetzlich geregelt sind. Die Grundannahme: Medienverantwortung und journalistische Transparenz können journalistische Qualität und Unabhängigkeit stärken und in der Folge vor politischer Einflussnahme schützen. Mediale Selbstverpflichtung und Medienkontrolle von Seiten des Publikums seien mögliche Alternativen, um die gesetzliche Lücke zu schließen. Bastian interessiert sich nicht nur für traditionelle Felder wie Selbstregulierung, Partizipation des Publikums oder Transparenzmechanismen, sondern begibt sich auf die Suche nach innovativen Instrumenten im lateinamerikanischen Kontext. Anstatt im westlichen Umfeld etablierte Standards einfach auf Brasilien, Argentinien und Uruguay zu übertragen, will Bastian zur ‚Entwestlichung‘ der Forschung beitragen und induktiv Instrumente der Medienverantwortung und Verbesserung journalistischer Qualität in den drei Ländern herleiten. Sie nimmt dafür Online-Auftritte von journalistischen Medieninstitutionen in den Blick, weil diese eine stärkere Beteiligung des Publikums erlauben und traditionelle Regulierungsinstrumente erweitern.

Im ausführlichen Literaturteil beschäftigt sich Bastian mit den politischen Rahmenbedingungen, den Charakteristika der Medienlandschaft. Die gut informierte Darstellung der politischen und historischen Hintergründe der drei Länder leitet Demokratisierungsprobleme her und hebt hervor, dass soziale Ungleichheit, informelle Arbeit, Armut und die makroökonomische Abhängigkeit vom Weltmarkt wichtige Indikatoren sind, die Auswirkungen auf den Medienmarkt und die Mediennutzung haben. Die sehr detaillierte Lektüre der Mediensystemforschung und die Beschreibung der Medienlandschaften in Brasilien, Argentinien und Uruguay fördert zu Tage, dass die Vermischung medialer und polit-ökonomischer Interessen, hoch konzentrierte Medienmärkte mit negativen Auswirkungen auf die Medienvielfalt sowie eine mangelnde journalistische Unabhängigkeit die prägenden Umweltfaktoren für alle drei Länder darstellen. Diese Elemente fließen schließlich in das theoretisch adaptierte Modell für die Einflussvariablen auf Medienverantwortung und journalistische Transparenz ein, das vier Dimensionen umfasst: die journalistische, die gesellschaftliche, die politische und die ökonomische Dimension. Diese Dimensionen aus der Literatur werden durch die Erkenntnisse aus qualitativen Experteninterviews um einige Aspekte erweitert bzw. ausdifferenziert, um die Rahmenbedingungen an die drei Länder kontextsensibel anzupassen.

Die Interviews dienen der Autorin jedoch nicht nur dazu, Probleme journalistischer Unabhängigkeit vertiefend zu beleuchten, sondern darüber hinaus auch dazu, konkrete Instrumente journalistischer Transparenz und ihre Wirksamkeit aus Sicht der Stakeholder zu verstehen. Im Verständnis einer Triangulation der Daten führt sie darüber hinaus eine quantitative Inhalts- und Clusteranalyse von Websites der Medienbranche durch, um den Status quo und innovative Instrumente journalistischer Qualitätssicherung und Publikumsbeteiligung zu erheben, die fernab der gängigen Literatur in den Ländern tatsächlich zur Anwendung kommen. Zu den interessantesten Befunden zählt, dass neben eher klassischen Instrumenten der Selbstregulierung, der Partizipation des Publikums oder Transparenzmechanismen beispielsweise Observatorien als Mittel des Medienmonitorings bzw. der Medienkritik zum Einsatz kommen. Darüber hinaus gibt es zwar keine Institution eines Presserats, jedoch sind in allen drei Ländern Ethik-Komitees und Ombudspersonen als Ansprechpartner für das Publikum weit verbreitet.

Die empirischen Ergebnisse fasst Bastian in einer zweidimensionalen und aus dem MediaAcT-Projekt stammenden Grafik zusammen, die die Instrumente nach dem Grad ihrer Institutionalisierung und medieninterner bzw. -externer Herkunft differenziert. Die erweiterte Typologie erlaubt dem Leser einen Überblick über Instrumente der Medienregulierung und journalistischen Qualitätssicherung, die in Brasilien, Argentinien und Uruguay zum Einsatz kommen. Bemerkenswert ist, dass die Instrumente sowohl von Seiten der Medienakteure als auch von Seiten des Publikums stammen und die Mehrzahl stärker institutionalisiert ist. Uruguay als konsolidierte Demokratie weist im Vergleich zu Brasilien und Argentinien eine geringere Dichte an Regulierungsinstrumenten auf. Daraus leitet Bastian die Hypothese ab, dass es einen Zusammenhang zwischen Demokratiedefiziten einerseits und einem stärkeren zivilgesellschaftlichen Engagement in Debatten über politische Themen und die mediale Performanz andererseits gibt. Anders ausgedrückt, ein gewisses Misstrauen der Bürger gegenüber gesellschaftlichen Eliten und eine faktische Beschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit durch polit-ökonomische Interessen kann zu einer Stärkung der Partizipation und Kontrolle von Medien seitens der Bürger führen.

Mariella Bastian bietet eine umfangreiche Lektüre für all diejenigen, die sich mit den Medienlandschaften Lateinamerikas beschäftigen und für vergleichende Mediensystemforschung interessieren. Allerdings muss der Leser viel Geduld mitbringen und steht fast 500 Seiten geballtem Text gegenüber. Dem Buch hätte es gutgetan, an manchen Stellen zu straffen und Theoriefundamente weniger ausführlich zu diskutieren. Allein die Zusammenfassung umfasst 40 Seiten, sodass am Ende kaum klarer wird, was eigentlich die wichtigsten Ergebnisse sind. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die ‚Entwestlichung‘ der Medien- und Kommunikationsforschung. Wenn damit – wie so oft in der Literatur – gemeint ist, dass westliche Modelle oder Typologien anhand empirischer Daten aus dem globalen Süden ergänzt werden, dann erfüllt Bastian diesen Anspruch, auch wenn sie Bewertungen wie defekte oder konsolidierte Demokratien unhinterfragt übernimmt, obwohl sie in der politikwissenschaftlichen Transformationsforschung umstritten sind. Wenn mit ‚Entwestlichung’ jedoch gemeint ist, aus einer Südperspektive zu einer Dekolonisierung des Macht-Wissens-Komplexes beizutragen und AutorInnen Südamerikas ernst zu nehmen, die an einer ‚Comunicología de Liberación‘ (Kommunikationsparadigma der Befreiung) fernab eurozentrischer Sichtweisen arbeiten, dann bliebe die Arbeit weit hinter diesen Ansprüchen zurück. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, dass AutorInnen wie Mariella Bastian derartige Konzepte in ihren Arbeiten berücksichtigen würden.

Review: World Trends in Freedom of Expression and Media Development – Global Report 2017/18

Stremlau, Nicole et al. (Eds.) (2018): World Trends in Freedom of Expression and Media Development – Global Report 2017/18. UNESCO and University of Oxford, ISBN 978-92-3-100242-7

Christine Horz, Ruhr-Universität Bochum

Die internationale Lage der Pressefreiheit und Sicherheit von Journalist*innen ist in den letzten Jahren nicht nur in den sich entwickelnden Ländern, sondern auch im globalen Norden unter Druck geraten. Die wachsende ökonomische Macht der großen Medienunternehmen und Plattformanbieter und immer häufiger die mangelnde Anerkennung der Medienfreiheiten durch die Politik werden schon im Vorwort dieser Studie als Gründe für diese Entwicklung genannt. Hasskommentare gegen Journalist*innen beschleunigen diese Entwicklung, was wiederum die Dominanz der Internetriesen weiter vorantreibt.

Gerade der Untersuchungszeitraum (2012-2017) der umfassenden und in unterschiedliche Kategorien gegliederten, nunmehr zweiten Studie der UNESCO zu weltweiten Trends der beiden für Demokratie und Pluralismus zentralen Indikatoren Meinungsfreiheit und Medienentwicklung, spiegelt diesen Transformationsprozess wider. Durchgeführt wurde die Untersuchung von der Kommunikationswissenschaftlerin Nicole Stremlau (Oxford) und ihrem Team.

Der Bericht ist übersichtlich in eine Einleitung und vier Hauptkapitel untergliedert, die nacheinander die Trends im Berichtszeitraum detailliert analysieren. So werden die weltweiten Entwicklungen der Medienfreiheit, des Medienpluralismus, der Unabhängigkeit der Medien sowie der Sicherheit der Journalisten thematisiert. Jedes Hauptkapitel ist in Unterkapitel aufgeteilt, die es ermöglichen, jedes Thema separat zu konsultieren, sowie Vergleiche zu ziehen. Einleitend findet sich jeweils ein erläuterndes Unterkapitel zum Gesamtverständnis des Themas („Understanding…“). Es folgen Unterkapitel, die meist auf Zugangsproblematiken, rechtliche und regulatorische Aspekte oder zentrale Problematiken abzielen. Infoboxen im Text machen die Anstrengungen der UNESCO hinsichtlich der jeweiligen Bereiche deutlich. Das Thema Gender wird zudem in jedem der vier Kapitel aufgegriffen. Zu Anfang werden die zentralen Aussagen visualisiert zusammengefasst und auch im Text bieten interessante Grafiken Daten und Fakten an und sorgen für Übersichtlichkeit.

Laut dem Bericht ist Medienfreiheit weltweit unter Druck geraten. Der Begriff ersetzt die bisher geläufige Bezeichnung Pressefreiheit – aufgrund des Anwachsens der Medienvielfalt, wie bspw. in Online-Netzwerken. Entsprechend definierten auch Regierungen die Einschränkung von Medienfreiheiten breiter. Medienfreit spiegelt ein komplexes Gefüge aus regulatorischen, rechtlichen und politischen Maßnahmen wider. Sobald einer dieser Teilbereiche eingedämmt würde, seien alle Akteure davon betroffen. Neben bekannten Maßnahmen wie Zensur seien auch neue Trends erkennbar, um Medienfreiheiten einzudämmen. Terrorabwehr und die nationale Sicherheit würden von Regierungen als Gründe, etwa für großflächiges Abschalten des Internets, angeführt. Überhaupt seien die Möglichkeiten der Überwachung gestiegen, so dass die Grenzlinien zwischen privat und öffentlich immer weiter verschwimmen würden. In einer Infobox werden Maßnahmen der UNESCO aufgeführt, die diesem Trend entgegensteuern sollen: Stärkung der normativen Rahmenbedingungen oder Medien- und Pressefreiheit in das Bewusstsein der Bevölkerungen bringen, etwa mit dem jährlichen Tag der Pressefreiheit, sowie durch Studien zum Thema.

Die Löschung von fragwürdigen und rechtswidrigen Inhalten auf Geheiß von Regierungen macht deutlich, wie komplex das Thema ist, denn Medienfreiheiten können wie im Fall der Löschung von Hassrede mit anderen Grundrechten kollidieren. Ohne Deutschland und das NetzDG beim Namen zu nennen, wird auf dessen Einführung hingewiesen. Es verlangt von den Plattformbetreibern, Hate Speech innerhalb von 24 Stunden zu entfernen. Paradoxien dieser Art werden in dem Bericht jedoch nicht immer aufgelöst.

Auch rechtliche Maßnahmen, die auf Journalist*innen zielen, wirken sich einschränkend aus. „Defamation Laws“, etwa zur Prävention von Majestätsbeleidigung oder Blasphemie, gelten in 174 Ländern. Auch wenn betroffene Länder nicht explizit benannt werden, so macht der Fall Böhmermann vs. Erdogan oder das Vorgehen der katholischen Kirche gegen Satire deutlich, dass diese Gesetze auch in robusten Demokratien Anwendung finden. Lizensierungspflichten von Journalist*innen trugen ebenfalls zur Einschränkung der Medienfreiheit bei.

Im „digitalen Zeitalter“ spielt die Abschaltung des Internets durch Regierungen eine immer größere Rolle. Auf der Basis der Daten der Plattformbetreiber und NGOs gehen Stremlau et al. von 12 bewusst durch Regierungen herbeigeführten Internetabschaltungen aus – in allen Weltregionen. Die nationale Sicherheit und Terrorabwehr sind dabei zentrale Legitimationsmuster der Regierungen, wobei Terrorgefahr häufig als Feigenblatt herhalte, um kritische Journalist*innen mundtot zu machen. Auch hier werden keine konkreten Zahlen genannt, so dass diese Einschätzung zwar plausibel erscheint, letztlich aber nicht belegt wird.

Was den Zugang zu Information als Indikator für Medienfreiheit angeht, so hat im Berichtszeitraum das Bewusstsein in der Bevölkerung dafür zugenommen. Die Autor*innen verweisen auf langfristige Maßnahmen der UNESCO, diese zu fördern. Arabische Staaten rangieren allerdings auf den letzten Plätzen, wenn es um Informationsfreiheitsgesetze geht.

Einige Leerstellen bietet der Textteil, der sich mit Media Governance und den ROAM-Prinzipien der UNESCO befasst, also der Forderung, dass das Netz menschenrechtsbasiert, offen, für alle zugänglich und durch möglichst alle Stakeholder reguliert sein soll. Denn mit keinem Wort wird die Zentralisierung der Registrierung von Domains durch ICANN in den USA sowie die großen Plattformbetreiber und ihre geheim gehaltenen Algorithmen benannt.

Im Unterkapitel zu „Gender und Medienfreiheit“ wird vor allem auf ungleiche Medien- und Arbeitsplatzzugänge für Frauen abgehoben. Belästigungen von Journalistinnen in Redaktionen seien an der Tagesordnung.

Liest man nun zum Vergleich das Unterkapitel „Gender Equality and Media Pluralism“ wird darin noch weiter ins Detail gegangen. Vor allem geht es um Partizipationsmöglichkeiten von Frauen in Medienberufen, wobei die seit Jahren stagnierenden Zahlen die Frage aufwerfen, ob Frauen unsichtbar sind. Schließlich war 2015 nur eine von vier Frauen in Entscheidungsprozesse involviert und nur ein Drittel der Journalist*innen seien Frauen. Hier ermöglicht die Struktur des Berichts, durch Weiterlesen und Vergleich der ähnlich gehaltenen Unterkapitel tiefer in die Materie einzudringen.

Das Kapitel zu Trends hinsichtlich der Unabhängigkeit der Medien macht auf die De-Legitimierung der freien Presse seitens Regierungsvertreter*innen, die Abnahme des Medienvertrauens in einigen Weltregionen sowie zunehmende ökonomische Zwänge und Abhängigkeiten des Journalismus aufmerksam. Die Verletzlichkeit der Medienfreiheit und das Potenzial, von politischen und ökonomischen Interessen vereinnahmt zu werden, sind die zentralen Gefahren dieser Trends.

Spannend und erschreckend zugleich liest sich auch das letzte Kapitel zur Sicherheit der Journalist*innen. Schon die Eingangsgrafik verweist auf die durchschnittlich zwei Toten pro Woche. Insgesamt wurden zwischen 2012-2016 530 tote Journalist*innen gezählt, wobei die größte Zahl (mit sinkender Tendenz) aufgrund anhaltender Konflikte im Nahen und Mittleren Osten zu verzeichnen war (130) und mit steigender Tendenz in Lateinamerika und Südostasien (137).

Fazit: Der Bericht gibt einen ausführlichen Überblick, dass und wie Faktoren wie Konzentration im Medienmarkt, ungleiche Zugänge für Frauen, der steigende Druck auf die Presse, die De-Legitimierung des Journalismus angeführt von einer antagonistischen Kritik auch von Landesführern im globalen Norden zu dieser Entwicklung beiträgt, die besorgniserregend ist. Ein Manko des Berichts ist, dass nicht alle Quellen transparent dargelegt werden, was dessen Nutzung im wissenschaftlichen Kontext erschwert. Im Vergleich mit bekannten Pressefreiheitsindizes wie jenem der Reporter ohne Grenzen bietet er jedoch einen datengestützten und weniger plakativen Überblick über die genannten Teilbereiche. Die separat funktionierenden Einzelkapitel machen den Bericht zu einem hilfreichen Kompendium und Ausgangspunkt für die Lehre und weitere Forschung.

 

“Invasion der Migranten” – Framing von Flucht und Migration in der ungarischen Regierungskommunikation vor dem Referendum 2016

Ferenc Gaál | PDF-Fulltext

Abstract: Angesichts der nationalkonservativen Flüchtlings- und Migrationspolitik der ungarischen Regierung, die von immer schärferer Rhetorik begleitet wird,untersucht dieser Artikel, inwiefern die Regierungskommunikation bereits bekannte Interpretationsmuster zu Flucht und Migration reproduziert. Die Muster werden aus bestehenden Forschungen zu Medien- und Policy-Diskursen abgeleitet und unter Rückgriff auf die Framing-Theorie nach Entman in vier zentrale Frames zu Flucht und Migration ‚übersetzt’: Securitization-Frame, Deservingness-Frame, Politik-Frame sowie Humanitarian-Frame. Einem qualitativen Ansatz folgend werden Pressemitteilungen der ungarischen Regierung auf diese Frames hin untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass besonders die ersten drei, auf negative Aspekte von Flucht und Migration fokussierenden Frames stark vertreten sind, während der Frame mit Schwerpunkt auf humanitäre Hilfe kaum zum Tragen kommt.

Teaching Journalism in Ukraine: Between Formal and Non-Formal Education

Olena Demchenko | PDF-Fulltext

Abstract: Formal journalism education in Ukraine has been criticized for quite a long time forstill being affected by the old Soviet theory-based teaching model, rather than adhering to internationally accepted best practices. The system of teaching students at journalism departments has not changed significantly since Ukrainian independence in 1991 and many Ukrainian journalists have entered the profession with largely inadequate training. For instance, the practice of on-the-job training has been implemented only by some journalism departments, or is partly implemented by some lecturers. On the other hand, graduates of journalism programs in Ukraine say that more practical trainings help their professional growth. This article, then, aims to explicate the advantages and disadvantages that exist inUkrainian journalism education, and it seeks to reveal whether Ukrainian journalists prefer formal or non-formal education for their profession. The findings are based on an analysis of 10 focus groups conducted with a total of 92 Ukrainian journalists (both with and without journalism degrees) and nine in-depth interviews with Ukrainian lecturers and Ukrainian media representatives.

 

 

 

 

Review: Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht.

Suliman, Aktham (2018): Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht. Frankfurt: Nomen. 232 Seiten. ISBN978-3-939816-40-9.

Sabine Schiffer, Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, Frankfurt am Main

Aktham Suliman, dem ehemaligen Journalisten des katarischen Fernsehsenders Al-Jazeera, der als Begründer des Korrespondentenbüros in Berlin Geschichte schrieb, ist mit seinem Buch „Krieg und Chaos in Nahost“ eine wichtige Chronik gelungen. Diese verdient es in einer Fachzeitschrift für Kommunikationswissenschaft besprochenzu werden, weil der Autor sowohl als Journalist, als auch nun als Chronist einen wichtigen Teil des Diskurses zwischen Nahost und „dem Westen“ und seiner medialen Repräsentanz darstellt. Er reiht sich damit in eine Tradition kritischer Journalisten ein, wozu auch Joris Luyendijk mit seiner lesenswerten Medienkritik „Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges“ gehört und die unbedingt in die kritische Journalismusforschung einbezogen werden müssen – wozu auch die Analyse der Veränderungen durch neue Kommunikationskanäle gehören, auf die der Autor ebenfalls eingeht.

Bei dem autobiografisch geprägten Werk Sulimans handelt es sich weniger um eine Abrechnung von „Mr. Al-Jazeera“ mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, was man aufgrund der Richtungsänderung im Sender seit 2011 hätte erwarten können,vielmehr analysiert und ordnet der ehemalige Korrespondent seine sehr genauen Beobachtungen ein zwischen Politik, der Wirtschafts- und Medienentwicklung und den Folgen einer selektiven Wahrnehmung der Betroffenen hüben wie drüben.

Nicht nur aufgrund seiner genauen Sprachbeobachtungen im medialen Diskurs, ist das Buch wertvoll, sondern auch wegen der Ausleuchtung sehr relevanter Details, die im Mediendiskurs ansonsten schnell untergehen. Zwar basieren die Schilderungen auf den Erfahrungen des Autors, weshalb er außer im Fließtext keine weiteren Quellen nennt, dennoch hält die Überprüfung von Daten und Fakten dem ersten Eindruck stand, dass es sich um eine rein subjektive Anekdotensammlung handeln könnte. Subjektiv ja, aber mit einordnendem und theoretischem Verstand – und anekdotisch nur am Rande, denn ohne so manche Hintergrundschilderung lassen sich die Verwerfungen in Nahost nicht verstehen.

Suliman konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei Aspekte seiner Rekapitulation der jüngsten Geschichte: Er will „den Arabern“ ein Gesicht geben und er will zu einer kritischen Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen des Journalismusim Nahen Osten und Mittleren Osten und darüber hinaus einladen – beides gelingt ihm, wobei er dabei auch den Blick ins gegenwärtige Deutschland ermöglicht, etwa wenn er seine differenzierten Sprachbeobachtungen mittels der Wörter des Jahres des Instituts für Deutsche Sprache erörtert oder arabische Soaps mit einem Titel wie „Schlechte Zeiten, noch schlechtere Zeiten“ augenzwinkernd kategorisiert.

Seine Schilderungen geben tiefen Einblick in Ereignisse, die man in der breiten Öffentlichkeit und weniger mit der MENA-Region Vertrauten nur oberflächlich kennen dürfte – etwa den kuriosen Anruf des damals noch unbekannten Hamid Karzai aus einer Höhle in Tora Bora just zu dem Zeitpunkt der Petersberger Konferenz, der über die Zukunft Afghanistans entschied.

Sulimans persönliche Sicht wird durch seinen Humor geprägt, denn ohne diesen ist weder seine Haltung zu verstehen, noch die Situation zu ertragen. Zumal er anhand des Schicksals dreier Bekannter, die während ihrer journalistischen Tätigkeit ums Leben kommen, den vielen anonymen Leben und Tragiken der Region um den Irak etwas mehr Plastizität und menschliche Nähe gibt, die allzu oft hinter Zahlen und Routinen verschwindet.

Der Autor betont, dass es sich um „EINE arabische Sicht“ handelt und lädt dazu ein, sich einzulassen auf eine Wahrnehmung von verschiedensten Menschen, die sich seit 1991 (der sogenannten „Befreiung Kuwaits“) im Kriegszustand sehen. Einleitend schreibt Suliman: „Nichtsdestoweniger sei daran erinnert, dass just aus jener arabischen Sicht – allen Nachrichtenbildern zum Trotz – im Nahen Osten nicht nur gestorben und geweint, sondern auch gelebt und gelacht wird.“ (S. 13)

Anhand eines Witzes macht der ehemalige Irak-Korrespondent auf das Dilemma der Grenzziehung zwischen legitimem völkerrechtlichen Widerstand und Terrorismus aufmerksam mit einem Verweis auf die kritisch zu betrachtende Rolle der Medien:

„Stell Dir vor, drei bei dem Schusswechsel getötete Gestalten erreichen Gott im Himmel am Tag des Angriffs. […] Der eine ist ein amerikanischer Soldat. Er kommt wahrscheinlich in die Hölle, weil er ein fremdes Land besetzte. Der andere ist ein Freiheitskämpfer [für sein Land]. Dieser kommt vermutlich ins Paradies, weil er sein Land befreien wollte. Doch was soll Gott von dem verdammten Toten mit derKamera in der Hand halten? Wohin mit diesem?“ (S. 139)

Bei medienethischen Fragen zieht der erfahrene Journalist keine Grenze zwischen westlichen und arabischen Medien, er nimmt alle in die Pflicht und verweist auf fatale Mechanismen – etwa die dramaturgisch durchgeplante Besetzung von Talkshows, die im Westen dem Bild des Westens von der Sachlage folgt, nicht der Sachlage vor Ort. Darüber hinaus macht er die Auswirkungen deutlich, die die Einführung von Youtube und die Entwicklung von Smartphones auf den Journalismus (und die Kriegsbericht­erstattung) hatten, und betont, dass es die klassischen Medien seien, die die Social-Media-Beiträge ausgewählter Aktivisten erst adeln und der Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit zuführen. Die teilweise Inszenierung der „Arabellion“ sei anders kaum zu verstehen. Man mag sich hier aktuell ruhig aufgefordert fühlen, über den medialen Umgang mit den Tweets Donald Trumps nachzudenken.

„Das Bild als Nachricht“ markiere in Zeiten sogenannter sozialer Medien einen Schub in Richtung Emotionalisierung. Die etablierten Medien könnten nun aus einem großen Fundus an Bildmaterial aussuchen, egal wie untypisch ein Bild für eine eigentlich erklärungsbedürfte Situation oder Entwicklung ist. Damit werde der postfaktische Medien-Diskurs untermauert, so dass man nicht mehr so sehr glaubt, was man sieht, sondern sieht, was man glaubt – man könnte auch sagen, glauben will (S. 200). Über den Schaden, den die jüngsten Entwicklungen bzw. Interventionen im Nahen Osten angerichtet haben – der auch ein Imageschaden für die Idee von „Demokratie“ ist, die zu oft zu Zwecken von Interventions-PR missbraucht wurde – philosophiert der Autor am Ende des Buches und ordnet den eskalierenden Dauerkriegszustand ein in mögliche Strategien zwischen Fukuyamas „Ende der Geschichte“ und Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Nicht von ungefähr ist man erinnert an politische Analysen à la Michael Lüders, die selbstkritischen Reflexionen eines Deserteurs namens Joshua Key und – wie bereits erwähnt – die Journalismusanalyse mit dem Schwerpunkt Naher Osten eines Joris Luyendijk. Aber nicht zuletzt die dem Autor von „Krieg und Chaos in Nahost“ eigenen humorvollen Zuspitzungen laden hier zum reflektierenden Perspektivwechsel ein. Man kann nur wünschen, dass er gelingt und beispielgebend für die kritische Analyse ist.


Review: Hate Speech in den Massenmedien. Theoretische Grundlagen und empirische Umsetzung.

Sponholz, Liriam (2018): Hate Speech in den Massenmedien. Theoretische Grundlagen und empirische Umsetzung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 454 Seiten. ISBN 978-3-658-15076-1.

 

Christine Horz, Ruhr-Universität Bochum

Was gilt als Hate Speech – und was noch als robuste Meinungsäußerung? Darüber streiten nicht nur Politik und Öffentlichkeit; auch (Kommunikations-)wissenschaftler ringen um definitorische Abgrenzungen. Betrachten sie es als medial verbreitete Hassbotschaften, die keiner weiteren Theoretisierung bedürfen? Oder, wie LiriamSponholz in ihrer Habilitationsschrift ausführlich darlegt, ist Hate Speech „nicht zuerst eine Frage ‚böser Worte‘, sondern einer Streitfrage, ein prominenter Stoff für Kommunikationskonflikte“ (21)? Und sie definiert Hate Speech weiter als „öffentliche[] Kommunikation bewusster und/oder intentionaler Äußerungen oder Botschaften mit diskriminierenden Inhalten“ (21/22). Dies überrascht zunächst. Zum einen, weil Hate Speech bis lang in der Kommunikationswissenschaft mit Beleidigung und Entzivilisierung öffentlicher Debatten um Migration und Flucht, überwiegend im Internet, assoziiert wird wie u.a. Kai Hafez in einem Beitrag für Communicatio Socialis (4/2017) darlegt. Und zum anderen, weil Sponholz issues lediglich mit Streitfragen übersetzt. In der Medien- und Kommunikationswissenschaft wird issues gemeinhin mit Themen oder Streitfragen übersetzt (wobei erste Übersetzung üblicher ist). Erst später geht Sponholz darauf ein, warum sie lediglich eine der beiden Möglichkeiten gewählt hat, obwohl diese Wahl den Verlauf der Arbeit entscheidend prägt.

 

Im Theorieteil nimmt die umfassende definitorische Abgrenzung von Hate Speech rund sechzig Seiten ein. Dabei macht Sponholz eine interessante Beobachtung: in der zitierten Literatur würde Hass als Emotion und damit individuelles Phänomen betrachtet und nicht als soziale Figuration, wie sie selbst vorschlägt. Insofern bedürfe es laut dieser Studien lediglich eines rationalen Umgangs, um das Problem zu lösen. Der unscharfe Begriff Hate Speech führe folglich in die Irre und würde zahlreiche Aspekte, wie den Kampf um Ressourcen, verschleiern. Auch der Wortteil speech bzw. Rede in der Nominalkomposition Hate Speech sei zu beschränkt, so die Autorin weiter, und nennt das Beispiel brennender Kerzen, die als Hassaktion vor den Häusern afro-amerikanischer Familien aufgestelltwürden.

 

Anders als Kai Hafez in o.g. Beitrag grenzt Sponholz Hate Speech von Political Incivility ab. Bei letzterer würden sich zwei Menschengruppen gegeneinander stellen, beiHate Speech würde jedoch behauptet, zwei Menschengruppen seien unvereinbar, was Sponholz zu einem zentralen Begriff in ihrer Arbeit führt: der Antinomie.

 

In Kapitel drei geht die Autorin nun genauer darauf ein, was sie unter Hate Speech als Streitfrage versteht, nämlich einen „Kampf um Werte, um Macht“ (99). Themen seien dagegen lediglich die Bestandteile einer Streitfrage. Mit diesem Vorlauf kann sie nun die Mechanismen der Entstehung einer Streitfrage sowie einer „HateSpeech– Streitfrage“ (108) offenlegen. Die Problematisierung einer Gruppein der Öffentlichkeit bedeutet demnach, dass diese Gruppe erst als Problemmarkiert wird, was sich in Hate Speechniederschlagen kann. Nach Sponholz werden Gruppen insbesondere zum Gegenstanddes Hasses, wenn in Medien Antinomien von Gruppen gebildet werden.

 

Ein weiterer zentraler Begriff in ihrer Arbeit ist jener der „sozialen Repräsentationen“ nach Moscovici, die letztlich dem „rassistischen Wissen“ bei Terkessidis (1995) ähneln. Demnach enthalten Repräsentationen fixe und flexible Anteile, die Rassismus immer wieder aktualisieren und damit als nachhaltig verfestigtes Phänomen erscheinen lassen. Sponholz macht jedoch deutlich, dass es auf unterschiedlichen Gesellschaftsebenen verteilt ist. Erst wenn „Hate-Speech-Antinomien“ von andere Gruppen übernommen werden, münden sie in Hate Speech.

 

Ein Schlüsselkapitel stellt 3.3.5 dar, weil Sponholz hier auf die Frage eingeht, warum eine Antinomie soziale Repräsentationen und nicht etwa Stereotype produziere. Stereotype enthalten demnach fixe Konzepte, seien unterkomplex. Soziale Repräsentationen hingegen seien „Handlungs- und Wertesysteme und enthalten damit ein höheres Komplexitätsniveau“ (124). Unklar bleibt hier, warum Sponholz das anschließend angesprochene Framing-Konzept nicht zentraler in ihrer Arbeit verankert, obwohl es in der empirischen Analyse als Erklärungsmodell für mediale Repräsentationen verwendet wird, die sich aufgrund der Wesensmerkmale der institutionalisierten Medien von den sozialen Repräsentationen unterscheiden.

 

Kapitel vier erstreckt sich über mehr als hundert Seiten und versucht der Frage auf den Grund zugehen, wie Medien mit Hate Speech umgehen. Relativ banal ist die Erkenntnis über die Agenda-Setting-Prozesse der Hater: Entscheidend sei das „Medienkapital“, also das Vermögen, ihre konflikthaften Streitfragen in die öffentliche Debatte tragen zu können. Gelingt ihnen das, erhält Hate Speech Legitimität durch die rationale Thematisierung in den Medien: „Indem sie diskutiert werden, werden sie auch diskutabel“ (196).

 

Erst im Empirieteil in Kapitel fünf wird deutlich, welche Protagonisten von Hate Speech Sponholz im Auge hat, in dem sie bekannte antimuslimische Publikationen von Thilo Sarrazin und Oriana Fallaci als Fallstudien benennt. Nach dem langen theoretischen Vorlauf ist zwar schlüssig, warum Sponholz nicht die mit Hate Speech assoziierten Foren wie digitale soziale Netzwerke untersucht. Dennoch mutet es abermals eigenwillig an, beispielsweise Thilo Sarrazins islamfeindliches Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) als Teil einer öffentlichen Streitfrage und nicht etwa als „anti-tabuistischen Gestus“ zu bezeichnen, der nur das rassistische Potenzial in der Bevölkerung zum Vorschein bringt, das ohnehin vorhanden ist. Sarrazin gilt als Medienerfindung und auch Sponholz ist der Ansicht, dass Medien zur Normalisierung dieser Diskurse beitragen, indem sie dessen islamfeindlichen Äußerungen eine Bühne bieten. Neben dem Gegenstand der Kontroverse untersucht Sponholz anhand eines quantitativen Designs u.a. Kategorien wie die Zeit- und Sachdimension, die soziale Dimension – verstanden als Netzwerk der PolemikerInnen, das Medienkapital der AkteurInnen sowie die Folgen von Hate Speech.

 

Im Ergebnis wird der Medienkonflikt um die Bücher von Sarrazin und Fallaci als „Kontroverse um Hate Speech“ (419) bewertet. Sie bettet bspw. Sarrazins Thesen in den schon länger islamfeindlichen Diskurs der Medien ein, die das „Problematisierungsangebot des Polemikers“ (420) dankend angenommen und dadurch rationalisiert hätten. An dieser Diagnose Sponholz‘ wird deutlich, dass ihre Hate Speech-Definition womöglichzu weit gefasst ist, denn zahlreiche Agenda-Setting-Studien zur Islamdarstellung in den Medien sowie jene mit Agenda-Building Fokus sogenannter Islamexperten kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Sponholz hat diesen kritischen Einwand offenbar antizipiert, denn im Resümee grenzt sie Hate Speech von Hateful Speech ab, die sprachlich direkter vorgehen würde. Teilweise wirkt die Argumentation etwas zu ausufernd, worunter die Präzision leidet. Das Lektorat hätte etwas sorgfältiger arbeiten können, denn die Arbeit enthält eine Reihe von Orthografie- und Grammatikfehlern. Insgesamt kann der Mehrwert der Studie darin gesehen werden, dass Hate Speech „als ein Gefüge von Handlungen“ betrachtet wird, das „durch Kommunikation nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Sinn, Gestalt, Relevanz und Legitimität für die symbolische und/oder materielle Ausgrenzung von Menschen aufgrund einer Kategorie verleih[t]“ (443).

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