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Rezension: Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht.

Suliman, Aktham (2018): Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht. Frankfurt: Nomen. 232 Seiten. ISBN978-3-939816-40-9.

Sabine Schiffer, Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, Frankfurt am Main

Aktham Suliman, dem ehemaligen Journalisten des katarischen Fernsehsenders Al-Jazeera, der als Begründer des Korrespondentenbüros in Berlin Geschichte schrieb, ist mit seinem Buch „Krieg und Chaos in Nahost“ eine wichtige Chronik gelungen. Diese verdient es in einer Fachzeitschrift für Kommunikationswissenschaft besprochenzu werden, weil der Autor sowohl als Journalist, als auch nun als Chronist einen wichtigen Teil des Diskurses zwischen Nahost und „dem Westen“ und seiner medialen Repräsentanz darstellt. Er reiht sich damit in eine Tradition kritischer Journalisten ein, wozu auch Joris Luyendijk mit seiner lesenswerten Medienkritik „Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges“ gehört und die unbedingt in die kritische Journalismusforschung einbezogen werden müssen – wozu auch die Analyse der Veränderungen durch neue Kommunikationskanäle gehören, auf die der Autor ebenfalls eingeht.

Bei dem autobiografisch geprägten Werk Sulimans handelt es sich weniger um eine Abrechnung von „Mr. Al-Jazeera“ mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, was man aufgrund der Richtungsänderung im Sender seit 2011 hätte erwarten können,vielmehr analysiert und ordnet der ehemalige Korrespondent seine sehr genauen Beobachtungen ein zwischen Politik, der Wirtschafts- und Medienentwicklung und den Folgen einer selektiven Wahrnehmung der Betroffenen hüben wie drüben.

Nicht nur aufgrund seiner genauen Sprachbeobachtungen im medialen Diskurs, ist das Buch wertvoll, sondern auch wegen der Ausleuchtung sehr relevanter Details, die im Mediendiskurs ansonsten schnell untergehen. Zwar basieren die Schilderungen auf den Erfahrungen des Autors, weshalb er außer im Fließtext keine weiteren Quellen nennt, dennoch hält die Überprüfung von Daten und Fakten dem ersten Eindruck stand, dass es sich um eine rein subjektive Anekdotensammlung handeln könnte. Subjektiv ja, aber mit einordnendem und theoretischem Verstand – und anekdotisch nur am Rande, denn ohne so manche Hintergrundschilderung lassen sich die Verwerfungen in Nahost nicht verstehen.

Suliman konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei Aspekte seiner Rekapitulation der jüngsten Geschichte: Er will „den Arabern“ ein Gesicht geben und er will zu einer kritischen Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen des Journalismusim Nahen Osten und Mittleren Osten und darüber hinaus einladen – beides gelingt ihm, wobei er dabei auch den Blick ins gegenwärtige Deutschland ermöglicht, etwa wenn er seine differenzierten Sprachbeobachtungen mittels der Wörter des Jahres des Instituts für Deutsche Sprache erörtert oder arabische Soaps mit einem Titel wie „Schlechte Zeiten, noch schlechtere Zeiten“ augenzwinkernd kategorisiert.

Seine Schilderungen geben tiefen Einblick in Ereignisse, die man in der breiten Öffentlichkeit und weniger mit der MENA-Region Vertrauten nur oberflächlich kennen dürfte – etwa den kuriosen Anruf des damals noch unbekannten Hamid Karzai aus einer Höhle in Tora Bora just zu dem Zeitpunkt der Petersberger Konferenz, der über die Zukunft Afghanistans entschied.

Sulimans persönliche Sicht wird durch seinen Humor geprägt, denn ohne diesen ist weder seine Haltung zu verstehen, noch die Situation zu ertragen. Zumal er anhand des Schicksals dreier Bekannter, die während ihrer journalistischen Tätigkeit ums Leben kommen, den vielen anonymen Leben und Tragiken der Region um den Irak etwas mehr Plastizität und menschliche Nähe gibt, die allzu oft hinter Zahlen und Routinen verschwindet.

Der Autor betont, dass es sich um „EINE arabische Sicht“ handelt und lädt dazu ein, sich einzulassen auf eine Wahrnehmung von verschiedensten Menschen, die sich seit 1991 (der sogenannten „Befreiung Kuwaits“) im Kriegszustand sehen. Einleitend schreibt Suliman: „Nichtsdestoweniger sei daran erinnert, dass just aus jener arabischen Sicht – allen Nachrichtenbildern zum Trotz – im Nahen Osten nicht nur gestorben und geweint, sondern auch gelebt und gelacht wird.“ (S. 13)

Anhand eines Witzes macht der ehemalige Irak-Korrespondent auf das Dilemma der Grenzziehung zwischen legitimem völkerrechtlichen Widerstand und Terrorismus aufmerksam mit einem Verweis auf die kritisch zu betrachtende Rolle der Medien:

„Stell Dir vor, drei bei dem Schusswechsel getötete Gestalten erreichen Gott im Himmel am Tag des Angriffs. […] Der eine ist ein amerikanischer Soldat. Er kommt wahrscheinlich in die Hölle, weil er ein fremdes Land besetzte. Der andere ist ein Freiheitskämpfer [für sein Land]. Dieser kommt vermutlich ins Paradies, weil er sein Land befreien wollte. Doch was soll Gott von dem verdammten Toten mit derKamera in der Hand halten? Wohin mit diesem?“ (S. 139)

Bei medienethischen Fragen zieht der erfahrene Journalist keine Grenze zwischen westlichen und arabischen Medien, er nimmt alle in die Pflicht und verweist auf fatale Mechanismen – etwa die dramaturgisch durchgeplante Besetzung von Talkshows, die im Westen dem Bild des Westens von der Sachlage folgt, nicht der Sachlage vor Ort. Darüber hinaus macht er die Auswirkungen deutlich, die die Einführung von Youtube und die Entwicklung von Smartphones auf den Journalismus (und die Kriegsbericht­erstattung) hatten, und betont, dass es die klassischen Medien seien, die die Social-Media-Beiträge ausgewählter Aktivisten erst adeln und der Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit zuführen. Die teilweise Inszenierung der „Arabellion“ sei anders kaum zu verstehen. Man mag sich hier aktuell ruhig aufgefordert fühlen, über den medialen Umgang mit den Tweets Donald Trumps nachzudenken.

„Das Bild als Nachricht“ markiere in Zeiten sogenannter sozialer Medien einen Schub in Richtung Emotionalisierung. Die etablierten Medien könnten nun aus einem großen Fundus an Bildmaterial aussuchen, egal wie untypisch ein Bild für eine eigentlich erklärungsbedürfte Situation oder Entwicklung ist. Damit werde der postfaktische Medien-Diskurs untermauert, so dass man nicht mehr so sehr glaubt, was man sieht, sondern sieht, was man glaubt – man könnte auch sagen, glauben will (S. 200). Über den Schaden, den die jüngsten Entwicklungen bzw. Interventionen im Nahen Osten angerichtet haben – der auch ein Imageschaden für die Idee von „Demokratie“ ist, die zu oft zu Zwecken von Interventions-PR missbraucht wurde – philosophiert der Autor am Ende des Buches und ordnet den eskalierenden Dauerkriegszustand ein in mögliche Strategien zwischen Fukuyamas „Ende der Geschichte“ und Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Nicht von ungefähr ist man erinnert an politische Analysen à la Michael Lüders, die selbstkritischen Reflexionen eines Deserteurs namens Joshua Key und – wie bereits erwähnt – die Journalismusanalyse mit dem Schwerpunkt Naher Osten eines Joris Luyendijk. Aber nicht zuletzt die dem Autor von „Krieg und Chaos in Nahost“ eigenen humorvollen Zuspitzungen laden hier zum reflektierenden Perspektivwechsel ein. Man kann nur wünschen, dass er gelingt und beispielgebend für die kritische Analyse ist.


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