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Rezension: Hate Speech in den Massenmedien. Theoretische Grundlagen und empirische Umsetzung.

Sponholz, Liriam (2018): Hate Speech in den Massenmedien. Theoretische Grundlagen und empirische Umsetzung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 454 Seiten. ISBN 978-3-658-15076-1.

Christine Horz, Ruhr-Universität Bochum

Was gilt als Hate Speech – und was noch als robuste Meinungsäußerung? Darüber streiten nicht nur Politik und Öffentlichkeit; auch (Kommunikations-)wissenschaftler ringen um definitorische Abgrenzungen. Betrachten sie es als medial verbreitete Hassbotschaften, die keiner weiteren Theoretisierung bedürfen? Oder, wie LiriamSponholz in ihrer Habilitationsschrift ausführlich darlegt, ist Hate Speech „nicht zuerst eine Frage ‚böser Worte‘, sondern einer Streitfrage, ein prominenter Stoff für Kommunikationskonflikte“ (21)? Und sie definiert Hate Speech weiter als „öffentliche[] Kommunikation bewusster und/oder intentionaler Äußerungen oder Botschaften mit diskriminierenden Inhalten“ (21/22). Dies überrascht zunächst. Zum einen, weil Hate Speech bis lang in der Kommunikationswissenschaft mit Beleidigung und Entzivilisierung öffentlicher Debatten um Migration und Flucht, überwiegend im Internet, assoziiert wird wie u.a. Kai Hafez in einem Beitrag für Communicatio Socialis (4/2017) darlegt. Und zum anderen, weil Sponholz issues lediglich mit Streitfragen übersetzt. In der Medien- und Kommunikationswissenschaft wird issues gemeinhin mit Themen oder Streitfragen übersetzt (wobei erste Übersetzung üblicher ist). Erst später geht Sponholz darauf ein, warum sie lediglich eine der beiden Möglichkeiten gewählt hat, obwohl diese Wahl den Verlauf der Arbeit entscheidend prägt.

Im Theorieteil nimmt die umfassende definitorische Abgrenzung von Hate Speech rund sechzig Seiten ein. Dabei macht Sponholz eine interessante Beobachtung: in der zitierten Literatur würde Hass als Emotion und damit individuelles Phänomen betrachtet und nicht als soziale Figuration, wie sie selbst vorschlägt. Insofern bedürfe es laut dieser Studien lediglich eines rationalen Umgangs, um das Problem zu lösen. Der unscharfe Begriff Hate Speech führe folglich in die Irre und würde zahlreiche Aspekte, wie den Kampf um Ressourcen, verschleiern. Auch der Wortteil speech bzw. Rede in der Nominalkomposition Hate Speech sei zu beschränkt, so die Autorin weiter, und nennt das Beispiel brennender Kerzen, die als Hassaktion vor den Häusern afro-amerikanischer Familien aufgestelltwürden.

Anders als Kai Hafez in o.g. Beitrag grenzt Sponholz Hate Speech von Political Incivility ab. Bei letzterer würden sich zwei Menschengruppen gegeneinander stellen, beiHate Speech würde jedoch behauptet, zwei Menschengruppen seien unvereinbar, was Sponholz zu einem zentralen Begriff in ihrer Arbeit führt: der Antinomie.

In Kapitel drei geht die Autorin nun genauer darauf ein, was sie unter Hate Speech als Streitfrage versteht, nämlich einen „Kampf um Werte, um Macht“ (99). Themen seien dagegen lediglich die Bestandteile einer Streitfrage. Mit diesem Vorlauf kann sie nun die Mechanismen der Entstehung einer Streitfrage sowie einer „HateSpeech– Streitfrage“ (108) offenlegen. Die Problematisierung einer Gruppein der Öffentlichkeit bedeutet demnach, dass diese Gruppe erst als Problemmarkiert wird, was sich in Hate Speechniederschlagen kann. Nach Sponholz werden Gruppen insbesondere zum Gegenstanddes Hasses, wenn in Medien Antinomien von Gruppen gebildet werden.

Ein weiterer zentraler Begriff in ihrer Arbeit ist jener der „sozialen Repräsentationen“ nach Moscovici, die letztlich dem „rassistischen Wissen“ bei Terkessidis (1995) ähneln. Demnach enthalten Repräsentationen fixe und flexible Anteile, die Rassismus immer wieder aktualisieren und damit als nachhaltig verfestigtes Phänomen erscheinen lassen. Sponholz macht jedoch deutlich, dass es auf unterschiedlichen Gesellschaftsebenen verteilt ist. Erst wenn „Hate-Speech-Antinomien“ von andere Gruppen übernommen werden, münden sie in Hate Speech.

Ein Schlüsselkapitel stellt 3.3.5 dar, weil Sponholz hier auf die Frage eingeht, warum eine Antinomie soziale Repräsentationen und nicht etwa Stereotype produziere. Stereotype enthalten demnach fixe Konzepte, seien unterkomplex. Soziale Repräsentationen hingegen seien „Handlungs- und Wertesysteme und enthalten damit ein höheres Komplexitätsniveau“ (124). Unklar bleibt hier, warum Sponholz das anschließend angesprochene Framing-Konzept nicht zentraler in ihrer Arbeit verankert, obwohl es in der empirischen Analyse als Erklärungsmodell für mediale Repräsentationen verwendet wird, die sich aufgrund der Wesensmerkmale der institutionalisierten Medien von den sozialen Repräsentationen unterscheiden.

Kapitel vier erstreckt sich über mehr als hundert Seiten und versucht der Frage auf den Grund zugehen, wie Medien mit Hate Speech umgehen. Relativ banal ist die Erkenntnis über die Agenda-Setting-Prozesse der Hater: Entscheidend sei das „Medienkapital“, also das Vermögen, ihre konflikthaften Streitfragen in die öffentliche Debatte tragen zu können. Gelingt ihnen das, erhält Hate Speech Legitimität durch die rationale Thematisierung in den Medien: „Indem sie diskutiert werden, werden sie auch diskutabel“ (196).

Erst im Empirieteil in Kapitel fünf wird deutlich, welche Protagonisten von Hate Speech Sponholz im Auge hat, in dem sie bekannte antimuslimische Publikationen von Thilo Sarrazin und Oriana Fallaci als Fallstudien benennt. Nach dem langen theoretischen Vorlauf ist zwar schlüssig, warum Sponholz nicht die mit Hate Speech assoziierten Foren wie digitale soziale Netzwerke untersucht. Dennoch mutet es abermals eigenwillig an, beispielsweise Thilo Sarrazins islamfeindliches Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) als Teil einer öffentlichen Streitfrage und nicht etwa als „anti-tabuistischen Gestus“ zu bezeichnen, der nur das rassistische Potenzial in der Bevölkerung zum Vorschein bringt, das ohnehin vorhanden ist. Sarrazin gilt als Medienerfindung und auch Sponholz ist der Ansicht, dass Medien zur Normalisierung dieser Diskurse beitragen, indem sie dessen islamfeindlichen Äußerungen eine Bühne bieten. Neben dem Gegenstand der Kontroverse untersucht Sponholz anhand eines quantitativen Designs u.a. Kategorien wie die Zeit- und Sachdimension, die soziale Dimension – verstanden als Netzwerk der PolemikerInnen, das Medienkapital der AkteurInnen sowie die Folgen von Hate Speech.

Im Ergebnis wird der Medienkonflikt um die Bücher von Sarrazin und Fallaci als „Kontroverse um Hate Speech“ (419) bewertet. Sie bettet bspw. Sarrazins Thesen in den schon länger islamfeindlichen Diskurs der Medien ein, die das „Problematisierungsangebot des Polemikers“ (420) dankend angenommen und dadurch rationalisiert hätten. An dieser Diagnose Sponholz‘ wird deutlich, dass ihre Hate Speech-Definition womöglichzu weit gefasst ist, denn zahlreiche Agenda-Setting-Studien zur Islamdarstellung in den Medien sowie jene mit Agenda-Building Fokus sogenannter Islamexperten kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Sponholz hat diesen kritischen Einwand offenbar antizipiert, denn im Resümee grenzt sie Hate Speech von Hateful Speech ab, die sprachlich direkter vorgehen würde. Teilweise wirkt die Argumentation etwas zu ausufernd, worunter die Präzision leidet. Das Lektorat hätte etwas sorgfältiger arbeiten können, denn die Arbeit enthält eine Reihe von Orthografie- und Grammatikfehlern. Insgesamt kann der Mehrwert der Studie darin gesehen werden, dass Hate Speech „als ein Gefüge von Handlungen“ betrachtet wird, das „durch Kommunikation nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Sinn, Gestalt, Relevanz und Legitimität für die symbolische und/oder materielle Ausgrenzung von Menschen aufgrund einer Kategorie verleih[t]“ (443).

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