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Rezension: Grenzüberschreitender Journalismus. Handbuch zum Cross-Border-Journalismus

Alfter, Brigitte (2017): Grenzüberschreitender Journalismus. Handbuch zum Cross-Border-Journalismus. Köln: Herbert von Halem Verlag. 204 Seiten. ISBN 978-3869622323.

Liane Rothenberger, Ilmenau

Dieses Buch ist eines, das sich Redaktionen leisten sollten, die über den nationalen Tellerrand hinausschauen möchten. Laut Einband versprechen die 200 Seiten (davon zehn mit Literaturquellen) eine „praktische Einführung in die neue journalistische Arbeitsmethode“, nämlich die Zusammenarbeit von Journalisten in internationalen Teams, auch genannt „Cross-Border-Journalismus“. Dass Journalistinnen und Journalisten über Ereignisse berichten, die mehrere Länder betreffen und auch mal Dokumente austauschen, gab es vermutlich schon immer – ob Affäre Dreyfus oder Auslandskorrespondenten während der Zeit des Völkerbundes. Dass sie aber ihre Recherchen penibel aufeinander abstimmen und sich über einen gemeinsamen Termin zur Veröffentlichung verständigen, das, so Alfter, sei erst in den 1970er Jahren in den USA durch eine Bewegung zum Recherchejournalismus entstanden.
Alfters Buch erschien auf Dänisch bereits 2015 und demnächst soll eine englische Version publiziert werden. Es ist chronologisch am journalistischen Prozess orientiert: von der Idee über die Recherche zur Veröffentlichung, Weitergabe von Erfahrungen an Kolleginnen und Kollegen und Vorbereitung der nächsten Recherche(idee). Häufig bleibt einiges an Recherchematerial ungenutzt, was wiederum den Ausgangspunkt für weitere Recherchen bilden kann. Cross-Border-Journalismus ist eine oft langwierige und mühselige Arbeit: Wie erhalte ich eine Liste mit polnischen Landwirten, die EU-Subventionen empfangen, wenn die EU sie gar nicht herausgeben will? Wie suche ich einen geeigneten polnischen Journalisten, der in seinem Land direkte Anfragen stellt?
Alfter beruft sich bei ihren Ausführungen und Tipps auf eigene Erfahrungen sowie Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Dass sie ihr Buch stark normativ an journalistischen Idealen ausgerichtet hat, zeigt sich daran, dass sie die zehn universellen Regeln für Journalismus nach Kovach und Rosenstiel (2001) wiedergibt (S. 99); darunter Forderungen wie „Die Loyalität des Journalismus liegt bei den Bürgern.“ Da jede Bürgerin und jeder Bürger heute in globale Zusammenhänge eingebunden ist – beispielsweise in das grenzüberschreitende Wirtschaftssystem –, plädiert die Autorin dafür, nicht nur „bis zur nationalen Nasenspitze“ (S. 76) zu schauen. Sie gibt die Anregung, dass Journalistinnen und Journalisten Ideen für internationale Themen und Daten unter anderem auf wissenschaftlichen Konferenzen finden. Journalisten sollten dieses Expertenwissen und analytische Perspektiven für ihr Hintergrundwissen viel stärker nutzen. Wichtig sei, dass man nicht nur über Grenzen hinweg arbeite – was in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung recht einfach möglich ist –, sondern vor allem denke. Die Teammitglieder müssten sich ergänzen. Kann der Eine eine bestimmte Fremdsprache, hat die Andere vielleicht ein spezielles Fachwissen oder ein Anderer wiederum durch bestimmte nationale Gegebenheiten leichter Zugang zu benötigten Dokumenten. Alfter reichert ihre Ausführungen durch Fallbeschreibungen an: LuxLeaks, Tabakschmuggel, EU-Agrarsubventionen, Kampf gegen Chemiekonzerne, Ungereimtheiten bei Migrantenzahlen und schwache Kontrolle von Medikamenten.
Eine Stärke des Buches ist auch das Layout mit grafisch abgehobenen Checklisten, Definitionen und „gutem Rat“ von erfahrenen Cross-Border-Journalisten. Ein paar Ratschläge: viel Zeit mitbringen für die Recherche, an möglichst wenigen Aufgaben parallel arbeiten, Elan ins Netzwerken stecken. Respekt und Feinfühligkeit zeigen, auch interkulturelles Verständnis mitbringen. Das Buch gibt Antworten auf ganz praxisnahe Fragen wie: Brauche ich einen Rechtsbeistand, auch wenn ich auf das Informationsfreiheitsgesetz pochen kann? Wie stößt man auf ein relevantes Thema und wie bereitet man es systematisch auf? Wie koordiniert man 80 Journalisten, die in 26 Ländern zum gleichen Thema recherchieren? Ganz wichtig sind hier Absprachen im Vorhinein: ethische Standards, Finanzierung, Arbeitszeiten bei Zeitverschiebung, Dateiformate und Datensicherheit bei Cloud-Lösungen – die Liste lässt sich leicht fortsetzen. Alfters Tipp für ein gutes Team: auf Empfehlungen hören, sich persönlich kennen lernen und schauen, ob man auf einer Wellenlänge liegt (in ihrem Buch skizziert sie die vier Grundtypen nach Glahn (2004) „Einzelgänger, Geselliger, Berechnender und Brückenbauer“). Während der gesamten Arbeitsphase sollte man dann in einem gemeinsamen „Logbuch“ (S. 155) die Rechercheschritte mit Informationen, beispielsweise zu Sprache und Format des Dokuments, festhalten.
Am Ende des Buches hat man das Gefühl, dass man das zwar alles irgendwie schon gewusst hat (wenn man Nachrichten über internationale Rechercheverbünde wie bei LuxLeaks oder den Panama-Papers verfolgt hat), dass die Lektüre aber auf jeden Fall bereichernd ist und die Arbeitsweise „Cross-Border-Journalismus“ an Klarheit gewinnt. So kann jeder Journalist und jede Journalistin sich selbst im Vorhinein prüfen, ob sie für grenzüberschreitende gemeinsame Recherchen geeignet wäre. Wem das Buch noch nicht reicht, dem schlägt Alfter vor, eine der Konferenzen und Workshops zum Thema „Cross-Border- oder Investigativjournalismus“ zu besuchen oder sich auf Webseiten wie denen des „International Consortium of Investigative Journalists“ oder des „Netzwerk Recherche“ zu informieren.

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