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Rezension: Postmigrantische Medien. Die Magazine „biber“ und „Migrazine“ zwischen Anpassung, Kritik und Transformation

Ratković, Viktorija (2018): Postmigrantische Medien. Die Magazine „biber“ und „Migrazine“ zwischen Anpassung, Kritik und Transformation, Bielefeld: transcript, 282 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4279-7.

Ricarda Drüeke, Universität Salzburg

Migrant*innen kommen in den traditionellen Medien eher selten selbst zu Wort, zumeist wird über sie berichtet und nicht erst seit dem sogenannten „Sommer der Migration“ im Jahr 2015 werden Migrationsbewegungen in öffentlichen Debatten als Problem wahrgenommen. Der vorliegende Band fußt auf einer an der Universität Klagenfurt eingereichten kommunikationswissenschaftlichen Dissertation. Die Autorin Viktorija Ratković setzt sich darin mit migrantischen Medien auseinander und damit den Selbstartikulationen von Migrant*innen und zeigt die Potenziale und Herausforderungen dieser Medien an der Schnittstelle von Medien- und Kommunikationswissenschaft und kritischer Migrationsforschung auf.

Gleich zu Beginn stellt Ratković heraus, dass es ihr nicht um Fragen der Integration von Migrant*innen geht – eine Begrifflichkeit, die insbesondere in der kritischen Migrationsforschung beanstandet wurde, da das dahinter liegende Konzept zumeist eine einseitige Leistung voraussetzt, nämlich die der Anpassung des*der Migrant*in an die Mehrheitsgesellschaft – sondern um Fragen von Identität. Identität stellt sie als ein vielschichtiges Konzept dar, deren Konstruktionsweisen aus verschiedenen Perspektiven analysiert werden können. Um den Zusammenhang zwischen Fragen von Migration, Medien und Identität nachzugehen, wählt Ratković als Grundlage ihrer empirischen Fallstudien zwei migrantische Magazine und untersucht deren Identifikationsangebote und Anrufungen an die Leser*innen mittels einer Diskursanalyse. Die untersuchten Magazine Migrazine und biber sind in der österreichischen Medienlandschaft zwei der zentralen Magazine, die von Migrant*innen produziert werden und die auch in deutscher Sprache erscheinen. Ratković beschreibt sie auch als Medien, die eine postmigrantische Perspektive auf Kultur, Gesellschaft und Politik einnehmen. Mit dem Begriff der postmigrantischen Medien soll der Perspektivenwechsel verdeutlicht werden, um herauszustellen, dass die Identifikationsangebote und Subjektpositionen, die in diesen Medien angeboten werden, im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.

Wie in Qualifikationsarbeiten üblich, ist der Band in einen theoretischen und einen empirischen Teil gegliedert, wobei insbesondere der Auswertung und Interpretation ein großer Platz eingeräumt wird und so die verschiedenen Identifikationsangebote in den Magazinen ausführlich herausgearbeitet werden. Theoretisch bezieht sich die Autorin auf die Cultural Studies sowie die Gender und Postcolonial Studies. Aus dieser theoretischen Perspektive werden zunächst im ersten Teil der theoretischen Hinführung die verschiedenen Diskurse und Paradigmen um Migration und Medien aufgearbeitet. Im Einzelnen handelt es sich um die Verstrickung von öffentlichen Debatten, Politik und Forschung, Integration und Othering, Kulturalisierung sowie aktuelle Perspektiven, die verschiedene Dimensionen wie Migrationsmanagement und Grenzregimeforschung umfassen. Dieses Vorgehen erstaunt zunächst, erweist sich aber als sinnvoll, um anhand zentraler Diskurse dominante Deutungsmuster von Migration und Migrationsbewegungen aufzuzeigen. Im zweiten Teil des theoretischen Kapitels wird die Bedeutung von Identität im Kontext der Migrationsforschung aufgearbeitet. Identität, so wird mit Bezug zu Sabine Hark argumentiert, ist immer auch als politisches Handeln aufzufassen. Durch den Bezug auf theoretische Konzeptionen wie von Stuart Hall, Michel Foucault und Judith Butler vereint Ratković verschiedene kritische Perspektiven, die Prozesse des Othering, die Ausgestaltung des Denkbaren und Sagbaren sowie performative Handlungen als identitätskonstituierend ansehen und die daraus resultierenden verschiedenen Bedeutungsebenen in den Blick nehmen. Damit greift die Autorin aktuelle Auseinandersetzungen auf, die eine Naturalisierung von Identität und eine Betrachtung als fixe Entität kritisch diskutieren. Begrifflich unterschieden wird dann im Weiteren zwischen alternativen Medien, ethnic media und postmigrantischen Medien. In den folgenden drei Kapiteln werden zentrale Diskurse und Diskursfragmente in den untersuchten Beiträgen der beiden Magazine herausgearbeitet und vergleichend diskutiert. Es handelt sich dabei erstens um „postmigrantische Erfahrungen“, unter die Strategien gegen das Othering und das Spiel mit Zuschreibungen gefasst werden. Der zweite Schwerpunkt liegt auf Geschlechterverhältnissen aus postmigrantischer Perspektive, wo vor allem intersektionale Ansätze und Wandlungsprozesse herausgestellt werden. Drittens werden schließlich mit Bezug auf Oliver Marchart die „Wege aus der Prekarität“ diskutiert. Hier zeigt sich, dass in den beiden Magazinen unterschiedliche Diskursfragmente deutlich werden. Migrazine betont die Notwendigkeit von Bündnissen, während biber individualistischer argumentiert und so die Leistungsfähigkeit von Individuen herausstellt. Dieser Befund spiegelt sich auch in der abschließenden vergleichenden Diskussion der beiden Magazine wider. Migrazine zeichnet sich durch ein hohes Bewusstsein über diverse Problematiken beim Umgang mit Migration aus, während in biber teilweise an hegemoniale Diskurse angeknüpft wird, indem etwa Interkulturalität als zentrales Konzept herausgestellt wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ratković eine fundierte Arbeit aus Perspektive der kritischen Migrationsforschung vorgelegt hat. Sie distanziert sich nachvollziehbar von Forderungen nach Integration von Migrant*innen und stellt heraus, wie wichtig es ist, neuere theoretische Ansätze einzubeziehen, um einen umfassenden Blick auf gegenwärtige Migrationsbewegungen und die Auseinandersetzung mit migrantischen Perspektiven in den Medien zu bekommen. Auch wenn die Arbeit vermutlich stark am Aufbau der eingereichten Dissertation orientiert ist, was die Ausarbeitungen teilweise etwas schematisch wirken lässt, bereichert sie die derzeitigen Forschungen zu Migration und Medien in Österreich. Der Einbezug aktueller Entwicklungen wäre für das Fazit wünschenswert gewesen, doch auch so bieten die Ausarbeitungen von Ratković lohnende Anknüpfungspunkte aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive.

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