Home » Articles posted by Carola Richter

Author Archives: Carola Richter

Choose language:

Review: Grenzüberschreitender Journalismus. Handbuch zum Cross-Border-Journalismus

Alfter, Brigitte (2017): Grenzüberschreitender Journalismus. Handbuch zum Cross-Border-Journalismus. Köln: Herbert von Halem Verlag. 204 Seiten. ISBN 978-3869622323.

Liane Rothenberger, Ilmenau

Dieses Buch ist eines, das sich Redaktionen leisten sollten, die über den nationalen Tellerrand hinausschauen möchten. Laut Einband versprechen die 200 Seiten (davon zehn mit Literaturquellen) eine „praktische Einführung in die neue journalistische Arbeitsmethode“, nämlich die Zusammenarbeit von Journalisten in internationalen Teams, auch genannt „Cross-Border-Journalismus“. Dass Journalistinnen und Journalisten über Ereignisse berichten, die mehrere Länder betreffen und auch mal Dokumente austauschen, gab es vermutlich schon immer – ob Affäre Dreyfus oder Auslandskorrespondenten während der Zeit des Völkerbundes. Dass sie aber ihre Recherchen penibel aufeinander abstimmen und sich über einen gemeinsamen Termin zur Veröffentlichung verständigen, das, so Alfter, sei erst in den 1970er Jahren in den USA durch eine Bewegung zum Recherchejournalismus entstanden.
Alfters Buch erschien auf Dänisch bereits 2015 und demnächst soll eine englische Version publiziert werden. Es ist chronologisch am journalistischen Prozess orientiert: von der Idee über die Recherche zur Veröffentlichung, Weitergabe von Erfahrungen an Kolleginnen und Kollegen und Vorbereitung der nächsten Recherche(idee). Häufig bleibt einiges an Recherchematerial ungenutzt, was wiederum den Ausgangspunkt für weitere Recherchen bilden kann. Cross-Border-Journalismus ist eine oft langwierige und mühselige Arbeit: Wie erhalte ich eine Liste mit polnischen Landwirten, die EU-Subventionen empfangen, wenn die EU sie gar nicht herausgeben will? Wie suche ich einen geeigneten polnischen Journalisten, der in seinem Land direkte Anfragen stellt?
Alfter beruft sich bei ihren Ausführungen und Tipps auf eigene Erfahrungen sowie Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Dass sie ihr Buch stark normativ an journalistischen Idealen ausgerichtet hat, zeigt sich daran, dass sie die zehn universellen Regeln für Journalismus nach Kovach und Rosenstiel (2001) wiedergibt (S. 99); darunter Forderungen wie „Die Loyalität des Journalismus liegt bei den Bürgern.“ Da jede Bürgerin und jeder Bürger heute in globale Zusammenhänge eingebunden ist – beispielsweise in das grenzüberschreitende Wirtschaftssystem –, plädiert die Autorin dafür, nicht nur „bis zur nationalen Nasenspitze“ (S. 76) zu schauen. Sie gibt die Anregung, dass Journalistinnen und Journalisten Ideen für internationale Themen und Daten unter anderem auf wissenschaftlichen Konferenzen finden. Journalisten sollten dieses Expertenwissen und analytische Perspektiven für ihr Hintergrundwissen viel stärker nutzen. Wichtig sei, dass man nicht nur über Grenzen hinweg arbeite – was in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung recht einfach möglich ist –, sondern vor allem denke. Die Teammitglieder müssten sich ergänzen. Kann der Eine eine bestimmte Fremdsprache, hat die Andere vielleicht ein spezielles Fachwissen oder ein Anderer wiederum durch bestimmte nationale Gegebenheiten leichter Zugang zu benötigten Dokumenten. Alfter reichert ihre Ausführungen durch Fallbeschreibungen an: LuxLeaks, Tabakschmuggel, EU-Agrarsubventionen, Kampf gegen Chemiekonzerne, Ungereimtheiten bei Migrantenzahlen und schwache Kontrolle von Medikamenten.
Eine Stärke des Buches ist auch das Layout mit grafisch abgehobenen Checklisten, Definitionen und „gutem Rat“ von erfahrenen Cross-Border-Journalisten. Ein paar Ratschläge: viel Zeit mitbringen für die Recherche, an möglichst wenigen Aufgaben parallel arbeiten, Elan ins Netzwerken stecken. Respekt und Feinfühligkeit zeigen, auch interkulturelles Verständnis mitbringen. Das Buch gibt Antworten auf ganz praxisnahe Fragen wie: Brauche ich einen Rechtsbeistand, auch wenn ich auf das Informationsfreiheitsgesetz pochen kann? Wie stößt man auf ein relevantes Thema und wie bereitet man es systematisch auf? Wie koordiniert man 80 Journalisten, die in 26 Ländern zum gleichen Thema recherchieren? Ganz wichtig sind hier Absprachen im Vorhinein: ethische Standards, Finanzierung, Arbeitszeiten bei Zeitverschiebung, Dateiformate und Datensicherheit bei Cloud-Lösungen – die Liste lässt sich leicht fortsetzen. Alfters Tipp für ein gutes Team: auf Empfehlungen hören, sich persönlich kennen lernen und schauen, ob man auf einer Wellenlänge liegt (in ihrem Buch skizziert sie die vier Grundtypen nach Glahn (2004) „Einzelgänger, Geselliger, Berechnender und Brückenbauer“). Während der gesamten Arbeitsphase sollte man dann in einem gemeinsamen „Logbuch“ (S. 155) die Rechercheschritte mit Informationen, beispielsweise zu Sprache und Format des Dokuments, festhalten.
Am Ende des Buches hat man das Gefühl, dass man das zwar alles irgendwie schon gewusst hat (wenn man Nachrichten über internationale Rechercheverbünde wie bei LuxLeaks oder den Panama-Papers verfolgt hat), dass die Lektüre aber auf jeden Fall bereichernd ist und die Arbeitsweise „Cross-Border-Journalismus“ an Klarheit gewinnt. So kann jeder Journalist und jede Journalistin sich selbst im Vorhinein prüfen, ob sie für grenzüberschreitende gemeinsame Recherchen geeignet wäre. Wem das Buch noch nicht reicht, dem schlägt Alfter vor, eine der Konferenzen und Workshops zum Thema „Cross-Border- oder Investigativjournalismus“ zu besuchen oder sich auf Webseiten wie denen des „International Consortium of Investigative Journalists“ oder des „Netzwerk Recherche“ zu informieren.

Review: Global Media Giants

Birkinbine, Benjamin; Gomez, Rodrigo & Wasko, Janet (eds.) (2016): Global Media Giants. London: Routledge. 510 Seiten. ISBN 978-1138927711.

Simon Berghofer, Berlin

Vermutlich liegt es am soziokulturellen Hintergrund des Verfassers dieser Rezension, dass er sich von dem düster dreinblickenden, weltumschlingenden Kraken auf dem Buchcover etwas irritiert fühlt. Was aber zunächst nach „Weltverschwörungs-“ oder „Stürmer“-Karikatur aussieht, entpuppt sich glücklicherweise auf den zweiten Blick als eine umfassende Sammlung weitgehend nüchterner Darstellung zeitgenössischer „Global Media Giants“. Als globale Medienriesen werden hier grenzüberschreitend agierende Medienunternehmen verstanden. Der Medienbegriff ist weit gefasst und versucht den konvergenten Entwicklungen gerecht zu werden. Folglich finden neben „klassischen Massenmedien“ und Inhalteproduzenten auch (konvergente) Telekommunikationsriesen sowie „Internet Giants“und „Global Ratings and Advertising Giants“ Berücksichtigung. Das Globale kann hier folglich im doppelten Sinne verstanden werden: es umschreibt sowohl die politisch-soziale Sphäre des Materialobjekts des Buches, als auch einen formellen Anspruch der Herausgeber*innen an eine möglichst umfassende Abbildung relevanter Entitäten.
Das Vorhaben gelingt auf den ersten Blick recht gut. Die beiden Herausgeber und die Herausgeberin schaffen es, eine ganze Reihe von Autor*innen zusammenzubringen, die sich einzelnen „Media Giants“ systematisch und nach einer scheinbar abgestimmten Struktur annehmen. Die Autorenliste ist ebenso umfangreich wie die Anzahl der Beiträge. Unter den Verfasser*innen findet sich eine Bandbreite vom Doktoranden bis hin zu profilierten Persönlichkeiten der Kritischen Politischen Ökonomie der Kommunikation.
Das Buch besteht aus insgesamt 28 Kapiteln auf knapp 500 Seiten. Jedes Kapitel ist einem einzelnen Medienunternehmen oder der Darstellung der wichtigsten Medienunternehmen einer spezifischen Region gewidmet. Der erste Teil des Buches widmet sich unter der Überschrift „Global Giants“ zunächst den üblichen Verdächtigen: Disney, Time Warner, Comcast, News Corporation sowie – dem vom Namen her vielleicht weniger geläufigen Multiplex-Kinobetreiber und Miteigner von Viacom und CBS – National Amusements.
Der zweite Abschnitt ist den „Regional and Geolinguistical Giants“ gewidmet. Die scheinbar etwas pragmatisch gewählte Abschnittsüberschrift schnürt Aufsätze zu Grupo Televisa, América Móvil, Bertelsmann, Vivendi, Mediaset, Telefónica, Grupo Prisa, Grupo Globo sowie – etwas überraschend – Sony zu einem Paket.
Der dritte Teil des Buches bricht etwas mit der bis dahin gewählten Logik und widmet sich spezifischen „regional overviews“. Erfreulicherweise wird hier der Fokus auf Weltregionen gelegt, die in der englischsprachigen Forschungsliteratur zur politischen Ökonomie der Kommunikation tendenziell unterbeleuchtet sind (von den nur marginal existierenden deutschsprachigen Beiträgen zur globalen politischen Ökonomie der Medien ganz zu schweigen). Neben dem noch vergleichsweise prominenten südamerikanischen Raum werden der Nahe Osten, Sub-Sahara Afrika, Osteuropa, Südasien, Ostasien und China sowie Australien und Neuseeland behandelt. Im Wesentlichen beschränkt sich auch hier die Darstellung auf einzelne in den Regionen aktive Unternehmen.
Der vierte Abschnitt fokussiert wieder verstärkt auf globale Riesen und widmet sich den „Internet Giants“ in erwartbarer Form: Apple, Microsoft, Google, Amazon, Facebook. Zuletzt finden noch die „Rating and Advertising Giants“ in Form von Nielsen und der Werbeagentur Interpublic Group of Companies (IPG) Beachtung.
Der Aufbau der Einzelkapitel und die Darstellung folgen – zumindest in weiten Teilen – der gleichen Systematik: Zunächst wird ein kurzer einleitender Überblick über das Unternehmen und seine Geschichte gegeben, worauf eine Darstellung seines ökonomischen, politischen und kulturellen Profils erfolgt. Unter dem ökonomischen Profil werden dabei im Wesentlichen die gängigen (sofern bekannten) ökonomischen Kennziffern, eine Darstellung der Unternehmensstruktur und die Beschreibung der strategischen Ausrichtung des Unternehmens verstanden. Das politische Profil widmet sich sowohl der Eigentumsstruktur als auch möglicher Lobbyverbindungen zum Staat, geht aber auch auf die Zusammensetzung des Aufsichtsrates sowie mögliche Überkreuzverflechtungen ein und deckt nicht zuletzt auch die Beschäftigungspolitik genauso wie Aspekte des „social marketings“ des Unternehmens mit ab. Den letzten Abschnitt der Unternehmensprofile bildet ihr kulturelles Profil, das sich – zumindest nach Absicht der Herausgeber – den Bereichen „Symbolic Universe and Ideology“, „Popular Products/Services and Everyday Life“, „Cultural Imports/Exports to/from Other Countries“ (S. 7) widmen soll.
Das Buch liefert insgesamt eine umfassende Darstellung grenzübergreifend agierender Medienunternehmen. Dennoch fragt man sich gelegentlich, wie die Auswahl und Einteilung der Konzerne erfolgt ist. Mediaset ist beispielsweise aus politökonomischer Perspektive sicherlich ein dankbares Musterbeispiel zur Beschreibung der Verschränkung medialer, ökonomischer und politischer Macht. Aber ist es wirklich ein „Regional“ oder „Geolinguistical Giant“? Warum wiederum Sony ausgerechnet in die letzte Kategorie fällt, bleibt ebenso rätselhaft, wie die Frage, weshalb im letzten Abschnitt zum Werbemarkt IPG Betrachtung findet, während andere (teilweise auch bedeutendere) Werbeagenturen nicht behandelt werden. Bei der Zusammenstellung werden sicherlich pragmatische Gründe eine Rolle gespielt haben, was den Herausgebenden angesichts des umfassenden Ausmaßes des Buches auch keinesfalls anzulasten ist. Dennoch fragt sich der/die interessierte Leser*in, ob und wie man eine analytisch stabilere Ordnung in das Feld hätte bringen können – das wäre vielleicht einen spezifischen Beitrag der Herausgeber*innen wert gewesen.
Erfreulich ist auf jeden Fall die einheitliche und klare Systematik im Aufbau der Einzeldarstellungen. Sie verleiht dem Band einerseits einen gewissen Nachschlagewerk-Charakter, bleibt aber durch die Wahl der Schwerpunkte ganz klar zentralen Fragestellungen der Politischen Ökonomie verbunden. Die Vielzahl zu beleuchteter Aspekte lässt allerdings schon ahnen, dass die Einzelkapitel insbesondere bei Unternehmen mit stark ausdifferenzierten Geschäftsfeldern Schwerpunktsetzungen in der Darstellung nötig machen. Tatsächlich fällt die Gewichtung einzelner Aspekte des ökonomischen, politischen und kulturellen Profils teilweise recht unterschiedlich aus. Beim ökonomischen und politischen Profil erklärt sich das auch aus der sehr heterogenen Verfügbarkeit von Informationen, die je nach Unternehmensform und Ursprungsland variieren. Am heterogensten wirken jedoch die Abschnitte zum kulturellen Profil, was sich vermutlich darauf zurückführen lässt, dass es bei weit ausdifferenzierten Unternehmen, die teilweise mit sehr unterschiedlichen Produkten auf unterschiedlichen Medienmärkten (Stichwort: Glokalisierung) aktiv sind, kaum möglich ist, pauschale Aussagen über das kulturelle Profil eines Konzerns zu treffen. Zudem lassen sich teilweise auch nationale Einfärbungen bzw. ein gelegentlicher US-Zentrismus in den Darstellungen erkennen – so behandelt das Kapitel zu Google bspw. nur die Lobbyaktivitäten des Unternehmens in den USA und ignoriert dabei, dass globale Unternehmen heutzutage auch politisch schon lange nicht mehr nur national aktiv sind. Eine etwas globalere Perspektive wäre dem Buchtitel in dieser Hinsicht durchaus gerechter geworden.
Trotz der oben genannten Kritik muss festgehalten werden, dass der Band absolut lesenswert ist und eine umfassende, politökonomisch basierte Gesamteinschätzung der einzelnen Konzerne liefert. Er ist vollgepackt mit Wissen und Fakten zu den Unternehmen und ist jeder/m zu empfehlen, die/der sich für Fragen der Politischen Ökonomie der globalen Kommunikation interessiert – sowohl als Einstiegs-, als auch als vertiefendes Nachschlagewerk.

Review: Globale Medien- und Kommunikationspolitik. Konzeption und Analyse eines Politikbereichs im Wandel

Berghofer, Simon (2017): Globale Medien- und Kommunikationspolitik. Konzeption und Analyse eines Politikbereichs im Wandel (Reihe Medienstrukturen Bd. 12). Baden-Baden: Nomos. 429 Seiten. ISBN 978-3-8487-3982-0

Roger Blum, Köln

Nach gängiger Lesart sind die Nationalstaaten für die Kommunikations- und Medienpolitik zuständig. Es gibt aber globale Kommunikation, und so muss es auch globale Kommunikationspolitik geben. In seiner Berliner Dissertation, die er an der Freien Universität verfasst hat, geht Simon Berghofer daran, die globale Medien- und Kommunikationspolitik theoretisch und analytisch zu durchdringen und ihren Wandel zu beschreiben. Er stützt sich normativ auf Überlegungen von Harry Pross und verfolgt drei Theoriestränge: die Theorie internationaler Regime, die politische Ökonomie und den Global Governance-Ansatz. In seiner Untersuchung unterscheidet er sieben Ebenen, auf denen Kommunikationspolitik stattfinden kann: die globale, die bi- und multilaterale, die großregionale, die nationale, die regionale, die kommunale und den „Alltag“ (worunter er die innerfamiliären Routinen und Regeln versteht). Untersuchen will er aber ausschließlich die globale und die multilaterale Medienpolitik.

Die Medien- und Kommunikationspolitik, die über den nationalen Rahmen hinausgeht, ist älter, als man vielleicht annimmt: Schon 1865 wurde der Internationale Telegraphen-Verein, (später International Telecommunication Union, ITU) gegründet, 1874 kam der Weltpostverein hinzu, und 1886 entstand die „Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst“. Nach dem Ersten Weltkrieg betrieb der Völkerbund Medienpolitik; als erstes gelang ihm 1923 ein Vertrag zur Bekämpfung obszöner Publikationen. 1927 fand eine Konferenz statt zur Frage, ob die Presse zum Frieden beitragen könne, und 1936 lag ein internationaler Rundfunkfriedenspakt vor, der dem Radio Kriegshetze und Aufstachelung zu Umstürzen in anderen Ländern verbot, es zu Richtigkeit und Sorgfalt anhielt und ihm einen Beitrag zur Völkerverständigung abverlangte. 23 Staaten unterzeichneten, nicht aber die faschistischen. Auch aus der Zivilgesellschaft heraus kam es zu internationalen Zusammenschlüssen: 1896 entstand die International Union of Press Associations, 1925 folgte die International Broadcasting Union (die heute in der European Broadcasting Union EBU fortlebt), und 1926 wurde die International Federation of Journalists aus der Taufe gehoben, die 1931 ein Ehrentribunal einsetzte und 1939 einen Ehrenkodex verabschiedete, auf dem all die Journalistenkodizes der Gegenwart basieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die von den Staaten vereinbarten Organisationen in die UNO integriert. Neu kam die UNESCO hinzu, die sich vor allem um den „free flow of communication“ vor dem Hintergrund des Nord-Süd-Konflikts kümmerte und im Gefolge des MacBride-Berichts von 1980 eine neue Weltinformations- und Kommunikationsordnung anstrebte. Medienpolitisch tätig wurde auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die aus dem Helsinki-Prozess hervorgegangen war. Stärker ökonomisch und deregulierend orientiert griffen die OECD, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Welthandelsorganisation WTO in die Medienpolitik ein. Ihnen ging es vor allem um die Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte. So unterscheidet der Autor drei Phasen der globalen Medien- und Kommunikationspolitik: Erstens jene der Entstehung und des Ausbaus (1900-1945), zweitens jene der Pluralisierung und Ausdifferenzierung (1945-1995) und drittens jene der Denationalisierung und Privatisierung von Autorität (seit 1995). Gerade das Internet wird stark von privaten Akteuren reguliert.

Auf der theoretischen Ebene differenziert Simon Berghofer vier kommunikationspolitische Perspektiven aus: 1) Die techno-funktionale Perspektive: Hier ist das Handeln eher administrativer Art und auf Effizienz ausgerichtet. 2) Die ökonomisch-liberale Perspektive: Diese gründet auf klassischen und neo-klassischen ökonomischen Prämissen und strebt nach Liberalisierung und Deregulierung. 3) Die kulturell-soziale Perspektive: Sie folgt einer normativen Orientierung, nämlich der kritischen politischen Ökonomie und will Kommunikation ermöglichen, aber auch Protektionismus ausüben. 4) Die Sicherheitsperspektive: Sie will Infrastrukturen sichern, auch um den Preis der Abschottung.

Berghofer hat offenbar Berge von Literatur durchgeackert, er kennt eigentlich alles, was zu diesem Themenbereich je publiziert worden ist. Er bietet einen umfassenden Überblick, der allerdings etwas sperrig und daher nicht leicht zu lesen ist. Eine Dissertation hat einen eigenen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten. Den sucht man zunächst, denn über viele Seiten hinweg fasst das Buch zusammen, was schon anderswo gesagt worden ist, integriert es allerdings in einen gesamtheitlichen Kontext. Dann aber kommt die Eigenleistung: Die gründliche Untersuchung des Fallbeispiels ITU. Hier kann der Autor auf Originalquellen zurückgreifen, die er auswertet. Merkwürdig ist nur, dass er erstens diese Quellen im Anhang ebenfalls als Literatur aufführt und dass er zweitens bei der Beschreibung des Fallbeispiels über weite Strecken wiederum Sekundärliteratur zitiert und nur ganz selten die Quellen. Wer indes genau wissen will, in welchen Bereichen die Nationalstaaten Regulierungsautorität verloren haben und welche Akteure an globalen Regelungen beteiligt sind, liest das Buch mit Gewinn.

Kritik von Fortschrittsnarrativen im deutsch-türkischen Migrationskontext – Migrationskino und Diasporamoscheen im Integrationsdispositiv

Mehmet Bayrak & Ömer Alkın | PDF-Fulltext

Abstract: Der Artikel arbeitet die permanente Reproduktion eines progressiven Fortschrittsnarrativs an zwei Diskursfeldern des türkisch-deutschen Migrationskontexts heraus und zeigt auf, wie es von integrationspolitischen Motivationen geprägt ist.
Für das Feld des Films wird das Narrativ vom Wandel der Repräsentationen in den Migrationsfilmen über die Arbeitsmigranten seit den 1990er Jahren befragt. In dem Narrativ wird behauptet, dass es einen Wandel seit den frühen deutsch-türkischen Filmen zu den Filmen um die Jahrtausendwende gegeben habe: von einem bemitleidenden, viktimisierenden Betroffenheitskino zu einem transkulturellen Kino des Empowerments.
Der zweite Teil des Aufsatzes erörtert demgegenüber das transnationale Narrativ von der Wandlunsgerzählung im Moscheebau in Deutschland. Seine kritische Befragung zielt auf die Infragestellung des Wandlungsnarrativs, nach dem sich das Modell der Hinterhofmoschee der Migranten in ein Modell moderner Moscheeneubauten transformiert habe.
Der Beitrag skizziert die Narrative anhand der Erörterung von wissenschaftlichen und öffentlich-medialen Diskursen nach, stellt die Diskursdynamiken in ihrer integrationspolitischen Logik als unterkomplex heraus und eruiert einige praktische Folgen für die Filmproduktion und den Moscheebau in Deutschland. Es zeigt sich, dass die in beiden Diskursfeldern zirkulierenden Diskurse von einem Wandel filmischer Verhandlungsformen türkisch-deutscher Migration bzw. der Moscheebaukultur im migrantischen Kontext mit einer Vorstellung von Fortschritt, einer Zeitlogik von Linearität und ausgehend von einem Integrationsdispositiv her operieren, was zugleich für die Forschungen in den Feldern erhebliche Folgen hat.

The Eyewitness Texture of Conflict: Contributions of Amateur Videos in News Coverage of the Arab Spring

Michael Lithgow & Michèle Martin | PDF-Fulltext

Abstract: Our paper uses the events of the Arab Spring to examine amateur videos as a discourse of conflict produced by untrained and unpaid individuals, often at great personal risk, and which is taken up by, and incorporated into, news outcomes by professional news networks. The different semiotic elements comprising amateur images used in news coverage create what we call an “eyewitness texture” that reflects not only the generally low quality technologies in use and non-professional camera skills, but the sensibilities of a public desire for proximity and immediacy, which is sometimes utilised by news organisations as a means to authenticate their coverage with affective and narrative features.
The corpus of our study includes the amateur footage used in news coverage of Tunisia, Egypt and Libya during the first 100 days of the Arab Spring uprisings (December 17th 2010 to March 31st 2011) by France 24 and the Canadian Broadcasting Corporation (CBC). Our paper uses a multi-pronged discourse analysis to reveal a range of priorities at work in the selection and use of amateur images. We notice that the inclusion of the eyewitness textures of amateur produced images in some cases implied meanings that tied news narratives to larger and largely ideological forms of discursive significance.

“Germany’s Victory over Brazil was like the Blitzkrieg”: The Sport-Politics Nexus in Israel During the 2014 World Cup

Tal Samuel-Azran, Yair Galily, Amit Lavie-Dinur & Yuval Karniel | PDF-Fulltext

Abstract: Various voices assert that the sport-politics nexus that characterized international sport events during the Cold War era is irrelevant in the current age of globalization. This study examines the validity of this argument via a case study of Jewish-Israelis’ fandom tendencies during the 2014 World Cup. A survey conducted during the World Cup games among a representative sample of the Jewish-Israeli population revealed that the Dutch team, whose popularity in Israel has been attributed to the Netherland’s perceived support of Jews during the Holocaust, was the most supported team. The teams most rooted against were Iran, Germany, and Algeria, indicating the potential role of the Holocaust and contemporary Jewish-Islamic relations on fandom tendencies. To better understand the animosity towards the German team, which is surprising in light of current improved Israel-Germany relations and the strength of the German team, we analyzed user comments on Israel’s main online newspaper following the German team’s glorious 7-1 victory against Brazil. The analysis revealed that 51 of the 287 user comments made direct or indirect references to the Holocaust, further highlighting the centrality of nationalism in contemporary sport fandom.

Investigating Malaise and Mobilization Effects of Media Use on European Identity before and after the Eurozone Crisis

Waqas Ejaz |PDF-Fulltext

Abstract: Research on European integration posits that people support and identify with the European Union (EU) by considering its economic benefits. Thus, it is argued that people’s sense of identity and their degree of political support for the EU can be explained by estimating the economic prosperity it yields. However, the current paper illustrates that in addition to utilitarian factors, media use can also explain political support for the EU. Thus, to examine this relationship between political support and the media, the study uses the political support framework by David Easton along with the theoretical underpinnings of the media malaise and media mobilization effects. The empirical analysis is conducted on the basis of secondary data obtained through Eurobarometer surveys. Furthermore, to test if the economic factors are a strong predictor of political support, the study assumes that the recent Eurozone crisis has caused a sharp decline in political support. Therefore, it investigates the role of different economic factors and media on political support before and after the crisis. The results indicate that consuming information from the television (TV) does not lead to malaise but rather, that it has a mobilization effect. Furthermore, the results reveal that the respondents’ informed-ness and their TV usage for getting information predict political support better than the economic indicators.

Journalists’ Autonomy around the Globe: A Typology of 46 Mass Media Systems

Michael Meyen | PDF-Fulltext

Abstract: Using structuration theory, assuming that every government has a stake in steering public communication and comparing 46 nation-states, this paper explores the major principles that can be used to explain different mass media structures around the globe. The study draws on extensive documentary analysis and includes more than 150 expert interviews. It shows that media freedom and journalists’ autonomy depend on not only the particular governmental system, the constitution, journalism education, and the existence of commercial media but also, to a significant extent, on economic realities, the tradition of press freedom, and various other factors that are historical, religious, and/or geographic. The tool to do so is a mass media system typology based on two dimensions: formal expectations and the state’s influence.

Review: Voice of the Muslim Brotherhood. Da’wa, Discourse, and Political Communication

Mellor, Noha (2018): Voice of the Muslim Brotherhood. Da’wa, Discourse, and Political Communication. London and New York: Routledge. 240 pages. ISBN 9781138078659.

Carola Richter, Berlin
Voice of the MB

The current political polarization in Egypt has also its effects on academia. It seems as if everyone feels the need to take sides when interpreting the events in the country, even scholars. Since 2013, the public discussion of issues and topics that are considered sensitive – which is somehow everything related to politics, media, military and culture – has often resulted in heated controversy. The polarization reaches its climax when it comes to the Muslim Brotherhood – a movement that had won the first democratic parliamentary and presidential elections after the fall of Mubarak in 2012 and thus governed Egypt for one year before being ousted by a military coup (as some see it) or a new people’s revolution (as others see it) in July 2013. In the aftermath, on the one hand, Western observers often condemned the coup without necessarily praising the Muslim Brotherhood’s rule. On the other hand, secular-oriented Egyptian scholars seemed to be very relieved about the end of what they interpreted as an Islamist threat to the country. Thus, the Muslim Brotherhood has provoked scholarship that is often as biased as the Egyptian public opinion about it.

In her recent book, Noha Mellor, a professor of media at the Universities of Bedfordshire and Stockholm and of Egyptian origin, sets out to trace the political discourse of the Muslim Brotherhood (MB) since its foundation in 1928 and to analyze its strategic communication tools. Although there had been several attempts to do this before (in German: Richter 2011, in English: Munson 2001, Breuer 2014), this book is indeed the most comprehensive compilation. While the first half of the book provides a conceptual understanding of the MB, its vast network and its media, the latter half is divided into six chronological chapters, such as “1928-1938 Branding the movement” or “1996-2010 Soul-searching stage,” in which she describes in detail the development of the MB’s discourses and communication in the context of specific political circumstances. Thus, the book should provide a valuable source for those who want to know more about the history of the MB’s political communication. However, what limits the validity of the book are its specific ideological perspective and its methodological approach. Mellor relies mostly on secondary literature to reconstruct the development of the MB’s political communication. In her own text, she then tends to reproduce only those parts of the literature that fit into her distinctive perspective of the MB. This somewhat arbitrary selection of topics and arguments supports the impression of a rather biased portrayal of the Muslim Brotherhood. In addition, she also investigates the content of selected MB media, but there is no transparency of why she chose respective articles to take quotes from and not others. Surprisingly, she has not carried out one single interview with a MB member although there would have been plenty of people available to shed light on the developments, in particular in the 1990s and 2000s.

Mellor describes the MB as an “interpretive community” (p. 5) and applies a theoretical social movement-approach that helps to make a distinction between their inward communication to ensure a collective identity and their outward communication to attract followers. She explains that the MB seized political opportunities to build an (international) network that is characterized by a clear hierarchy. Accordingly, political opportunities and available resources shape the discourses employed by the MB. This perspective is typical of the literature investigating the MB in the past decade, such as Wickham, Munson or Richter. Obviously, the MB has from the very beginning succeeded in creating a unique way of communicating through rituals and stories in order to form a collective identity. Mellor’s description is helpful in understanding how internal cohesion was generated. But how did this translate into strategic external communication? Mellor rightly points out that “MB activities cross over several fields (political, religious, social, and even economic)” (p. 7). It is clear that such diverse activities also need an adaptation of discourses and themes by the MB, thus not in every field the same strategies and themes can be applied.

Mellor, however, argues that the MB mainly positioned themselves as fighters against the West or Western influences, thus building a discursive wall against the alleged intruders – and that this discourse was constitutive of all their various activities (p. 210). This actually fails to reflect the heterogeneity of the MB and its adaptability to different circumstances. The author excludes a variety of other narratives that were actually adopted by the MB and helped them become a successful political and social actor in Egypt. In particular in her review of the periods of 1996-2010 and 2011-2013 she excludes several crucial aspects, such as the “Knocking on doors” initiative in which the MB discussed their draft political program with societal opinion leaders in 2007 as well as their attempts to reach out to different kinds of societal groups such as workers or peasants. Very surprisingly, we find not one word about the Rabi’a Massacre in August 2013, in which hundreds of MB members were killed by the military, and likewise none about the extremely important discursive struggle before and after this date.

The selectiveness of what is included and not included in the portrayal of this movement is indeed problematic and thus portrays the MB as resembling the Islamic State or other radical Salafists, which it is definitely not. It thus fails to give credit to the political significance of the MB, in particular to the fact that it at several stages helped to pluralize the political discourse in Egypt – well beyond the religious lines of argumentation.

Those who know how to read this book against the background of the highly polarized opinions about the MB among Egyptians can still find interesting details in Mellor’s interpretation. Those who seek to read a more objective portrayal of the MB’s communicative strategies should look elsewhere.

 

Konstruktiver Journalismus – ein Ansatz zur kosmopolitischen Vermittlung fernen Leids?

Jasmina Schmidt | PDF-Fulltext

Abstract: Vor dem Hintergrund des partiellen Versagens journalistischer Medien in der Vermittlung gesellschaftlicher Andersartigkeit sowie der Kommerzialisierung humanitärer Kommunikation fragt dieser Artikel, inwiefern der emergente Trend ‚konstruktiver Journalismus’ zu einer kosmopolitischen Vermittlung fernen Leids in der medialen Berichterstattung beitragen kann. Mit Rückgriff auf die Theoriebildungen Becks und Chouliarakis zum Kosmopolitismus werden in einer konzeptionellen Literatursichtung diverse moralisch-ethische und politisch-kritische Ansprüche an einen normativ-kosmopolitisch gefärbten Journalismus formuliert. Diese werden mit dem Maßstab des konstruktiven Journalismus, sich neben Ursachen, Zusammenhängen und Hintergründen auch schlüssigen Lösungsansätzen für gesellschaftliche Probleme zu widmen, verknüpft. Die Analyse zeigt, dass ein konstruktiv orientierter Journalismus wichtige Impulse für eine Vermittlung fernen Leids im Sinne einer transnationalen Solidarität und Gerechtigkeit geben kann, wenn er sich als Kontinuum des klassischen Journalismus begreift.

Next Issue

Open Call for Autumn/Winter 2018 issue


You are invited to send full paper submissions addressing any topic relevant to international or transcultural communication and media until August 18, 2018.

Please check our styleguide D / ENG.

Affiliation

The Global Media Journal - German Edition (GMJ-DE) is part of a network of academic peer-reviewed open-access journals around the world

GMJ Network.

The German Edition is edited by Prof. Dr. Carola Richter and Dr. Christine Horz and hosted at Freie Universität Berlin and the University of Erfurt.

UniErfurtLogo

Logo_Web_RGB

Indexing

The Content of GMJ-DE is indexed by

EBSCO

DOAJ CC-BY-NL-

BY-NL