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Review: Media and Accountability in Latin America. Framework – Conditions – Instruments

Bastian, Mariella (2019): Media and Accountability in Latin America. Framework – Conditions – Instruments. Wiesbaden: Springer VS. 556 Seiten. ISBN 9783658247867

Andreas Hetzer, Bayreuth & Cali

 

Der voluminöse Band von Mariella Bastian verfolgt das Ziel, ein umfassendes Analyseinstrumentarium zu entwickeln, um die Bedingungen und konkreten Maßnahmen für Medienverantwortung und die Einhaltung journalistischer Qualitätsstandards in den Ländern Brasilien, Argentinien und Uruguay zu untersuchen. Der Titel ist insofern irreführend, als die Region Lateinamerika als linguistisch-geografisches Konzept sich von Mexiko über Zentralamerika und die Karibik bis hin zur Andenregion und Südamerika erstreckt. Gegenstand der Studie sind jedoch nur drei Länder Südamerikas.

Trotz dieser Irritation handelt es sich um eine überaus lobenswerte und anspruchsvolle Fallauswahl, weil Länder Lateinamerikas in der Erforschung von Journalismuskulturen und Mediensystemen kaum eine Rolle spielen. Deshalb bleibt laut der Autorin für die Region unterbelichtet, welche Maßnahmen zu höherer journalistischer Qualität führen und welchen Beitrag Medien bei der Demokratisierung von Transformationsgesellschaften leisten. Die Länderauswahl ist auch deswegen von hohem wissenschaftlichen Interesse, weil der Zeitpunkt der Studie in eine politische Phase fällt, in der sich die amtierenden Regierungen um Dilma Rousseff (Brasilien), Cristina Kirchner (Argentinien) und José Mujica (Uruguay) eine stärkere Demokratisierung der Kommunikation auf die Fahnen geschrieben und breite Debatten zur Rolle der Medien in der Gesellschaft angestoßen hatten.

Aus Sicht der Autorin handelt es sich um ein most-similiar design mit einer gewissen Homogenität der Länder. Sowohl Brasilien als auch Argentinien und Uruguay haben längere Phasen von Militärdiktaturen und seit den 1980er Jahren eine politische und mediale Umwälzung erlebt. Die Demokratisierung garantierte Meinungs- und Pressefreiheit, ging jedoch aufgrund einer geringen Regulierungsdichte des Medienmarktes mit einer hohen Medienkonzentration einher. Medienorganisationen, die teilweise die Militärregierungen unterstützten, wuchsen zu wichtigen gesellschaftlichen Akteuren heran und lehnen eine Regulierung von Seiten des Staates ab. Nicht selten geraten politische und ökonomische Einflussnahme auf Medien in Konflikt mit normativen Standards der Medienberichterstattung. In allen drei Ländern sind Verstöße gegen ethische Grundprinzipien journalistischer Arbeit an der Tagesordnung, wie die Autorin anhand einiger Beispiele in der Einleitung illustriert. Die wesentlichen Unterschiede zwischen den Ländern bestehen sowohl in ihrer geographischen Ausdehnung und Bevölkerungsanzahl als auch in der Größe der Medienmärkte. Außerdem wird dem kleinsten Land Uruguay bei der demokratischen Transition größere Fortschritte bescheinigt als Brasilien oder Argentinien. 

Vor diesem Hintergrund fragt sich die Autorin, wie ethische Prinzipien und Qualitätsstandards im Journalismus durchgesetzt werden können, auch wenn sie nicht eindeutig gesetzlich geregelt sind. Die Grundannahme: Medienverantwortung und journalistische Transparenz können journalistische Qualität und Unabhängigkeit stärken und in der Folge vor politischer Einflussnahme schützen. Mediale Selbstverpflichtung und Medienkontrolle von Seiten des Publikums seien mögliche Alternativen, um die gesetzliche Lücke zu schließen. Bastian interessiert sich nicht nur für traditionelle Felder wie Selbstregulierung, Partizipation des Publikums oder Transparenzmechanismen, sondern begibt sich auf die Suche nach innovativen Instrumenten im lateinamerikanischen Kontext. Anstatt im westlichen Umfeld etablierte Standards einfach auf Brasilien, Argentinien und Uruguay zu übertragen, will Bastian zur ‚Entwestlichung‘ der Forschung beitragen und induktiv Instrumente der Medienverantwortung und Verbesserung journalistischer Qualität in den drei Ländern herleiten. Sie nimmt dafür Online-Auftritte von journalistischen Medieninstitutionen in den Blick, weil diese eine stärkere Beteiligung des Publikums erlauben und traditionelle Regulierungsinstrumente erweitern.

Im ausführlichen Literaturteil beschäftigt sich Bastian mit den politischen Rahmenbedingungen, den Charakteristika der Medienlandschaft. Die gut informierte Darstellung der politischen und historischen Hintergründe der drei Länder leitet Demokratisierungsprobleme her und hebt hervor, dass soziale Ungleichheit, informelle Arbeit, Armut und die makroökonomische Abhängigkeit vom Weltmarkt wichtige Indikatoren sind, die Auswirkungen auf den Medienmarkt und die Mediennutzung haben. Die sehr detaillierte Lektüre der Mediensystemforschung und die Beschreibung der Medienlandschaften in Brasilien, Argentinien und Uruguay fördert zu Tage, dass die Vermischung medialer und polit-ökonomischer Interessen, hoch konzentrierte Medienmärkte mit negativen Auswirkungen auf die Medienvielfalt sowie eine mangelnde journalistische Unabhängigkeit die prägenden Umweltfaktoren für alle drei Länder darstellen. Diese Elemente fließen schließlich in das theoretisch adaptierte Modell für die Einflussvariablen auf Medienverantwortung und journalistische Transparenz ein, das vier Dimensionen umfasst: die journalistische, die gesellschaftliche, die politische und die ökonomische Dimension. Diese Dimensionen aus der Literatur werden durch die Erkenntnisse aus qualitativen Experteninterviews um einige Aspekte erweitert bzw. ausdifferenziert, um die Rahmenbedingungen an die drei Länder kontextsensibel anzupassen.

Die Interviews dienen der Autorin jedoch nicht nur dazu, Probleme journalistischer Unabhängigkeit vertiefend zu beleuchten, sondern darüber hinaus auch dazu, konkrete Instrumente journalistischer Transparenz und ihre Wirksamkeit aus Sicht der Stakeholder zu verstehen. Im Verständnis einer Triangulation der Daten führt sie darüber hinaus eine quantitative Inhalts- und Clusteranalyse von Websites der Medienbranche durch, um den Status quo und innovative Instrumente journalistischer Qualitätssicherung und Publikumsbeteiligung zu erheben, die fernab der gängigen Literatur in den Ländern tatsächlich zur Anwendung kommen. Zu den interessantesten Befunden zählt, dass neben eher klassischen Instrumenten der Selbstregulierung, der Partizipation des Publikums oder Transparenzmechanismen beispielsweise Observatorien als Mittel des Medienmonitorings bzw. der Medienkritik zum Einsatz kommen. Darüber hinaus gibt es zwar keine Institution eines Presserats, jedoch sind in allen drei Ländern Ethik-Komitees und Ombudspersonen als Ansprechpartner für das Publikum weit verbreitet.

Die empirischen Ergebnisse fasst Bastian in einer zweidimensionalen und aus dem MediaAcT-Projekt stammenden Grafik zusammen, die die Instrumente nach dem Grad ihrer Institutionalisierung und medieninterner bzw. -externer Herkunft differenziert. Die erweiterte Typologie erlaubt dem Leser einen Überblick über Instrumente der Medienregulierung und journalistischen Qualitätssicherung, die in Brasilien, Argentinien und Uruguay zum Einsatz kommen. Bemerkenswert ist, dass die Instrumente sowohl von Seiten der Medienakteure als auch von Seiten des Publikums stammen und die Mehrzahl stärker institutionalisiert ist. Uruguay als konsolidierte Demokratie weist im Vergleich zu Brasilien und Argentinien eine geringere Dichte an Regulierungsinstrumenten auf. Daraus leitet Bastian die Hypothese ab, dass es einen Zusammenhang zwischen Demokratiedefiziten einerseits und einem stärkeren zivilgesellschaftlichen Engagement in Debatten über politische Themen und die mediale Performanz andererseits gibt. Anders ausgedrückt, ein gewisses Misstrauen der Bürger gegenüber gesellschaftlichen Eliten und eine faktische Beschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit durch polit-ökonomische Interessen kann zu einer Stärkung der Partizipation und Kontrolle von Medien seitens der Bürger führen.

Mariella Bastian bietet eine umfangreiche Lektüre für all diejenigen, die sich mit den Medienlandschaften Lateinamerikas beschäftigen und für vergleichende Mediensystemforschung interessieren. Allerdings muss der Leser viel Geduld mitbringen und steht fast 500 Seiten geballtem Text gegenüber. Dem Buch hätte es gutgetan, an manchen Stellen zu straffen und Theoriefundamente weniger ausführlich zu diskutieren. Allein die Zusammenfassung umfasst 40 Seiten, sodass am Ende kaum klarer wird, was eigentlich die wichtigsten Ergebnisse sind. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die ‚Entwestlichung‘ der Medien- und Kommunikationsforschung. Wenn damit – wie so oft in der Literatur – gemeint ist, dass westliche Modelle oder Typologien anhand empirischer Daten aus dem globalen Süden ergänzt werden, dann erfüllt Bastian diesen Anspruch, auch wenn sie Bewertungen wie defekte oder konsolidierte Demokratien unhinterfragt übernimmt, obwohl sie in der politikwissenschaftlichen Transformationsforschung umstritten sind. Wenn mit ‚Entwestlichung’ jedoch gemeint ist, aus einer Südperspektive zu einer Dekolonisierung des Macht-Wissens-Komplexes beizutragen und AutorInnen Südamerikas ernst zu nehmen, die an einer ‚Comunicología de Liberación‘ (Kommunikationsparadigma der Befreiung) fernab eurozentrischer Sichtweisen arbeiten, dann bliebe die Arbeit weit hinter diesen Ansprüchen zurück. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, dass AutorInnen wie Mariella Bastian derartige Konzepte in ihren Arbeiten berücksichtigen würden.

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