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Boulevardisierung – Fernsehunterhaltung zwischen Quality und Trash? Eine feministische Perspektive

Elisabeth Klaus | PDF-Fulltext

Abstract: Der Diskussionsbeitrag reflektiert anhand zweier unterschiedlicher neuerer Fernsehangebote, die als Reality TV und als „Quality TV“ bezeichnet werden, wie Qualitätsurteile von Medienkritik und Medienwissenschaft gefällt werden. Unter einer feministischen Perspektive wird beispielhaft gezeigt, dass Geschlechterstereotype und die Trivialisierung von Menschen, die nicht der weißen Mittelschicht angehören, die Serien in beiden Angebotsformen dominieren und es gleichermaßen dazu auch andere Beispiele gibt. Für eine kritische Medienforschung ist es zwingend, die verschiedenen Momente des Medienprozesses – Produktionsprozess, Medientext und Rezeption – nicht in eins zu setzen und gleichermaßen ästhetische und ideologische Aspekte in Qualitätsurteilen zu berücksichtigen.

„Ne, das kann ich besser!“ Motive und Bedeutung der Contemporary TV Drama Serie The Mentalist für FanfictionautorInnen

Julia Elena Goldmann | PDF-Fulltext

Abstract: Einzelgänger und Außenseiter, die sich durch exzessives Konsumverhalten und extensives Trivialwissen um ein populärkulturelles Produkt auszeichnen – auch heute ist das Bild der Fans noch stark von Stereotypen geprägt. Meistens wird Fantum jedoch nicht mit Aktivität oder gar Kreativität gleichgesetzt. Viele Fans sind aber genau das: aktive ProduzentInnen von kulturellem Kapital. Dieser Artikel fokussiert eine derartige Fanaktivität: die Produktion von Fan Fiction. Darunter versteht man Fan-generierte, fiktionale Geschichten, die Charaktere sowie bestimmte Handlungselemente eines bestimmten (populärkulturellen) Ausgangsproduktes – hier: die Serie The Mentalist – beinhalten, und heute auf entsprechenden Internetseiten gepostet werden. Dieser Artikel beschäftigt sich mit Bedingungen sowie Motivationen für die Produktion von deutschsprachiger Fan Fiction und der anschließenden Veröffentlichung derselben auf der Seite www.fanfiktion.de. Es wird gezeigt, dass die AutorInnen derartiger Texte, die eine immense Bandbreite aufweisen, sehr organisiert vorgehen. Des Weiteren wird die Bedeutung der Austausch- und Review-Möglichkeiten auf den Fan Fiction Websites hervorgehoben, die sehr zentral für die interviewten fünf AutorInnen ist.

Rezeptionsmotivation von Serienzuschauern – Wandel der Fernsehserienrezeption und die Herausforderungen ihrer theoretischen und methodischen Erfassung

Annekatrin Bock | PDF-Fulltext

Abstract: Um zu verstehen, welche Gründe Zuschauer_innen zur Serienrezeption motivieren, entwickelt der Beitrag zunächst als theoretischen Bezugsrahmen das Vierfeldschema der Rezeptionsmotivation. Unter Rückbezug auf Theorien und Begriffe der Wirtschafts- und Sozialpsychologie (Attribution, Motivation) leistet der Text einen theoretischen Übertrag für die kommunikationswissenschaftliche Rezeptions- und Aneignungsforschung. Im Vierfeldschema werden jene Rezeptionsmotive subsumiert und in Relation gesetzt, die zum einen mit der Person des_der Rezipient_in und zum anderen mit dem Produktions- und Vermarktungskontext von Serien verknüpft sind. Das Vierfeldschema der Rezeptionsmotivation dient zudem als Ausgangspunkt für eine umfassende empirische Studie zur Rezeptionsmotivation von Serienzu-schauer_innen, welche in Auszügen im Beitrag diskutiert wird. Insbesondere die methodischen Herausforderungen für die gegenwärtige Serienrezeptionsforschung werden dabei thematisiert und am Beispiel der durch Onlinedistribution angestoßenen Veränderungen des Rezeptionsverhaltens von Serienzuschauer_innen reflektiert. Der Beitrag schließt mit einer kritischen Perspektive auf die gegenwärtige Serienrezeptionsforschung und deren Leistungsvermögen in Zeiten intermedial vernetzter Medienprodukte.

Thompson revisited. Ein empirisch fundiertes Modell zur Qualität von „Quality-TV“ aus Nutzersicht

Michael Harnischmacher & Benjamin Lux | PDF-Fulltext

Abstract: Was bedeutet das Attribut „Quality-TV“ eigentlich für das Publikum? Nach welchen Kriterien beurteilen Zuschauerinnen und Zuschauer, ob eine Serie Qualitätsfernsehen ist oder nicht? Im Bereich der rezipientenorientierten Qualitätsforschung bezüglich Fernsehserien sind bislang fast ausschließlich qualitativ erhobene Modelle bedeutsam, am bekanntesten sicherlich die bereits 1996 von Robert J. Thompson vorgeschlagenen 12 Kriterien. Die vorliegende Untersuchung widmet sich nun der Frage, ob diese Qualitätskriterien tatsächlich die „richtigen“ sind. Sind sie für die Zuschauer/innen von Serien bedeutsam für die Einschätzung, ob ein Programm „Quality-TV“ ist oder nicht? Bislang fehlt eine empirische Fundierung der einzelnen Merkmale. Ebenso ungeklärt ist bislang, ob es eine Rangfolge dieser Merkmale gibt. Welche sind bedeutsamer, welche weniger wichtig für die Wahrnehmung einer Serie als Qualitätsprodukt? Die Studie hat Thompsons Vorschlag (unter Bezugnahme auf weitere Studien zum Thema (z.B. Cardwell 2007; Feuer 2007; Dreher 2010; Blanchett 2011; Kumpf 2011) operationalisiert und in einer standardisierten Befragung der Nutzer von 13 Onlineforen zu Qualitätsserien (n=1382) getestet. Auf Basis dieser Befragung kann statistisch nachgewiesen werden, welche Merkmale von den Zuschauer/innen als besonders wichtig angesehen werden und wie diese zu Qualitätsfaktoren zusammengefasst werden können, die das Phänomen „Quality-TV“ aus Zuschauersicht tatsächlich beschreiben können.

Scholars as Audiences, Symbolic Boundaries, and Culturally Legitimated Prime-Time Cable Drama

Michael L. Wayne | PDF-Fulltext

Abstract: This article addresses Jason Mittell’s controversial essay “On Disliking Mad Men” (2010) in the cultural context of post-network television. The author uses 72 critical reviews of five HBO series to place Mittell’s argument alongside other rhetorical strategies that resist the prestige associated with high-status prime-time cable dramas. In relation to these rhetorical strategies, the troubled publication history of and negative scholarly reactions to Mittell’s essay are understood as indicative of elite post-network television audiences policing the symbolic boundaries surrounding culturally legitimated texts.

Local colour in German and Danish Television Drama: Tatort and Bron//Broen

Susanne Eichner & Anne Marit Waade | PDF-Fulltext

Abstract: The impact of place and locality in narrative media can be regarded as seminal for the medium’s function of communicating culture and negotiating societal discourses. As a result of the growing attention in globalisation theory and transnational considerations, space and place have become key issues to understanding the circulation of cultural commodities within an increasingly global and supra-national context. Taking the case of two popular contemporary European crime series, the German series Tatort and the Danish/Swedish series Bron//Broen, our aim is to focus on and carve out local colour as an aesthetic textual strategy, as well as relate it to a production context and to a broader discussion of the region/nation and the transnational/global. We argue that local colour can be located at three different levels: Firstly, on the level of representation as part of an overall narrative and aesthetic strategy that produces structures of appeal for the audiences. Secondly, within the frame of production, public broadcasting service, and policy that stage the general preconditions of cultural products. Thirdly, we regard locality as commodity and cultural consumption (e.g. branding, tourism, investments). Local colour and the representation of places evoke different concepts of imagined communities related to the regional and the national, but also the global and transnational.

Fictional politics on TV: Comparing the representations of political reality in the US-series The West Wing and the German series Kanzleramt

Cordula Nitsch & Christiane Eilders | PDF-Fulltext

Abstract: It is generally agreed upon that fictional stories can serve as sources for the audience’s perceptions of reality. This also includes the political realm. Our paper examines the fictional representation of politics in the U.S. series The West Wing and its German adaption, Kanzleramt. The comparative content analysis concentrates on political actors and political themes as key parameters of fictional politics. It investigates whether the national political context is reflected in the political dramas. Results show a rather small impact of national contexts. This indicates that the logic of fictionalization levels out national differences in shaping fictional politics.

Contemporary TV Drama Series

Florian Huber & Elisabeth Klaus | PDF-Fulltext

Abstract: Technological developments, especially the Internet, have changed the medium „television“ profoundly. On the one hand, media convergence means watching television is no longer limited to a singular box with one screen. On the other hand, this is connected to profound changes in programming content. In addition to cheaper formats like daily talks and Reality-TV, complex and expensive television series, rather vaguely referred to as „Quality-TV“, have conquered the TV market. They are sold internationally and aimed at an affluent, dedicated audience. The articles in this issue of the Global Media Journal deal with different aspects of what we refer to as „Contemporary Television Series“, a less evaluative term. The transnational character of the shows is highlighted in two of the articles, while three authors focus on the perspective of the audience. The final two contributions grapple with the issue of quality as strategies of cultural legitimation and its aesthetic and ideological sides.

Review: „…weil ihre Kultur so ist“. Narrative des antimuslimischen Rassismus

Shooman, Yasemin (2014): „…weil ihre Kultur so ist“. Narrative des antimuslimischen Rassismus. Bielefeld: Transcript Verlag. 260 Seiten,
ISBN 978-3-8376-2866-1

Sabrina Schmidt, Universität Erfurt

Antimuslimische Diskurse wirken tief in die Gesellschaften Deutschlands und Europas hinein, ihre Erscheinungsformen sind vielfältig. Als symbolische Ressourcen sind sie zu einem festen Bestandteil von Medienbildern, rechts-populistischen Losungen und zivilgesellschaft-lichen Dispositionen geworden. Yasemin Shoomans Buch „…weil ihre Kultur so ist“. Narrative des antimuslimischen Rassismus macht es sich zur Aufgabe, die Argumentationsmuster dieser Diskurse zu rekonstruieren und in ihrer Beschaffenheit zu analysieren. Ihr Ziel sei es, „eine Art ‚Topographie‘ der dominanten antimuslimischen Stereotype und Topoi abzubilden und zu ermitteln, inwiefern sich diese zu einem Narrativ bzw. mehreren Narrativen zusammensetzen“ (S. 16). Schon die elliptische Form des Titels verweist auf die unbedarfte Simplizität und multiple Einsatzfähigkeit eben jener Begründungs- und Legitimationsweisen, die sich im Sprechen über den muslimischen Anderen schon fast zu einer lebensweltlichen, d.h. unbefragten Selbstverständlichkeit (im Sinne Alfred Schütz‘) manifestiert haben. Shooman fasst den antimuslimischen Rassismus als ein komplexes Geflecht, in dem verschiedene Klassifikationssysteme, neben Religion und Kultur auch Klasse und Geschlecht, ineinandergreifen. Dieser Rassismus basiert – ganz im Sinne der klassischen Rassismus-Definition nach Robert Miles – auf der Rassifizierung seiner Objekte, das heißt der Festlegung und Kollektivierung einer tatsächlichen bzw. zugeschriebenen Religiosität als primordiale Eigenschaft und Verhaltensdeterminante.

In kleineren Fallstudien analysiert Shooman antimuslimische Diskurse in verschiedenen Öffentlichkeitformen (Massenmedien und Sachbücher, Weblogs und Kommentarbereiche von Online-Zeitungen, Zuschriften an muslimische bzw. türkische Verbände), wobei sie sich nicht nur für die inhaltlichen Strukturen, sondern auch für die Funktionslogik rassistischer Islamdiskurse interessiert. Vergleichend expliziert sie zudem argumentative Transfers und Verweise sowie Diskontinuitäten und Widersprüche innerhalb und zwischen den untersuchten Öffentlichkeitsformen. Ein besonderes Augenmerk legt die Autorin auf die historische und soziopolitische Kontextualisierung der untersuchten Wahrnehmungs- und Argumentationsmuster, die sie mit Michel Foucault und Rainer Keller als kollektive, dabei jedoch zeitlich flexible Wissensformationen versteht. Entsprechend erscheint der methodische Zugang über ein diskursanalytisches Verfahren insofern logisch, als es symbolische Dominanzverhältnisse und Sagbarkeitsgrenzen aufzudecken vermag, die sich in und durch Sprache manifestieren und in materielle Ausgrenzungspraxen übersetzt werden können. Nicht zuletzt gebe die Analyse von „Diskursverschränkungen“ Auskunft über das „intersektionale Zusammenwirken verschiedener Dimensionen der sozialen Ungleichheit – wie Rasse, Ethnizität, Kultur, Religion, Geschlecht oder auch Klasse“ (S. 20f.).

Die als Dissertationsschrift am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin vorgelegte Arbeit untergliedert sich in fünf Teile und ist in einem sehr ansprechenden, eingängigen Stil verfasst. Während die Autorin in der Einleitung erste grundlegende Begriffsbestimmungen zu den Analyseeinheiten Topos, Narrativ und Diskurs vornimmt sowie den Nutzen des diskursanalytischen Vorgehens erörtert, zeichnet sie im ersten Teil von Kapitel 2 die historischen Linien und diskursiven Transformationen des antimuslimischen Rassismus mit Fokus auf Deutschland und Europa nach. Shooman zeigt auf, dass die Markierung von Musliminnen und Muslimen als gesellschaftlich und kulturell nicht zugehörig – diskursive Grenzziehungen wie sie sich etwa in politischen Leitkulturdebatten beobachten ließen – auf tradierten und zum Teil bereits im Mittelalter kolportierten Feindbildern beruhen. Darüber hinaus arbeitet die Autorin Brüche und Verschiebungen in der symbolischen Konstruktion muslimischen Fremdseins heraus. Während Muslime in Europa etwa zu Zeiten der Kreuzzüge noch als „militärische Gegner“ und „Kontrahenten“ stereotypisiert worden seien, hätten der europäische Kolonialismus und dessen diskursive Legitimationspraxis, der Orientalismus (Edward Said), für eine Exotisierung und Inferiorisierung des „Orients“ gesorgt (S. 43ff.): Haremsphantasien und die Vorstellung von zivilisatorischer Rückständigkeit seien hierbei von Bedeutung. Später hätten neben postkolonialen Migrationsbewegungen auch Anwerbeabkommen die europäische Wahrnehmung verschoben. Aus dem „äußeren Feind“ sei der „Andere im Innern“ geworden (S. 40f.). Shooman argumentiert überzeugend, dass die Funktion dieser Fremdmarkierung dabei zu jeder Zeit in der spiegelbildlichen Festschreibung einer eigenen kollektiven Identität bestand, deren Zweck es auch gewesen sei, Differenzen innerhalb der Eigengruppe auszublenden.

Der zweite Teil des Kapitels stellt eine theoretische Einordnung des antimuslimischen Rassismus im Feld der Rassismusforschung unter besonderer Berücksichtigung der Dimensionen Kultur, Ethnizität, Religion, Geschlecht und Klasse dar. Aufschlussreich ist dabei die Beobachtung Shoomans, dass in der Fremdmarkierung von Muslimen zunehmend deren (zugeschriebene) religiöse bzw. kulturelle Identität als dominantes Differenzkriterium symbolisch aufgeladen wurde – anders als Mitte des 20. Jahrhunderts, als man Muslime in Deutschland entlang der Kategorien Ethnizität und Nationalität noch als „Gastarbeiter“ und „Türken“ bezeichnete. Unter Berücksichtigung etablierter Rassismustheorien verdeutlicht Shooman, dass sich im antimuslimischen Rassismus Versatzstücke des biologistischen Rassismus‘ – etwa im Kontext des racial profiling, bei dem versucht werde, Muslime anhand ihres Aussehens zu klassifizieren (S. 65) – mit neorassistischen Diskursen verzahnen. Diese warnten vor dem Werteverlust im „Westen“ durch die Ausbreitung „fremder“ Kulturen, vor allem der islamischen, die als inkompatibel und minderwertig markiert wird. Neben den Dimensionen Kultur, Religion und Ethnizität sind im anti-muslimischen Rassismus aber auch Vorstellungen von Muslimen als Angehörige minderer sozialer Schichten eingeflochten, so wenn Muslime mit Thilo Sarrazin als Belastung für das deutsche Sozialsystem präsentiert würden (S. 75). Die Autorin bewertet diese „Klassen“-Referenz als Ausgrenzungsstrategie, mittels derer materielle und symbolische Teilhabemöglichkeiten von Muslimen beschnitten würden.

Kapitel 3 umfasst die erste von mehreren empirischen Teilstudien der Arbeit. Diese setzt sich mit Geschlechterbildern im Kontext rassistischer Islamdiskurse auseinander, wobei neben eigenen Topoi (etwa von der „gefährlichen Muslimin“) auch die Rolle islamkritischer muslimischer Sprecherinnen als vermeintlich „authentische Stimmen“ von Shooman herausgearbeitet werden. Auf Basis einer empirischen Analyse von journalistischen Beiträgen und Magazincovern, politischen Werbeplakaten und Karikaturen zeigt sie auf, dass sich in der Ikonographie der muslimischen Frau stets dieselben visuellen Stereotype vorfinden lassen: die Unterdrückte, Rechtlose, deren inhumane Behandlung durch gewaltaffine Männer vom Islam legitimiert sei. Die Verknüpfung von sexistisch motivierter Gewalt und Islam erfülle laut Shooman verschiedene Funktionen, so etwa die Dichotomisierung von „westlicher“ und „islamischer“ Kultur, aber auch das Ausblenden von Gewalt gegen Frauen und die Geschlechterungleichheit in nicht-muslimischen Gesellschaften (S. 86f.).

Kapitel 4 und 5 wenden sich fallstudienartig den Islamdiskursen innerhalb dreier unterschiedlicher öffentlicher Räume zu: Zum einen der massenmedialen Rezeption der ersten Islamkonferenz durch FAZ und DIE WELT; zum anderen den Netzdiskursen auf islamfeindlichen Internetseiten und Weblogs wie „politically incorrect“ oder „jihadwatch.org“ sowie drittens Verbandszuschriften als Form nicht-öffentlicher Kommunikation. Während sich die theoretisch herausgearbeiteten Spezifika des antimuslimischen Rassismus teilweise in der Berichterstattung etablierter Medien wiederfinden lassen – etwa in der Anwendung binärer Klassifikationssysteme à la „Wir-vs.-Sie“ und der daraus folgenden Festschreibung der Muslime als ewig „Andere“ (S. 139), beobachtet die Autorin im weitestgehend anonymen Diskurraum Internet eine Enthemmung und ideologische Verfestigung des Negativbildes Islam. Verschwörungstheorien und Bedrohungsszenarien über die vermeintliche Unterwanderung Europas durch den Islam („Islamisierungs“-Topos), offene Beleidigungen von muslimischen Vertretern und Politikern sowie (erfolgreiche) Versuche, sich auch außerhalb des Internets zu vernetzen und zu mobilisieren, seien hierfür charakteristisch. Shooman stellt fest, dass sich ein ähnlich radikaler, dafür jedoch überwiegend mit den Klarnamen der Absenderinnen und Absender operierender Diskurs in den Zuschriften an muslimische bzw. türkische Verbände nachweisen lässt. So sei das in den Briefen zum Ausdruck kommende Alltagswissen über den Islam u.a. geprägt von negativen Pauschalurteilen über Muslime und dem Selbstverständnis der Schreibenden, sich im Sinne der deutschen Mehrheitsmeinung zu artikulieren (S. 216). Shooman interpretiert dies mit Verweis auf die Sprechakttheorie plausibel als Akte symbolischer Gewalt.

Mit ihrer detailgenauen Zusammenschau dominanter Argumentationstopoi antimuslimischer Diskurse stellt die Arbeit gerade für Einsteiger in die Gegenstandsbereiche Rassismus und Islamfeindlichkeit eine empfehlenswerte Lektüre dar. Positiv herauszuheben ist die Anschaulichkeit und Stringenz der Analyse einzelner Diskursmuster und ihrer historischen Transformationen, die die Autorin durch eine dichte Verzahnung von theoretischen Überlegungen und empirischer Beweisführung erreicht. Kennern des Feldes wird die ein oder andere Erkenntnis, etwa dass sich antimuslimische Diskurse in den etablierten Massenmedien nicht erst mit den Ereignissen um 9/11 formiert haben oder dass die medialen Repräsentationen muslimischer Frauen mit Deutungsangeboten rund um Rechtlosigkeit und Gewalterfahrung operieren, nicht neu sein. Zudem wären Fallstudien etwa zu Muslim(a)-Bildern in popkulturellen Formaten wie Kinofilmen und TV-Serien, aber auch im Rahmen von Satire und Comedy oder Kinder- und Jugendliteratur im Vergleich zu einer bereits mehrfach wissenschaftlich verarbeiteten Zeitschriftencover-Analyse innovativ und für den bewanderten Leser aufschlussreich gewesen.

Review: Media Systems and Communication Policies in Latin America

Manuel Alejandro Guerrero & Mireya Márquez-Ramírez (eds.) (2014): Media Systems and Communication Policies in Latin America. Basingstoke: Palgrave Macmillan. 318 pages. ISBN: 9781137409041

Patricia Carolina Saucedo Añez, University of Erfurt

In Media Systems and Communication Policies in Latin America, Manuel Alejandro Guerrero and Mireya Márquez-Ramírez have gathered the work of renowned Latin American scholars from the field of Media and Communication Studies in order to discuss continuities and changes within Latin American media systems. The editors aim to update the English language literature on the media systems of the region; the literature on this subject is scarce and does not properly reflect the dynamic changes that have taken place during the last fifteen years in the region, especially in Argentina, Venezuela, Bolivia and Ecuador.

Guerrero and Márquez-Ramírez delve into the history of the media in the region, which is known for its collaboration with former authoritarian regimes during the 1960s up to the 1980s. Over decades, alliances and client relationships between the media, military dictatorships and political elites (who are often also media owners) led to a concentration of control over Latin American media by a few families and later on by a few media barons and groups such as Globo in Brazil, Televisa and TV Azteca in Mexico and Clarín in Argentina. These relationships between the media and political elites also continued during the democratization process where the owners of media outlets took advantage of democratic liberalization and privatization during the 1980s as well as the application of neoliberal politics during the 1990s.

The editors provide a useful framework to analyse and compare different media systems in Latin American countries. Firstly, they contest the typology of Daniel Hallin and Paolo Mancini (liberal, democratic corporatist and polarized pluralist media systems) and delve into the similarities between the Latin American case and the media landscape in Southern Europe, as proposed by Hallin and Stylianos Papathanassopoulos in an earlier paper in 2002. Hallin and Papathanassopoulos use the examples of Brazil, Mexico and Colombia to compare Latin American media systems to countries in the Mediterranean (Greece, Italy, Spain and Portugal). The media systems in these countries are characterized as polarized pluralist media systems, whereas in Northern and central European countries, political parties are represented in the media and the state and government intervene regarding content and editorial policies. Furthermore, the polarized pluralist model is characterized by client relationships between media, business and political sectors. However, Guerrero and Márquez-Ramírez feel it is necessary to delineate a new ideal hybrid type for Latin America according to recent developments. Thus, by analysing the changes in the Latin American media sector, the editors and contributors of this book explore the specific hybrid and alternative patterns in the region going beyond this model. In Latin America, neither commercial media nor state intervention is synonymous with liberalization or enhancement and protection of the common interest; privately owned media can also be politically and economically instrumentalized.

Although the concentration of media property within a few private groups and the control of the media landscape by them are still central characteristics of the media in the majority of the countries in the region, there are new developments linked to various left-oriented politicians taking office, such as Hugo Chávez and later Nicolás Maduro (Venezuela), Cristina Fernández de Kirchner (Argentina), Eduardo Correa (Ecuador) and Evo Morales (Bolivia). By creating a new legal framework on media policy and reforming existing media laws, these presidents chose to take action on the issue of the concentration of media ownership in a few hands in order to combat the historical media concentration on hegemonic traditional media groups linked to traditional political and economic elites who are often enemies of these governments. However, the editors express their doubts about the apparent good intentions behind these decisions, and stress that media policies have become a standard object in the political discourse in Latin America used by both sides of the dispute. On the one hand, left-oriented governments claim that new media policies and media-related legal systems are used to put an end to the media hegemony of the elites and to allow marginalized groups to access and participate in the media. On the other hand, hegemonic media and oppositional political actors accuse these governments of limiting the right to public expression of contrary opinions by regulating media policies and by setting up a media-related legal system according to their liking.

The editors go on to prove that left-oriented leaders claim they are combating the concentration of media ownership and the interests of economic elites therein. These leaders argue that they had improved access to the media for traditionally excluded and marginalized groups. However, the authors show that media owners blame the left-wing governments for limiting freedom of the press by introducing these regula-tions, and they argue that even progressive media policies can be used to penalize unfavourable media agendas by punishing oppositional media, for example with regu-lations regarding media property or by expropriating and assigning new media licenses to media agents that are on better terms with the government.

With these new considerations in mind, the first two chapters come up with a general framework to analyse the developments in the region, looking specifically at certain historical situations and global changes. In the first chapter, Silvio Waisbord argues that the changes in political and media relations taking place in Latin America cannot be interpreted by looking at them through the lens of the globalization paradigm. He argues that domestic politics should be included in global media studies.

In the second chapter, Manuel Alejandro Guerrero carves out a specific model of media systems, which can be applied to the situation in Latin America. He calls this ideal type “captured liberal model”, an oxymoron which reflects the contradictions of public life in Latin America. The absence and dissolution of media regulations as a consequence of neoliberal politics or through severe mistakes in applying regulations (e.g. the trend toward concentration of media markets; the influence of public spending on advertising; the colonization of media structures by the political class and of political spaces by media agents) lead to the interference of political actors in media coverage and journalistic practices (e.g. absence of adequate mechanisms of protection for journalists; influence of political and corporate interests in journalistic work).

Subsequent chapters show and analyse the situation in various countries: Colombia (Chapter 3); Peru (Chapter 4); Argentina (Chapters 5 and 10); El Salvador (Chapter 6); Guatemala (Chapter 7); Venezuela (Chapter 8); Bolivia (Chapter 9); Brazil (Chapters 11 and 12); Chile (Chapter 14) and Mexico (Chapter 15). In chapter 13, Stella Puente offers an analysis of the market orientation of Spanish-language publishing industries.

Finally, the editors conclude that Latin American media systems share a common historical development of being molded after the US commercial model, which, in theory, makes a formal distinction between state and media markets. However, local, private advertising markets are not strong enough to support the entire media structure. In practice, Latin American media depends on local and national government advertising and government-assigned funds. Additionally, media structures have been consolidated and strongly depend on various political groups. Media owners took ad-vantage of authoritarian regimes and after the transition to democracy, media owner-ship structures remained virtually intact. Moreover, privatization and deregulation processes encouraged the formation and consolidation of media conglomerates. Finally, the trend towards deregulation as well as weak and inefficient law or the discretionary application of law can be contributed to the private economy (e.g. the analysed cases of Brazil, Mexico, Colombia, Guatemala, El Salvador and Peru) and political interests (Argentina, Ecuador, Bolivia and Venezuela) taking over the media system.

This book is a compulsory reading for anyone researching Latin American media, because it offers an up-to-date look at media developments in the region. The question remains, however, whether the relatively new developments in Venezuela, Argentina, Bolivia, and Ecuador are not yet another new hybrid manifestation which is different from the “captured liberal model”, marked by a strong state intervention in media politics and, above all, by struggles between state, media, economic and political actors. Placing these cases under the same umbrella of the captured liberal model underestimates the role of state interventions concerning the emergence of these four specific cases where liberalism is decreasing. In this context, media and audiences are caught in a type of “tug of war”, between the state on the one side, tugging and trying to grab power from the historical hegemonic media barons on the other side. Time will tell which side will win this “tug of war” taking place in Latin America.

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