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Review: Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina

Koltermann, Felix (2017): Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina. Bielefeld: transcript Verlag, 456 Seiten. ISBN 978-3-8376-3694-9     

Julia Lönnendonker, Dortmund
Fotoreporter im Konflikt

Im vorliegenden Buch wirft Felix Koltermann einen Blick auf das bislang wenig erforschte Handeln von Fotojournalisten in Konflikten. Er konzentriert sich auf die in Israel und Palästina tätigen Fotoreporter und definiert ihre Arbeit als Teil des Auslands- und Konfliktjournalismus.

Das umfangreiche Werk, das zugleich Koltermanns Dissertation an der Universität Erfurt ist, beeindruckt vor allem durch seine interdisziplinäre Herangehensweise und eine umfangreiche theoretische Aufarbeitung des Themas. Bislang war das Handeln von Fotojournalisten ein weißer Fleck in der Forschung; wenn sich die Wissenschaft überhaupt mit dem Fotojournalismus befasste, dann zumeist in Form von inhaltsanalytischen Arbeiten zu den Ergebnissen der Arbeit von Fotojournalisten – den veröffentlichten Bildern. Die Fotoreporter als Akteure sind kommunikationswissenschaftlich nahezu unerforscht. Die Besonderheit des Fotojournalismus im Vergleich zum Textjournalismus sieht Koltermann in dem Vor-Ort-Sein und der Unmittelbarkeit der Begegnung. „Die daraus entstehenden Bilder haben die Funktion von Dokumenten, die auf Zustände und Geschehnisse in der Realität verweisen und bis zu einem gewissen Grad für sich selber stehen können.“ (S. 11)

Koltermann hat sich für die Region Israel/Palästina als Untersuchungsgegenstand der Arbeit von Fotojournalisten in Konflikten entschieden, weil die Region sich in einem dauerhaften Konfliktzustand befindet und „für einen wichtigen Platz der Region in der internationalen Nachrichtengeografie“ (S. 12) sorgt. In der Konflikthaftigkeit der Region sieht er einen „der wichtigsten Gründe für die Anwesenheit der internationalen Medien“ (S. 12). Als Besonderheit der Region beschreibt er ihre enge Verzahnung, in der die in Israel eingesetzten Auslandskorrespondenten auch für die palästinensischen Gebiete zuständig sind. Er zeigt, dass sich die individuellen und institutionellen Akteure so verhalten, „als ob es sich um einen geografischen und politischen Raum handeln würde“ (S. 14).

Im Theoriekapitel entwickelt der Autor ein Akteursmodell des fotojournalistischen Handelns in Konflikten. Dazu unterscheidet er zunächst die Einflussfaktoren auf die in Konflikten tätigen Fotojournalisten in journalismus- und konfliktspezifische. Im Journalismuskontext identifiziert er Spezifika des Fotojournalismus auf unterschiedlichen Ebenen, die diesen vom Textjournalismus unterscheiden. Beispielsweise nennt er hier die „Art und Weise, wie Fotoreporter in klassische Redaktionsstrukturen integriert sind“ und die „Authentizitätsnorm als fotojournalistische Ausprägung der Objektivität“ (S. 91). Auch medienrechtliche und medientechnologische Fragestellungen stellten sich für den Fotojournalismus anders dar als für den Textjournalismus. Er leitet die Besonderheiten der journalistischen Tätigkeit in Konfliktregionen ab, deren Handlungsspielraum von den existierenden Macht- und Herrschaftsverhältnissen sowie vom Grad der Symmetrie bzw. Asymmetrie der Konfliktparteien bestimmt sei (S. 104).

Als Synthese dieser theoretischen Grundlagen entwickelt Koltermann ein Modell, „welches zum einen die Akteursbeziehungen offenlegt und zum anderen die Einflussfaktoren auf das fotojournalistische Handeln im Konfliktkontext aufzeigt“ (S. 166). So trennt er auf der einen Seite das fotojournalistische Handeln der Bildproduktion von der Distribution und Vermarktung des Produkts und macht zum anderen die verschiedenen Einflussgrößen, die auf den Fotoreporter in seinem Handeln einwirken, sichtbar. Aus den Einflussgrößen auf den verschiedenen Ebenen des Journalismus- und Konfliktkontexts entwickelt er eine Forschungsmatrix, in der sich Fotoreporter aus zwei unterschiedlichen Perspektiven entweder als Kommunikatoren oder als Konfliktakteure betrachten lassen und die als Basis für die Entwicklung des Interviewleitfadens seiner empirischen Forschung dient.

Um das tatsächliche Handeln der in Israel und Palästina tätigen Fotoreporter zu rekonstruieren, hat Koltermann in seiner empirischen Studie 40 qualitative Leitfadeninterviews geführt. Er hat versucht, sein Sample möglichst heterogen mit Vertretern unterschiedlichster Gruppen zu besetzten. So kommen Israelis, Palästinenser und internationale Journalisten sowie Journalisten mit unterschiedlichsten Anstellungsverhältnissen und von den verschiedensten Mediengenres zu Wort.

Die Ergebnisdarstellung wird zunächst für den Journalismus- und dann für den Konfliktkontext präsentiert. Im Journalismuskontext beschreibt Koltermann die berufliche Sozialisation der interviewten Fotoreporter und ihre fotojournalistischen Routinen. Hier zeigt er die wichtigsten Arbeitsschritte der Nachrichten- wie der Dokumentarfotografie und arbeitet die zentralen Unterschiede dieser beiden Tätigkeitsfelder heraus, die auch für das Berufsfeld an sich abstrahiert werden können und nicht nur für den Produktionsstandort Israel/Palästina gelten. Im umfangreichsten Kapitel – der Darstellung des Konfliktkontexts – beschreibt der Autor die Auswirkungen des Konflikts für die Arbeit der Fotoreporter, wie beispielsweise unterschiedliche Grade der Pressefreiheit in den verschiedenen Berichtsgebieten Israels und Palästinas sowie den Umgang der Fotoreporter mit Fragen der journalistischen Ethik. Er analysiert hier zudem die Konfliktnarrative der israelischen, palästinensischen und internationalen Fotoreporter und die psychosozialen Folgen der Arbeit im Konfliktgebiet.

Im vorletzten Kapitel entwickelt Koltermann eine Typologie fotojournalistischer Akteure, um die individuellen Handlungsspielräume der einzelnen Akteure in dem sehr heterogenen Feld der fotojournalistischen Produktion in Israel und Palästina näher zu bestimmen. Weil andere aus der Kommunikationswissenschaft bekannte Systematisierungsversuche, wie bspw. zu Arbeits- und Berufsrollen oder zur Typologie der Auslandskorrespondenten (Hamilton/Jenner 2004), sich in der Regel auf den Textjournalismus beziehen, hat Koltermann für seine Akteurstypologie die zugrundeliegenden Kategorien induktiv aus der Empirie abgeleitet. Er identifiziert so neun Typen, die eine vergleichende Beschreibung der Akteure und ihres Handelns erlauben, nämlich ‚News-Activist’, ‚News Runner’, ‚News-Feature-Producer’, ‚Ein-Personen-Unternehmen’, ‚Illustrator’, ‚NGO-Dokumentarist’, ‚Geschichtenerzähler’, ‚Konzeptioneller Dokumentarist’, und ‚Sozialdokumentarischer Aktivist’ (S. 416, vgl. auch 406-409). Auch wenn sich diese Typologie auf den Produktionsstandort Israel/Palästina bezieht, so ist sie durch ihre klare Herleitung und die transparente Darstellung auch für Anschlussarbeiten zum Fotojournalismus in anderen Berichtsgebieten nutzbar.

Abschließend lässt sich sagen, dass Koltermanns umfangreiches Werk vor allem durch seine theoretische Fundierung und die detaillierte Begründung seiner empirischen Vorgehensweise hervorsticht. Die Arbeit ist klar nachvollziehbar aufgebaut, gut lesbar und die tabellarische Darstellung der heterogenen Ergebnisse vereinfacht an vielen Stellen das Leseverständnis. Bei der Darstellung der unterschiedlichen journalistischen Arbeitsroutinen hätten weitere Illustrationen hilfreich sein können. Grundsätzlich ist der Autor aber in eine klar identifizierte Forschungslücke vorgestoßen und legt mit seiner Arbeit den Grundstein für eine weitere empirische Aufarbeitung der Tätigkeit von Fotojournalisten.

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