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Author Archives: Carola Richter

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“Invasion der Migranten” – Framing von Flucht und Migration in der ungarischen Regierungskommunikation vor dem Referendum 2016

Ferenc Gaál |PDF-Fulltext

Abstract: Angesichts der nationalkonservativen Flüchtlings- und Migrationspolitik der ungarischen Regierung, die von immer schärferer Rhetorik begleitet wird,untersucht dieser Artikel, inwiefern die Regierungskommunikation bereits bekannte Interpretationsmuster zu Flucht und Migration reproduziert. Die Muster werden aus bestehenden Forschungen zu Medien- und Policy-Diskursen abgeleitet und unter Rückgriff auf die Framing-Theorie nach Entman in vier zentrale Frames zu Flucht und Migration ‚übersetzt’: Securitization-Frame, Deservingness-Frame, Politik-Frame sowie Humanitarian-Frame. Einem qualitativen Ansatz folgend werden Pressemitteilungen der ungarischen Regierung auf diese Frames hin untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass besonders die ersten drei, auf negative Aspekte von Flucht und Migration fokussierenden Frames stark vertreten sind, während der Frame mit Schwerpunkt auf humanitäre Hilfe kaum zum Tragen kommt.

Is Topic Fatigue an International Problem? Four Theses

Christina Schumann | PDF-Fulltext

Abstract: Topic fatigue is a potential reaction to news topics that the media covers intensively. Recipients experiencing topic fatigue are annoyed and state that they do not want to hear or see anything about such topics anymore. As potential outcome, they strive to avoid such topics during their future news exposure. In this essay, we discuss the question of whether topic fatigue is an international problem. Based on initial empirical insights obtained via qualitative interviews, we establish four theses that underline the international meaning of the phenomenon. First, we argue that the level of press freedom can shape the intensity of topic fatigue and that fatigue experiences can be extreme in countries with low press freedom. Second, we discuss topic fatigue as a potential threat to political transitions and democratization processes. Third, we propose that topic fatigue may reinforce resentments against western societies. Regarding this point, the role of the international media in particular for English-speaking, non-western countries is addressed. Finally, we introduce the argument that topic fatigue may erode the deliberative potential of social media, which can be particularly problematic for countries in which the traditional news media is (politically) dependent. Ultimately, the key elements of these theses are used to propose a comparative research design for an international study on topic fatigue.

Teaching Journalism in Ukraine: Between Formal and Non-Formal Education

Olena Demchenko | PDF-Fulltext

Abstract: Formal journalism education in Ukraine has been criticized for quite a long time forstill being affected by the old Soviet theory-based teaching model, rather than adhering to internationally accepted best practices. The system of teaching students at journalism departments has not changed significantly since Ukrainian independence in 1991 and many Ukrainian journalists have entered the profession with largely inadequate training. For instance, the practice of on-the-job training has been implemented only by some journalism departments, or is partly implemented by some lecturers. On the other hand, graduates of journalism programs in Ukraine say that more practical trainings help their professional growth. This article, then, aims to explicate the advantages and disadvantages that exist inUkrainian journalism education, and it seeks to reveal whether Ukrainian journalists prefer formal or non-formal education for their profession. The findings are based on an analysis of 10 focus groups conducted with a total of 92 Ukrainian journalists (both with and without journalism degrees) and nine in-depth interviews with Ukrainian lecturers and Ukrainian media representatives.



Review: Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht.

Suliman, Aktham (2018): Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht. Frankfurt: Nomen. 232 Seiten. ISBN978-3-939816-40-9.

Sabine Schiffer, Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, Frankfurt am Main

Aktham Suliman, dem ehemaligen Journalisten des katarischen Fernsehsenders Al-Jazeera, der als Begründer des Korrespondentenbüros in Berlin Geschichte schrieb, ist mit seinem Buch „Krieg und Chaos in Nahost“ eine wichtige Chronik gelungen. Diese verdient es in einer Fachzeitschrift für Kommunikationswissenschaft besprochenzu werden, weil der Autor sowohl als Journalist, als auch nun als Chronist einen wichtigen Teil des Diskurses zwischen Nahost und „dem Westen“ und seiner medialen Repräsentanz darstellt. Er reiht sich damit in eine Tradition kritischer Journalisten ein, wozu auch Joris Luyendijk mit seiner lesenswerten Medienkritik „Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges“ gehört und die unbedingt in die kritische Journalismusforschung einbezogen werden müssen – wozu auch die Analyse der Veränderungen durch neue Kommunikationskanäle gehören, auf die der Autor ebenfalls eingeht.

Bei dem autobiografisch geprägten Werk Sulimans handelt es sich weniger um eine Abrechnung von „Mr. Al-Jazeera“ mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, was man aufgrund der Richtungsänderung im Sender seit 2011 hätte erwarten können,vielmehr analysiert und ordnet der ehemalige Korrespondent seine sehr genauen Beobachtungen ein zwischen Politik, der Wirtschafts- und Medienentwicklung und den Folgen einer selektiven Wahrnehmung der Betroffenen hüben wie drüben.

Nicht nur aufgrund seiner genauen Sprachbeobachtungen im medialen Diskurs, ist das Buch wertvoll, sondern auch wegen der Ausleuchtung sehr relevanter Details, die im Mediendiskurs ansonsten schnell untergehen. Zwar basieren die Schilderungen auf den Erfahrungen des Autors, weshalb er außer im Fließtext keine weiteren Quellen nennt, dennoch hält die Überprüfung von Daten und Fakten dem ersten Eindruck stand, dass es sich um eine rein subjektive Anekdotensammlung handeln könnte. Subjektiv ja, aber mit einordnendem und theoretischem Verstand – und anekdotisch nur am Rande, denn ohne so manche Hintergrundschilderung lassen sich die Verwerfungen in Nahost nicht verstehen.

Suliman konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei Aspekte seiner Rekapitulation der jüngsten Geschichte: Er will „den Arabern“ ein Gesicht geben und er will zu einer kritischen Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen des Journalismusim Nahen Osten und Mittleren Osten und darüber hinaus einladen – beides gelingt ihm, wobei er dabei auch den Blick ins gegenwärtige Deutschland ermöglicht, etwa wenn er seine differenzierten Sprachbeobachtungen mittels der Wörter des Jahres des Instituts für Deutsche Sprache erörtert oder arabische Soaps mit einem Titel wie „Schlechte Zeiten, noch schlechtere Zeiten“ augenzwinkernd kategorisiert.

Seine Schilderungen geben tiefen Einblick in Ereignisse, die man in der breiten Öffentlichkeit und weniger mit der MENA-Region Vertrauten nur oberflächlich kennen dürfte – etwa den kuriosen Anruf des damals noch unbekannten Hamid Karzai aus einer Höhle in Tora Bora just zu dem Zeitpunkt der Petersberger Konferenz, der über die Zukunft Afghanistans entschied.

Sulimans persönliche Sicht wird durch seinen Humor geprägt, denn ohne diesen ist weder seine Haltung zu verstehen, noch die Situation zu ertragen. Zumal er anhand des Schicksals dreier Bekannter, die während ihrer journalistischen Tätigkeit ums Leben kommen, den vielen anonymen Leben und Tragiken der Region um den Irak etwas mehr Plastizität und menschliche Nähe gibt, die allzu oft hinter Zahlen und Routinen verschwindet.

Der Autor betont, dass es sich um „EINE arabische Sicht“ handelt und lädt dazu ein, sich einzulassen auf eine Wahrnehmung von verschiedensten Menschen, die sich seit 1991 (der sogenannten „Befreiung Kuwaits“) im Kriegszustand sehen. Einleitend schreibt Suliman: „Nichtsdestoweniger sei daran erinnert, dass just aus jener arabischen Sicht – allen Nachrichtenbildern zum Trotz – im Nahen Osten nicht nur gestorben und geweint, sondern auch gelebt und gelacht wird.“ (S. 13)

Anhand eines Witzes macht der ehemalige Irak-Korrespondent auf das Dilemma der Grenzziehung zwischen legitimem völkerrechtlichen Widerstand und Terrorismus aufmerksam mit einem Verweis auf die kritisch zu betrachtende Rolle der Medien:

„Stell Dir vor, drei bei dem Schusswechsel getötete Gestalten erreichen Gott im Himmel am Tag des Angriffs. […] Der eine ist ein amerikanischer Soldat. Er kommt wahrscheinlich in die Hölle, weil er ein fremdes Land besetzte. Der andere ist ein Freiheitskämpfer [für sein Land]. Dieser kommt vermutlich ins Paradies, weil er sein Land befreien wollte. Doch was soll Gott von dem verdammten Toten mit derKamera in der Hand halten? Wohin mit diesem?“ (S. 139)

Bei medienethischen Fragen zieht der erfahrene Journalist keine Grenze zwischen westlichen und arabischen Medien, er nimmt alle in die Pflicht und verweist auf fatale Mechanismen – etwa die dramaturgisch durchgeplante Besetzung von Talkshows, die im Westen dem Bild des Westens von der Sachlage folgt, nicht der Sachlage vor Ort. Darüber hinaus macht er die Auswirkungen deutlich, die die Einführung von Youtube und die Entwicklung von Smartphones auf den Journalismus (und die Kriegsbericht­erstattung) hatten, und betont, dass es die klassischen Medien seien, die die Social-Media-Beiträge ausgewählter Aktivisten erst adeln und der Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit zuführen. Die teilweise Inszenierung der „Arabellion“ sei anders kaum zu verstehen. Man mag sich hier aktuell ruhig aufgefordert fühlen, über den medialen Umgang mit den Tweets Donald Trumps nachzudenken.

„Das Bild als Nachricht“ markiere in Zeiten sogenannter sozialer Medien einen Schub in Richtung Emotionalisierung. Die etablierten Medien könnten nun aus einem großen Fundus an Bildmaterial aussuchen, egal wie untypisch ein Bild für eine eigentlich erklärungsbedürfte Situation oder Entwicklung ist. Damit werde der postfaktische Medien-Diskurs untermauert, so dass man nicht mehr so sehr glaubt, was man sieht, sondern sieht, was man glaubt – man könnte auch sagen, glauben will (S. 200). Über den Schaden, den die jüngsten Entwicklungen bzw. Interventionen im Nahen Osten angerichtet haben – der auch ein Imageschaden für die Idee von „Demokratie“ ist, die zu oft zu Zwecken von Interventions-PR missbraucht wurde – philosophiert der Autor am Ende des Buches und ordnet den eskalierenden Dauerkriegszustand ein in mögliche Strategien zwischen Fukuyamas „Ende der Geschichte“ und Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Nicht von ungefähr ist man erinnert an politische Analysen à la Michael Lüders, die selbstkritischen Reflexionen eines Deserteurs namens Joshua Key und – wie bereits erwähnt – die Journalismusanalyse mit dem Schwerpunkt Naher Osten eines Joris Luyendijk. Aber nicht zuletzt die dem Autor von „Krieg und Chaos in Nahost“ eigenen humorvollen Zuspitzungen laden hier zum reflektierenden Perspektivwechsel ein. Man kann nur wünschen, dass er gelingt und beispielgebend für die kritische Analyse ist.


Review: Hate Speech in den Massenmedien. Theoretische Grundlagen und empirische Umsetzung.

Sponholz, Liriam (2018): Hate Speech in den Massenmedien. Theoretische Grundlagen und empirische Umsetzung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 454 Seiten. ISBN 978-3-658-15076-1.

Christine Horz, Ruhr-Universität Bochum

Was gilt als Hate Speech – und was noch als robuste Meinungsäußerung? Darüber streiten nicht nur Politik und Öffentlichkeit; auch (Kommunikations-)wissenschaftler ringen um definitorische Abgrenzungen. Betrachten sie es als medial verbreitete Hassbotschaften, die keiner weiteren Theoretisierung bedürfen? Oder, wie LiriamSponholz in ihrer Habilitationsschrift ausführlich darlegt, ist Hate Speech „nicht zuerst eine Frage ‚böser Worte‘, sondern einer Streitfrage, ein prominenter Stoff für Kommunikationskonflikte“ (21)? Und sie definiert Hate Speech weiter als „öffentliche[] Kommunikation bewusster und/oder intentionaler Äußerungen oder Botschaften mit diskriminierenden Inhalten“ (21/22). Dies überrascht zunächst. Zum einen, weil Hate Speech bis lang in der Kommunikationswissenschaft mit Beleidigung und Entzivilisierung öffentlicher Debatten um Migration und Flucht, überwiegend im Internet, assoziiert wird wie u.a. Kai Hafez in einem Beitrag für Communicatio Socialis (4/2017) darlegt. Und zum anderen, weil Sponholz issues lediglich mit Streitfragen übersetzt. In der Medien- und Kommunikationswissenschaft wird issues gemeinhin mit Themen oder Streitfragen übersetzt (wobei erste Übersetzung üblicher ist). Erst später geht Sponholz darauf ein, warum sie lediglich eine der beiden Möglichkeiten gewählt hat, obwohl diese Wahl den Verlauf der Arbeit entscheidend prägt.

Im Theorieteil nimmt die umfassende definitorische Abgrenzung von Hate Speech rund sechzig Seiten ein. Dabei macht Sponholz eine interessante Beobachtung: in der zitierten Literatur würde Hass als Emotion und damit individuelles Phänomen betrachtet und nicht als soziale Figuration, wie sie selbst vorschlägt. Insofern bedürfe es laut dieser Studien lediglich eines rationalen Umgangs, um das Problem zu lösen. Der unscharfe Begriff Hate Speech führe folglich in die Irre und würde zahlreiche Aspekte, wie den Kampf um Ressourcen, verschleiern. Auch der Wortteil speech bzw. Rede in der Nominalkomposition Hate Speech sei zu beschränkt, so die Autorin weiter, und nennt das Beispiel brennender Kerzen, die als Hassaktion vor den Häusern afro-amerikanischer Familien aufgestelltwürden.

Anders als Kai Hafez in o.g. Beitrag grenzt Sponholz Hate Speech von Political Incivility ab. Bei letzterer würden sich zwei Menschengruppen gegeneinander stellen, beiHate Speech würde jedoch behauptet, zwei Menschengruppen seien unvereinbar, was Sponholz zu einem zentralen Begriff in ihrer Arbeit führt: der Antinomie.

In Kapitel drei geht die Autorin nun genauer darauf ein, was sie unter Hate Speech als Streitfrage versteht, nämlich einen „Kampf um Werte, um Macht“ (99). Themen seien dagegen lediglich die Bestandteile einer Streitfrage. Mit diesem Vorlauf kann sie nun die Mechanismen der Entstehung einer Streitfrage sowie einer „HateSpeech– Streitfrage“ (108) offenlegen. Die Problematisierung einer Gruppein der Öffentlichkeit bedeutet demnach, dass diese Gruppe erst als Problemmarkiert wird, was sich in Hate Speechniederschlagen kann. Nach Sponholz werden Gruppen insbesondere zum Gegenstanddes Hasses, wenn in Medien Antinomien von Gruppen gebildet werden.

Ein weiterer zentraler Begriff in ihrer Arbeit ist jener der „sozialen Repräsentationen“ nach Moscovici, die letztlich dem „rassistischen Wissen“ bei Terkessidis (1995) ähneln. Demnach enthalten Repräsentationen fixe und flexible Anteile, die Rassismus immer wieder aktualisieren und damit als nachhaltig verfestigtes Phänomen erscheinen lassen. Sponholz macht jedoch deutlich, dass es auf unterschiedlichen Gesellschaftsebenen verteilt ist. Erst wenn „Hate-Speech-Antinomien“ von andere Gruppen übernommen werden, münden sie in Hate Speech.

Ein Schlüsselkapitel stellt 3.3.5 dar, weil Sponholz hier auf die Frage eingeht, warum eine Antinomie soziale Repräsentationen und nicht etwa Stereotype produziere. Stereotype enthalten demnach fixe Konzepte, seien unterkomplex. Soziale Repräsentationen hingegen seien „Handlungs- und Wertesysteme und enthalten damit ein höheres Komplexitätsniveau“ (124). Unklar bleibt hier, warum Sponholz das anschließend angesprochene Framing-Konzept nicht zentraler in ihrer Arbeit verankert, obwohl es in der empirischen Analyse als Erklärungsmodell für mediale Repräsentationen verwendet wird, die sich aufgrund der Wesensmerkmale der institutionalisierten Medien von den sozialen Repräsentationen unterscheiden.

Kapitel vier erstreckt sich über mehr als hundert Seiten und versucht der Frage auf den Grund zugehen, wie Medien mit Hate Speech umgehen. Relativ banal ist die Erkenntnis über die Agenda-Setting-Prozesse der Hater: Entscheidend sei das „Medienkapital“, also das Vermögen, ihre konflikthaften Streitfragen in die öffentliche Debatte tragen zu können. Gelingt ihnen das, erhält Hate Speech Legitimität durch die rationale Thematisierung in den Medien: „Indem sie diskutiert werden, werden sie auch diskutabel“ (196).

Erst im Empirieteil in Kapitel fünf wird deutlich, welche Protagonisten von Hate Speech Sponholz im Auge hat, in dem sie bekannte antimuslimische Publikationen von Thilo Sarrazin und Oriana Fallaci als Fallstudien benennt. Nach dem langen theoretischen Vorlauf ist zwar schlüssig, warum Sponholz nicht die mit Hate Speech assoziierten Foren wie digitale soziale Netzwerke untersucht. Dennoch mutet es abermals eigenwillig an, beispielsweise Thilo Sarrazins islamfeindliches Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) als Teil einer öffentlichen Streitfrage und nicht etwa als „anti-tabuistischen Gestus“ zu bezeichnen, der nur das rassistische Potenzial in der Bevölkerung zum Vorschein bringt, das ohnehin vorhanden ist. Sarrazin gilt als Medienerfindung und auch Sponholz ist der Ansicht, dass Medien zur Normalisierung dieser Diskurse beitragen, indem sie dessen islamfeindlichen Äußerungen eine Bühne bieten. Neben dem Gegenstand der Kontroverse untersucht Sponholz anhand eines quantitativen Designs u.a. Kategorien wie die Zeit- und Sachdimension, die soziale Dimension – verstanden als Netzwerk der PolemikerInnen, das Medienkapital der AkteurInnen sowie die Folgen von Hate Speech.

Im Ergebnis wird der Medienkonflikt um die Bücher von Sarrazin und Fallaci als „Kontroverse um Hate Speech“ (419) bewertet. Sie bettet bspw. Sarrazins Thesen in den schon länger islamfeindlichen Diskurs der Medien ein, die das „Problematisierungsangebot des Polemikers“ (420) dankend angenommen und dadurch rationalisiert hätten. An dieser Diagnose Sponholz‘ wird deutlich, dass ihre Hate Speech-Definition womöglichzu weit gefasst ist, denn zahlreiche Agenda-Setting-Studien zur Islamdarstellung in den Medien sowie jene mit Agenda-Building Fokus sogenannter Islamexperten kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Sponholz hat diesen kritischen Einwand offenbar antizipiert, denn im Resümee grenzt sie Hate Speech von Hateful Speech ab, die sprachlich direkter vorgehen würde. Teilweise wirkt die Argumentation etwas zu ausufernd, worunter die Präzision leidet. Das Lektorat hätte etwas sorgfältiger arbeiten können, denn die Arbeit enthält eine Reihe von Orthografie- und Grammatikfehlern. Insgesamt kann der Mehrwert der Studie darin gesehen werden, dass Hate Speech „als ein Gefüge von Handlungen“ betrachtet wird, das „durch Kommunikation nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Sinn, Gestalt, Relevanz und Legitimität für die symbolische und/oder materielle Ausgrenzung von Menschen aufgrund einer Kategorie verleih[t]“ (443).

Review: “Blogging in Beirut”- an ethnography of a digital media practice

Jurkiewicz, Sarah (2018): Blogging in Beirut. An Ethnography of a Digital Media Practice. Bielefeld: transcript. 374 Seiten. ISBN 978-3-8376-4142-4.

Sarah El-Richani, American University in Cairo, Egypt

The fact that Sarah Jurkiewicz’s book “Blogging in Beirut” is based on her PhD thesis, which was completed in 2012, reveals much about the book. First, the book is an academically sound and well-researched contribution to the field of socio-cultural anthropology of the Middle East. Second, although the book was published in 2018, the “snapshots” date back to the time frame between 2009 and 2011 when blogging was still pertinent. However, despite the dramatic decline of blogging, it is difficult to disagree with the author’s protestations culminating in the emphatic statement: “a study on blogging still matters!” (p.327).

Indeed, the study does matter. However, it is also necessary to acknowledge that this once-salient tool has all but lost its lustre. The author concedes this in several instances in the book but also contradicts herself when she argues that it is “by no means a shrinking phenomenon”and as proof refers to the Third Arab Bloggers Meeting held in Tunisia in 2011 (p.21). It is not clear why the author does not refer to the more recent 2014 summit, which appears to have been the last and is a further indication of the waning power of what she has termed “the temporary and fluid sphere of blogging” (p.26).

This issue notwithstanding, the ethnographi cstudy of the group of Beiruti bloggers is a pertinent contribution and offers arare and thoughtful insight into the practice of blogging without the usual and rightfully-criticised dose of “technological determinism”. As briefly introduced above, the book focuses, neither on content, which remains key, nor the medium as Marshall McLuhan would prescribe, but on the offline practices of blogging production in pluralistic Lebanon. Jurkiewicz is correct in stating that the Arab blogger had been romanticised and orientalised but inadequately studied. So, the book aims to rectify this by probing blogging as a social field as well as assessing the production practices by way of case studies. It should be noted here that the author concedes that blogging is not quite the autonomous field but is linked to amongst others, the cultural, media and artistic fields or “domains of practice” (p. 321).

To execute her study, the author focuses on seven bloggers, who published in English or Arabic and whose blogs cover a variety of issues ranging from the political and social to the cultural. Drawing on ethnographic and practice theory, Jurkiewicz conducted two interviews with almost all of the bloggers in the sample as well as informal talks at events or whilst “hanging out” – as she casually put it.

As is common with lengthy academic monographs, some chapters flow better than others. The case studies, for instance, offer interesting snapshots of this dying breed’s habits, how “thoughts burst into writing”, as one of the bloggers featured termed it (p. 155) and how these bloggers perceived their audiences – both real and imagined (p. 210). The sub-chapter on the “positioning of the researcher” and the manner in which the bloggers expressed exasperation with her perceived slow pace of writing was delightful.

What is also particularly of interest is the link drawn between blogging and activism, particularly as one of the bloggers, who no longer updates his blog but is very active on social media, would go on to spearhead the “You Stink” protest movement in 2015 in light of the garbage and governance crises afflicting the beleaguered nation. It should be noted that all of the other bloggers sampled are currently also active on a number of social media sites including the micro-blogging platform Twitter. While the change in the “professional, personal and political trajectories” (XIV) of those sampled may certainly have been a factor in leaving blogging behind, it is not clear why the author belittles the impact of the rise of social media platforms, which may be regarded as more efficient. While contributing to the “wider discussion of the role of social media in the Middle East and beyond” (p.3) seems to be too grand an aim, this ethnographic approach certainly fills the gap left by studies focusing only on content and platform. Jurkiewicz’s book, which delves into the dynamics and context of media practices, shows how indeed addressing the online-offline continuum could be beneficial.

Review: Grenzüberschreitender Journalismus. Handbuch zum Cross-Border-Journalismus

Alfter, Brigitte (2017): Grenzüberschreitender Journalismus. Handbuch zum Cross-Border-Journalismus. Köln: Herbert von Halem Verlag. 204 Seiten. ISBN 978-3869622323.

Liane Rothenberger, Ilmenau

Dieses Buch ist eines, das sich Redaktionen leisten sollten, die über den nationalen Tellerrand hinausschauen möchten. Laut Einband versprechen die 200 Seiten (davon zehn mit Literaturquellen) eine „praktische Einführung in die neue journalistische Arbeitsmethode“, nämlich die Zusammenarbeit von Journalisten in internationalen Teams, auch genannt „Cross-Border-Journalismus“. Dass Journalistinnen und Journalisten über Ereignisse berichten, die mehrere Länder betreffen und auch mal Dokumente austauschen, gab es vermutlich schon immer – ob Affäre Dreyfus oder Auslandskorrespondenten während der Zeit des Völkerbundes. Dass sie aber ihre Recherchen penibel aufeinander abstimmen und sich über einen gemeinsamen Termin zur Veröffentlichung verständigen, das, so Alfter, sei erst in den 1970er Jahren in den USA durch eine Bewegung zum Recherchejournalismus entstanden.
Alfters Buch erschien auf Dänisch bereits 2015 und demnächst soll eine englische Version publiziert werden. Es ist chronologisch am journalistischen Prozess orientiert: von der Idee über die Recherche zur Veröffentlichung, Weitergabe von Erfahrungen an Kolleginnen und Kollegen und Vorbereitung der nächsten Recherche(idee). Häufig bleibt einiges an Recherchematerial ungenutzt, was wiederum den Ausgangspunkt für weitere Recherchen bilden kann. Cross-Border-Journalismus ist eine oft langwierige und mühselige Arbeit: Wie erhalte ich eine Liste mit polnischen Landwirten, die EU-Subventionen empfangen, wenn die EU sie gar nicht herausgeben will? Wie suche ich einen geeigneten polnischen Journalisten, der in seinem Land direkte Anfragen stellt?
Alfter beruft sich bei ihren Ausführungen und Tipps auf eigene Erfahrungen sowie Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Dass sie ihr Buch stark normativ an journalistischen Idealen ausgerichtet hat, zeigt sich daran, dass sie die zehn universellen Regeln für Journalismus nach Kovach und Rosenstiel (2001) wiedergibt (S. 99); darunter Forderungen wie „Die Loyalität des Journalismus liegt bei den Bürgern.“ Da jede Bürgerin und jeder Bürger heute in globale Zusammenhänge eingebunden ist – beispielsweise in das grenzüberschreitende Wirtschaftssystem –, plädiert die Autorin dafür, nicht nur „bis zur nationalen Nasenspitze“ (S. 76) zu schauen. Sie gibt die Anregung, dass Journalistinnen und Journalisten Ideen für internationale Themen und Daten unter anderem auf wissenschaftlichen Konferenzen finden. Journalisten sollten dieses Expertenwissen und analytische Perspektiven für ihr Hintergrundwissen viel stärker nutzen. Wichtig sei, dass man nicht nur über Grenzen hinweg arbeite – was in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung recht einfach möglich ist –, sondern vor allem denke. Die Teammitglieder müssten sich ergänzen. Kann der Eine eine bestimmte Fremdsprache, hat die Andere vielleicht ein spezielles Fachwissen oder ein Anderer wiederum durch bestimmte nationale Gegebenheiten leichter Zugang zu benötigten Dokumenten. Alfter reichert ihre Ausführungen durch Fallbeschreibungen an: LuxLeaks, Tabakschmuggel, EU-Agrarsubventionen, Kampf gegen Chemiekonzerne, Ungereimtheiten bei Migrantenzahlen und schwache Kontrolle von Medikamenten.
Eine Stärke des Buches ist auch das Layout mit grafisch abgehobenen Checklisten, Definitionen und „gutem Rat“ von erfahrenen Cross-Border-Journalisten. Ein paar Ratschläge: viel Zeit mitbringen für die Recherche, an möglichst wenigen Aufgaben parallel arbeiten, Elan ins Netzwerken stecken. Respekt und Feinfühligkeit zeigen, auch interkulturelles Verständnis mitbringen. Das Buch gibt Antworten auf ganz praxisnahe Fragen wie: Brauche ich einen Rechtsbeistand, auch wenn ich auf das Informationsfreiheitsgesetz pochen kann? Wie stößt man auf ein relevantes Thema und wie bereitet man es systematisch auf? Wie koordiniert man 80 Journalisten, die in 26 Ländern zum gleichen Thema recherchieren? Ganz wichtig sind hier Absprachen im Vorhinein: ethische Standards, Finanzierung, Arbeitszeiten bei Zeitverschiebung, Dateiformate und Datensicherheit bei Cloud-Lösungen – die Liste lässt sich leicht fortsetzen. Alfters Tipp für ein gutes Team: auf Empfehlungen hören, sich persönlich kennen lernen und schauen, ob man auf einer Wellenlänge liegt (in ihrem Buch skizziert sie die vier Grundtypen nach Glahn (2004) „Einzelgänger, Geselliger, Berechnender und Brückenbauer“). Während der gesamten Arbeitsphase sollte man dann in einem gemeinsamen „Logbuch“ (S. 155) die Rechercheschritte mit Informationen, beispielsweise zu Sprache und Format des Dokuments, festhalten.
Am Ende des Buches hat man das Gefühl, dass man das zwar alles irgendwie schon gewusst hat (wenn man Nachrichten über internationale Rechercheverbünde wie bei LuxLeaks oder den Panama-Papers verfolgt hat), dass die Lektüre aber auf jeden Fall bereichernd ist und die Arbeitsweise „Cross-Border-Journalismus“ an Klarheit gewinnt. So kann jeder Journalist und jede Journalistin sich selbst im Vorhinein prüfen, ob sie für grenzüberschreitende gemeinsame Recherchen geeignet wäre. Wem das Buch noch nicht reicht, dem schlägt Alfter vor, eine der Konferenzen und Workshops zum Thema „Cross-Border- oder Investigativjournalismus“ zu besuchen oder sich auf Webseiten wie denen des „International Consortium of Investigative Journalists“ oder des „Netzwerk Recherche“ zu informieren.

Review: Global Media Giants

Birkinbine, Benjamin; Gomez, Rodrigo & Wasko, Janet (eds.) (2016): Global Media Giants. London: Routledge. 510 Seiten. ISBN 978-1138927711.

Simon Berghofer, Berlin

Vermutlich liegt es am soziokulturellen Hintergrund des Verfassers dieser Rezension, dass er sich von dem düster dreinblickenden, weltumschlingenden Kraken auf dem Buchcover etwas irritiert fühlt. Was aber zunächst nach „Weltverschwörungs-“ oder „Stürmer“-Karikatur aussieht, entpuppt sich glücklicherweise auf den zweiten Blick als eine umfassende Sammlung weitgehend nüchterner Darstellung zeitgenössischer „Global Media Giants“. Als globale Medienriesen werden hier grenzüberschreitend agierende Medienunternehmen verstanden. Der Medienbegriff ist weit gefasst und versucht den konvergenten Entwicklungen gerecht zu werden. Folglich finden neben „klassischen Massenmedien“ und Inhalteproduzenten auch (konvergente) Telekommunikationsriesen sowie „Internet Giants“und „Global Ratings and Advertising Giants“ Berücksichtigung. Das Globale kann hier folglich im doppelten Sinne verstanden werden: es umschreibt sowohl die politisch-soziale Sphäre des Materialobjekts des Buches, als auch einen formellen Anspruch der Herausgeber*innen an eine möglichst umfassende Abbildung relevanter Entitäten.
Das Vorhaben gelingt auf den ersten Blick recht gut. Die beiden Herausgeber und die Herausgeberin schaffen es, eine ganze Reihe von Autor*innen zusammenzubringen, die sich einzelnen „Media Giants“ systematisch und nach einer scheinbar abgestimmten Struktur annehmen. Die Autorenliste ist ebenso umfangreich wie die Anzahl der Beiträge. Unter den Verfasser*innen findet sich eine Bandbreite vom Doktoranden bis hin zu profilierten Persönlichkeiten der Kritischen Politischen Ökonomie der Kommunikation.
Das Buch besteht aus insgesamt 28 Kapiteln auf knapp 500 Seiten. Jedes Kapitel ist einem einzelnen Medienunternehmen oder der Darstellung der wichtigsten Medienunternehmen einer spezifischen Region gewidmet. Der erste Teil des Buches widmet sich unter der Überschrift „Global Giants“ zunächst den üblichen Verdächtigen: Disney, Time Warner, Comcast, News Corporation sowie – dem vom Namen her vielleicht weniger geläufigen Multiplex-Kinobetreiber und Miteigner von Viacom und CBS – National Amusements.
Der zweite Abschnitt ist den „Regional and Geolinguistical Giants“ gewidmet. Die scheinbar etwas pragmatisch gewählte Abschnittsüberschrift schnürt Aufsätze zu Grupo Televisa, América Móvil, Bertelsmann, Vivendi, Mediaset, Telefónica, Grupo Prisa, Grupo Globo sowie – etwas überraschend – Sony zu einem Paket.
Der dritte Teil des Buches bricht etwas mit der bis dahin gewählten Logik und widmet sich spezifischen „regional overviews“. Erfreulicherweise wird hier der Fokus auf Weltregionen gelegt, die in der englischsprachigen Forschungsliteratur zur politischen Ökonomie der Kommunikation tendenziell unterbeleuchtet sind (von den nur marginal existierenden deutschsprachigen Beiträgen zur globalen politischen Ökonomie der Medien ganz zu schweigen). Neben dem noch vergleichsweise prominenten südamerikanischen Raum werden der Nahe Osten, Sub-Sahara Afrika, Osteuropa, Südasien, Ostasien und China sowie Australien und Neuseeland behandelt. Im Wesentlichen beschränkt sich auch hier die Darstellung auf einzelne in den Regionen aktive Unternehmen.
Der vierte Abschnitt fokussiert wieder verstärkt auf globale Riesen und widmet sich den „Internet Giants“ in erwartbarer Form: Apple, Microsoft, Google, Amazon, Facebook. Zuletzt finden noch die „Rating and Advertising Giants“ in Form von Nielsen und der Werbeagentur Interpublic Group of Companies (IPG) Beachtung.
Der Aufbau der Einzelkapitel und die Darstellung folgen – zumindest in weiten Teilen – der gleichen Systematik: Zunächst wird ein kurzer einleitender Überblick über das Unternehmen und seine Geschichte gegeben, worauf eine Darstellung seines ökonomischen, politischen und kulturellen Profils erfolgt. Unter dem ökonomischen Profil werden dabei im Wesentlichen die gängigen (sofern bekannten) ökonomischen Kennziffern, eine Darstellung der Unternehmensstruktur und die Beschreibung der strategischen Ausrichtung des Unternehmens verstanden. Das politische Profil widmet sich sowohl der Eigentumsstruktur als auch möglicher Lobbyverbindungen zum Staat, geht aber auch auf die Zusammensetzung des Aufsichtsrates sowie mögliche Überkreuzverflechtungen ein und deckt nicht zuletzt auch die Beschäftigungspolitik genauso wie Aspekte des „social marketings“ des Unternehmens mit ab. Den letzten Abschnitt der Unternehmensprofile bildet ihr kulturelles Profil, das sich – zumindest nach Absicht der Herausgeber – den Bereichen „Symbolic Universe and Ideology“, „Popular Products/Services and Everyday Life“, „Cultural Imports/Exports to/from Other Countries“ (S. 7) widmen soll.
Das Buch liefert insgesamt eine umfassende Darstellung grenzübergreifend agierender Medienunternehmen. Dennoch fragt man sich gelegentlich, wie die Auswahl und Einteilung der Konzerne erfolgt ist. Mediaset ist beispielsweise aus politökonomischer Perspektive sicherlich ein dankbares Musterbeispiel zur Beschreibung der Verschränkung medialer, ökonomischer und politischer Macht. Aber ist es wirklich ein „Regional“ oder „Geolinguistical Giant“? Warum wiederum Sony ausgerechnet in die letzte Kategorie fällt, bleibt ebenso rätselhaft, wie die Frage, weshalb im letzten Abschnitt zum Werbemarkt IPG Betrachtung findet, während andere (teilweise auch bedeutendere) Werbeagenturen nicht behandelt werden. Bei der Zusammenstellung werden sicherlich pragmatische Gründe eine Rolle gespielt haben, was den Herausgebenden angesichts des umfassenden Ausmaßes des Buches auch keinesfalls anzulasten ist. Dennoch fragt sich der/die interessierte Leser*in, ob und wie man eine analytisch stabilere Ordnung in das Feld hätte bringen können – das wäre vielleicht einen spezifischen Beitrag der Herausgeber*innen wert gewesen.
Erfreulich ist auf jeden Fall die einheitliche und klare Systematik im Aufbau der Einzeldarstellungen. Sie verleiht dem Band einerseits einen gewissen Nachschlagewerk-Charakter, bleibt aber durch die Wahl der Schwerpunkte ganz klar zentralen Fragestellungen der Politischen Ökonomie verbunden. Die Vielzahl zu beleuchteter Aspekte lässt allerdings schon ahnen, dass die Einzelkapitel insbesondere bei Unternehmen mit stark ausdifferenzierten Geschäftsfeldern Schwerpunktsetzungen in der Darstellung nötig machen. Tatsächlich fällt die Gewichtung einzelner Aspekte des ökonomischen, politischen und kulturellen Profils teilweise recht unterschiedlich aus. Beim ökonomischen und politischen Profil erklärt sich das auch aus der sehr heterogenen Verfügbarkeit von Informationen, die je nach Unternehmensform und Ursprungsland variieren. Am heterogensten wirken jedoch die Abschnitte zum kulturellen Profil, was sich vermutlich darauf zurückführen lässt, dass es bei weit ausdifferenzierten Unternehmen, die teilweise mit sehr unterschiedlichen Produkten auf unterschiedlichen Medienmärkten (Stichwort: Glokalisierung) aktiv sind, kaum möglich ist, pauschale Aussagen über das kulturelle Profil eines Konzerns zu treffen. Zudem lassen sich teilweise auch nationale Einfärbungen bzw. ein gelegentlicher US-Zentrismus in den Darstellungen erkennen – so behandelt das Kapitel zu Google bspw. nur die Lobbyaktivitäten des Unternehmens in den USA und ignoriert dabei, dass globale Unternehmen heutzutage auch politisch schon lange nicht mehr nur national aktiv sind. Eine etwas globalere Perspektive wäre dem Buchtitel in dieser Hinsicht durchaus gerechter geworden.
Trotz der oben genannten Kritik muss festgehalten werden, dass der Band absolut lesenswert ist und eine umfassende, politökonomisch basierte Gesamteinschätzung der einzelnen Konzerne liefert. Er ist vollgepackt mit Wissen und Fakten zu den Unternehmen und ist jeder/m zu empfehlen, die/der sich für Fragen der Politischen Ökonomie der globalen Kommunikation interessiert – sowohl als Einstiegs-, als auch als vertiefendes Nachschlagewerk.

Review: Globale Medien- und Kommunikationspolitik. Konzeption und Analyse eines Politikbereichs im Wandel

Berghofer, Simon (2017): Globale Medien- und Kommunikationspolitik. Konzeption und Analyse eines Politikbereichs im Wandel (Reihe Medienstrukturen Bd. 12). Baden-Baden: Nomos. 429 Seiten. ISBN 978-3-8487-3982-0

Roger Blum, Köln

Nach gängiger Lesart sind die Nationalstaaten für die Kommunikations- und Medienpolitik zuständig. Es gibt aber globale Kommunikation, und so muss es auch globale Kommunikationspolitik geben. In seiner Berliner Dissertation, die er an der Freien Universität verfasst hat, geht Simon Berghofer daran, die globale Medien- und Kommunikationspolitik theoretisch und analytisch zu durchdringen und ihren Wandel zu beschreiben. Er stützt sich normativ auf Überlegungen von Harry Pross und verfolgt drei Theoriestränge: die Theorie internationaler Regime, die politische Ökonomie und den Global Governance-Ansatz. In seiner Untersuchung unterscheidet er sieben Ebenen, auf denen Kommunikationspolitik stattfinden kann: die globale, die bi- und multilaterale, die großregionale, die nationale, die regionale, die kommunale und den „Alltag“ (worunter er die innerfamiliären Routinen und Regeln versteht). Untersuchen will er aber ausschließlich die globale und die multilaterale Medienpolitik.

Die Medien- und Kommunikationspolitik, die über den nationalen Rahmen hinausgeht, ist älter, als man vielleicht annimmt: Schon 1865 wurde der Internationale Telegraphen-Verein, (später International Telecommunication Union, ITU) gegründet, 1874 kam der Weltpostverein hinzu, und 1886 entstand die „Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst“. Nach dem Ersten Weltkrieg betrieb der Völkerbund Medienpolitik; als erstes gelang ihm 1923 ein Vertrag zur Bekämpfung obszöner Publikationen. 1927 fand eine Konferenz statt zur Frage, ob die Presse zum Frieden beitragen könne, und 1936 lag ein internationaler Rundfunkfriedenspakt vor, der dem Radio Kriegshetze und Aufstachelung zu Umstürzen in anderen Ländern verbot, es zu Richtigkeit und Sorgfalt anhielt und ihm einen Beitrag zur Völkerverständigung abverlangte. 23 Staaten unterzeichneten, nicht aber die faschistischen. Auch aus der Zivilgesellschaft heraus kam es zu internationalen Zusammenschlüssen: 1896 entstand die International Union of Press Associations, 1925 folgte die International Broadcasting Union (die heute in der European Broadcasting Union EBU fortlebt), und 1926 wurde die International Federation of Journalists aus der Taufe gehoben, die 1931 ein Ehrentribunal einsetzte und 1939 einen Ehrenkodex verabschiedete, auf dem all die Journalistenkodizes der Gegenwart basieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die von den Staaten vereinbarten Organisationen in die UNO integriert. Neu kam die UNESCO hinzu, die sich vor allem um den „free flow of communication“ vor dem Hintergrund des Nord-Süd-Konflikts kümmerte und im Gefolge des MacBride-Berichts von 1980 eine neue Weltinformations- und Kommunikationsordnung anstrebte. Medienpolitisch tätig wurde auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die aus dem Helsinki-Prozess hervorgegangen war. Stärker ökonomisch und deregulierend orientiert griffen die OECD, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Welthandelsorganisation WTO in die Medienpolitik ein. Ihnen ging es vor allem um die Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte. So unterscheidet der Autor drei Phasen der globalen Medien- und Kommunikationspolitik: Erstens jene der Entstehung und des Ausbaus (1900-1945), zweitens jene der Pluralisierung und Ausdifferenzierung (1945-1995) und drittens jene der Denationalisierung und Privatisierung von Autorität (seit 1995). Gerade das Internet wird stark von privaten Akteuren reguliert.

Auf der theoretischen Ebene differenziert Simon Berghofer vier kommunikationspolitische Perspektiven aus: 1) Die techno-funktionale Perspektive: Hier ist das Handeln eher administrativer Art und auf Effizienz ausgerichtet. 2) Die ökonomisch-liberale Perspektive: Diese gründet auf klassischen und neo-klassischen ökonomischen Prämissen und strebt nach Liberalisierung und Deregulierung. 3) Die kulturell-soziale Perspektive: Sie folgt einer normativen Orientierung, nämlich der kritischen politischen Ökonomie und will Kommunikation ermöglichen, aber auch Protektionismus ausüben. 4) Die Sicherheitsperspektive: Sie will Infrastrukturen sichern, auch um den Preis der Abschottung.

Berghofer hat offenbar Berge von Literatur durchgeackert, er kennt eigentlich alles, was zu diesem Themenbereich je publiziert worden ist. Er bietet einen umfassenden Überblick, der allerdings etwas sperrig und daher nicht leicht zu lesen ist. Eine Dissertation hat einen eigenen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten. Den sucht man zunächst, denn über viele Seiten hinweg fasst das Buch zusammen, was schon anderswo gesagt worden ist, integriert es allerdings in einen gesamtheitlichen Kontext. Dann aber kommt die Eigenleistung: Die gründliche Untersuchung des Fallbeispiels ITU. Hier kann der Autor auf Originalquellen zurückgreifen, die er auswertet. Merkwürdig ist nur, dass er erstens diese Quellen im Anhang ebenfalls als Literatur aufführt und dass er zweitens bei der Beschreibung des Fallbeispiels über weite Strecken wiederum Sekundärliteratur zitiert und nur ganz selten die Quellen. Wer indes genau wissen will, in welchen Bereichen die Nationalstaaten Regulierungsautorität verloren haben und welche Akteure an globalen Regelungen beteiligt sind, liest das Buch mit Gewinn.

Kritik von Fortschrittsnarrativen im deutsch-türkischen Migrationskontext – Migrationskino und Diasporamoscheen im Integrationsdispositiv

Mehmet Bayrak & Ömer Alkın | PDF-Fulltext

Abstract: Der Artikel arbeitet die permanente Reproduktion eines progressiven Fortschrittsnarrativs an zwei Diskursfeldern des türkisch-deutschen Migrationskontexts heraus und zeigt auf, wie es von integrationspolitischen Motivationen geprägt ist.
Für das Feld des Films wird das Narrativ vom Wandel der Repräsentationen in den Migrationsfilmen über die Arbeitsmigranten seit den 1990er Jahren befragt. In dem Narrativ wird behauptet, dass es einen Wandel seit den frühen deutsch-türkischen Filmen zu den Filmen um die Jahrtausendwende gegeben habe: von einem bemitleidenden, viktimisierenden Betroffenheitskino zu einem transkulturellen Kino des Empowerments.
Der zweite Teil des Aufsatzes erörtert demgegenüber das transnationale Narrativ von der Wandlunsgerzählung im Moscheebau in Deutschland. Seine kritische Befragung zielt auf die Infragestellung des Wandlungsnarrativs, nach dem sich das Modell der Hinterhofmoschee der Migranten in ein Modell moderner Moscheeneubauten transformiert habe.
Der Beitrag skizziert die Narrative anhand der Erörterung von wissenschaftlichen und öffentlich-medialen Diskursen nach, stellt die Diskursdynamiken in ihrer integrationspolitischen Logik als unterkomplex heraus und eruiert einige praktische Folgen für die Filmproduktion und den Moscheebau in Deutschland. Es zeigt sich, dass die in beiden Diskursfeldern zirkulierenden Diskurse von einem Wandel filmischer Verhandlungsformen türkisch-deutscher Migration bzw. der Moscheebaukultur im migrantischen Kontext mit einer Vorstellung von Fortschritt, einer Zeitlogik von Linearität und ausgehend von einem Integrationsdispositiv her operieren, was zugleich für die Forschungen in den Feldern erhebliche Folgen hat.

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