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Review: „Welcome to My Bunker”

Roland Leikauf (2016): „Welcome to My Bunker“ – Vietnamkriegserfahrung im Internet. Bielefeld: transcript. 474 Seiten. ISBN: 978-3-8376-3342-9

Christina Sanko, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), Universität Bremen

Cover_Welcome to my bunkerDer Vietnamkrieg hat als erster TV-Krieg nicht nur Eingang in zahlreiche Medienbiographien und Gedächtnisrepertoires gefunden, sondern ist nach wie vor ein Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung von Kriegsbeteiligten mit der eigenen Identität. Wie sich solche Identitätskonstruktionsprozesse auf Internetpräsenzen von US-amerikanischen Veteran_innen abbilden, ist Kerngegenstand der Dissertationsschrift von Roland Leikauf. Die interdisziplinäre Arbeit, die sich zwischen Geschichts-, Medienwissenschaft, Gedächtnis- und Erzählforschung verorten lässt, schöpft aus der Analyse eines umfangreichen Quellenkorpus‘ von 661 Internetseiten und einer Email-Umfrage unter den Seitenbetreiber_innen.

Zwei Thesen liegen der Studie zu Grunde: 1) Die Online-Präsenz und -auseinandersetzungen mit der Kriegsvergangenheit lassen sich einerseits durch die medienspezifische Beschaffenheit des Internets erklären und 2) die Seiten erfüllen zudem den Zweck der Verarbeitung von Kriegserfahrungen.

Aus der Deskription und Explikation von sozialen Praktiken (in Anlehnung an Andreas Reckwitz) und Inhalten im Netz zieht der Autor folgende Schlüsse: Die Online-Praktiken der ehemaligen Kriegsbeteiligten sind von einem starken Gegenwartsbezug geprägt, der insbesondere auf das Streben nach gesellschaftlicher wie öffentlicher Anerkennung und somit auf Aufwertung des Vietnamveteran_innen-Status abzielt. Das Internet als Hybridmedium mit geringen Zugangsbarrieren bietet ihnen die Möglichkeit der Artikulation und Deutungshoheit über die eigene individuelle Erzählung ihrer Vietnamerfahrungen. Insgesamt zeichnen diese Erzählungen und Erinnerungen das archetypische Bild eines Soldaten, sind männlich dominiert und marginalisieren andere kriegsbeteiligte Gruppen wie südvietnamesische oder internationale Verbündete, Frauen und ethnische Minderheiten. Der Titel der Arbeit „Welcome to My Bunker“ ist deshalb auch metaphorisch für eine „kommunikativ praktizierte, selbstbezogene Isolation“ (S. 407) zu verstehen, deren Absicht nicht kollektives Erinnern oder die Überwindung der Kriegserfahrung, sondern die persönliche Identitätsaushandlung im hier und jetzt ist.

Die an der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen eingereichte Dissertation ist in fünf Kapitel untergliedert: Nach einer Einleitung zu medialen Repräsentationen von Kriegserfahrungen und -historiographie in den USA widmet sich Kapitel 1 zunächst einer Annäherung an Trauma-Konzepte aus medizinischer und wissenschaftshistorischer Sicht sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der Forschung zu Kriegsverarbeitung. Darauf folgt eine eingehende Klärung von Identitätskonzepten sowie des interdisziplinären und theoretisch-methodischen Zugangs zum Forschungsgegenstand. Dabei bewegt sich der Autor nach eigener Einordnung zwischen „geschichtswissenschaftlicher Oral History sowie […] volkskundliche[r] Erzählforschung“ (S. 43), die die Forschungsperspektive insbesondere mit Blick auf Sinnzuschreibungen, -deutungen, Erzählkontexten und -brüchen sowie soziales Erinnern lenken.

Das zweite Kapitel beginnt mit einer kurzen Charakterisierung des Vietnamkrieges und seiner historisch-gesellschaftlichen Bedeutung für die USA, an die sich ein Überblick zu westlichen Forschungs-, Medien- und Nachkriegsdiskursen über den Konflikt anschließt. Vor allem in der Nachkriegszeit kristallisieren sich laut Autor „Topoi, Mythen und Erzählungen“ (S. 91) innerhalb der Vietnamdiskurse heraus, mit denen sich Kriegsrückkehrer_innen auseinandersetzen müssen und die bei der Analyse von Prozessen der Identitätskonstruktion berücksichtigt werden. Dazu zählt z.B. der Topos der “Entfremdung des Veteranen von seiner Heimat” (S. 92). Neben Online-Praktiken des Erzählens und Erinnerns, die den Kern der Untersuchung bilden, bezieht der Autor zudem nichtvirtuelle Erinnerungsmedien wie Autobiografien, Romane oder Kriegscomics komparativ in die Betrachtung mit ein. Eine besondere Bedeutung kommt dabei physischen „Memorials“ wie dem „Vietnam Veterans Memorial“ zu, welches als öffentlicher Erinnerungsort auch für Handlungen und Inhalte der Veteran_innen im Internet immer wieder aufgegriffen wird und somit die Verschränkung von offline- und online-Praktiken verdeutlicht.

Die intensive kritische Auseinandersetzung mit dem Materialzugang, der -auswahl und eine gewissenhafte Beschreibung des Quellenkorpus‘ folgen im dritten Kapitel der Arbeit. Neben der Dynamik des Internets, zu der auch das Verschwinden von Webseiten gehört, sorgte die geringe Auskunftsbereitschaft der im Netz aktiven Vietnamveteran_innen (von 160 ausgewählten Seiten gab es nur 16 Rückantworten) für Einschränkungen des wissenschaftlichen Vorhabens, die der Autor offen reflektiert.

Das vierte Kapitel der Dissertation befasst sich zunächst mit der Beziehung von Medienwandel und Kriegserzählungen aus historischer Perspektive. Zusammenfassend stellt der Autor fest, „dass die Entwicklung des Umgangs mit Kriegserfahrung individualistischer, selbstzentrierter und zumindest theoretisch öffentlichkeitswirksamer geworden ist“ (S. 172). Anschließend werden Darstellungspraktiken und Inhalte des Erzählens und Erinnerns im Netz herausgearbeitet (bspw. Sammeln und Einbinden von Musik, Videos, Text-Bild-Kombinationen, „Schuhschachtel“, etc.), deren Selektion häufig mit einem Bedürfnis nach Selbststimmung und Kontrolle einhergeht. Im Vergleich zu nichtvirtuellen Erzählquellen sind laut Leikauf die Online-Angebote oft von höherer Komplexität, tieferen Inhalten geprägt und werden medienspezifisch umgesetzt. Als besondere Praktiken werden der digitale Umgang mit physischen Memorials als Gegenstände, Referenzpunkte oder visuelle Elemente der Erzählung hervorgehoben, durch die identitätsstiftende Momente nachvollziehbar werden. Symbolisch am bedeutsamsten auf den analysierten Internetseiten ist die „Wall“, die durch die Gestaltung in virtueller Form Ort- und Zeitdimensionen aufhebt, verändert und um eigene Symbolik erweitert wird. Die anschließend vorgestellten, aus der Quellenarbeit heraus entwickelten Inhaltskategorien beziehen sich auf Erfahrungs- und Erinnerungsräume in Vietnam („’NAM“), in den USA („World“) sowie auf die Heimkehr als Übergangsphase. An dieser Stelle verfestigen sich drei wesentliche Merkmale des Quellenmaterials: Gegenwartsbezug, Konstruktion unterschiedlicher Gemeinschaftskonzepte und das Selbst.

Das fünfte Kapitel dient schließlich der Zusammenschau und Kontextualisierung der Ergebnisse vor dem Hintergrund der Verarbeitungsmöglichkeiten der Kriegserfahrungen, Prozessen der Identitätsbildung sowie deren Potenziale und Grenzen im Netz. Als Kontrastbeispiel zum eigenen Material wird zudem der Auftritt eines Irak-Veteranen in unterschiedlichen sozialen Netzwerken zur Einordnung und Interpretation herangezogen.

Insgesamt bietet die klar strukturierte und kritisch reflektierende Dissertation theoretisch-methodische Anregungen für unterschiedliche Felder der Kommunikations- und Medienwissenschaft wie z.B. Kommunikationsgeschichte, Kriegs- und Krisenkommunikation sowie der Mediennutzungs- und -aneignungsforschung in neuen Medienumgebungen. Vermissen lässt die Arbeit jedoch eine stärkere theoretische Anbindung an den bereits bestehenden, wenn auch sehr stark von Einzelstudien bestimmten Korpus der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Erinnerungsstudien. So bieten beispielsweise José van Dijcks (2007) theoretischer Vorstoß zu einem Konzept der „mediated memories“, das ebenfalls an individuellen medialen Praktiken des Erinnerns ansetzt und den Anspruch verfolgt, über die Deskription von Fallstudien hinauszugehen, oder Marita Sturkens (1997) Überlegungen zu „tangled memories“, die sich explizit mit dem Vietnamkrieg aus US-amerikanischer Sicht auseinandersetzen, lohnenswerte Anknüpfungspunkte aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive.

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